Kultur

Amélie-Erfinder nimmt es mit Waffenindustrie auf

Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 14.07.2010

Jean-Pierre Jeunet, Erfinder der fabelhaften Amélie, erzählt in seinem neuen Film «Micmacs à tire-larigot» ein groteskes Märchen von kuriosen kleinen Leuten und ihrem Kampf gegen die Waffenindustrie.

Jean-Pierre Marielle (links) und Dany Boon auf dem Pariser Schrottplatz, wo sie Rachepläne schmieden.

Jean-Pierre Marielle (links) und Dany Boon auf dem Pariser Schrottplatz, wo sie Rachepläne schmieden.
Bild: PD

Der Film

Micmacs à tire-larigot (F 2009). 104 Minuten. Regie: Jean-Pierre Jeunet. Mit Dany Boon, Dominique Pinon, André Dussollier, Julie Ferrier u. a. Ab morgen in Zürich im Kino Arthouse Le Paris.

Der Trailer

Es scheint immer, der französische Regisseur Jean-Pierre Jeunet mache Filme, um der Welt eine poetische Gerechtigkeit zu geben, die sie nicht hat. Auch jetzt bei «Micmacs à tire-larigot».

Jeunet hat einen Sinn fürs liebe alte Märchen, für das Unmögliche und doch Vorstellbare, für das Zeitlose in der Gegenwart. Ein skurriler Geist fügt alles unwahrscheinlich logisch zum Guten, da kann die teuflische Realität sich sträuben, wie sie will. Kleine Leute, quasi erfindungsreiche Kobolde, tapfere Schneiderlein und hochbegabte Aschenbrödel, vereinigen ihre Talente und nehmen es sehr erfolgreich auf mit den Riesengrosskotzen, die ihnen an Leib und Leben wollen.

Die Kleinen holen sich nur blaue Flecken

Natürlich, die Kleinen holen sich an der Wirklichkeit ihre blauen Flecken, aber im Grunde sind sie begnadet mit einer fast metaphysischen Unverwundbarkeit; und es gilt für Jeunets Figuren im Film, was Alfred Polgar einmal von den sympathischen Helden des «Groteskfilms» schrieb: «Wenn die Not am höchsten ist, ist das Not-Wendige, das Not Wendende, am nächsten. Man könnte religiös werden.»

Jeunets Grotesken («Delicatessen», «La cité des enfants perdus», und selbst die Amélie war ja grotesk auf ihre feengleiche Art) haben ein zartes, jedoch konsequentes Wesen. Ihr Makabres ist friedfertig – das aber gnadenlos: Es wurden schon sehr blutrünstig Menschen verwurstet. Vielleicht hat Jeunet deshalb das Angebot abgelehnt, den fünften Teil von «Harry Potter» zu inszenieren; kann sein, dass ihm das rein Magische zu wenig Märchen für Erwachsene war. Nur schwer wäre dort zum Beispiel – wie in «Micmacs» – ein Waffenfabrikant (André Dussollier) unterzubringen, dessen ihm Teuerstes eine Sammlung säkularer Reliquien ist, darunter ein Auge Mussolinis, ein Daumen von Matisse und das Herz Ludwigs des Vierzehnten. Solche Kuriositäten gehören aber in die jeunetschen Eigenwelten, die manchmal kindlich sind, doch nichts für Kinder.

Das richtige Leben im falschen

In der Welt von «Micmacs» hat der Märchengeist sogar einen äusserst lebensgefährlichen und giftigen Humor bei der Herstellung von Gerechtigkeit. Er denkt langfristig und nimmt zunächst einmal in den 70er-Jahren dem Knaben Bazil den Vater durch eine Landmine aus französischer Produktion. Sodann macht er diesen Buben zu einem etwas infantilen Videotheksangestellten; und eines Tages sorgt er dafür, dass Bazil eine Pistolenkugel in den Kopf bekommt. Es ist alles Teil des Märchenprojekts. Bazil (Dany Boon aus «Bienvenue chez les Ch’tis») überlebt, aber es kippt ihn aus einem unnützen Leben in ein anderes, unterweltliches – gewissermassen das richtige Leben im falschen.

Sein örtliches und seelisches Zentrum ist eine metallene Grotte auf einem Pariser Schrottplatz. Es herrscht dort der Charme eines Kuriositätenkabinetts, und es leben dort ganz fabulöse Wesen. Ein wundervoller Ort, um einen subtilen Racheplan gegen die oberweltliche Waffenindustrie, man darf bei so viel Metall wirklich sagen: zu schmieden.

Schlangenfrau im Kühlschrank

Denn darauf (und auf ein gerechtes, auf Youtube verbreitetes Ende) läuft es hinaus – inspiriert von Bazil, der eine Verbindung hergestellt hat zwischen der Kugel in seinem Kopf und den Millionen Kugeln in Millionen anderen Köpfen. Die konkrete Art der Rache verflicht dann das Beste, was die Schrotthöhlenbewohner zu bieten haben; und was da nun Jean-Pierre Jeunet personell wieder eingefallen ist, ist grandios abstrus.

Einfach zur Verlockung hier einige der auftretenden Kobolde und Koboldinnen:

  • jener Schurke (Jean-Pierre Marielle), bei dessen Hinrichtungstermin 1959 die Guillotine klemmte und der deshalb übers Sterben hinaus ist;
  • jene Mademoiselle Caoutchouc (Julie Ferrier), eine Schlangenfrau, die sich derart in Kühlschränke und kleine Schachteln hineinfaltet, dass man sie unauffällig in Waffenfabrikantenbüros schmuggeln kann;
  • jener Remington (Omar Sy), ein afrikanischer Liebhaber getippter Listen von Fundsachen und französischen Redewendungen, die sehr brauchbar sind, wenn Waffenhändler an die Wand geredet werden müssen;
  • oder Fracasse (Dominique Pinon) und Calculette (Marie Julie Baup): diese ein zwanghaftes Kalkulationswunder, das ballistische Flugbahnen nach Augenmass schätzt, jener eine oft reparierte menschliche Kanonenkugel; und beide nützlich beim artistisch geplanten Diebstahl von Fernlenk-Raketen.

Handarbeit und Youtube verbunden

Diese also und andere folgen Bazil in einem hinreissenden, theatralischen Intrigenspiel: Riesentöter, aber ohne dass es Tote gibt, anarchische Krieger des Friedens, ausgestattet mit dem Witz der Subversion und mit einem selbst gebastelten Equipment, das den neumodischsten Agentenfilm-Gadgets ebenbürtig ist. So verbinden sich Handarbeit und Youtube aufs Schönste (Ausstattung: Aline Bonetto). Dieser Film ist auch ein Lob des subversiven Bastelns, eine einzige Nostalgie nach der lebenden Seele von weggeworfenen Dingen. Jeunet ist unter den Kuriosen ein ganz Grosser: ein Bruder im Geist von Buster Keaton und Terry Gilliam.

Nach so viel Lob müssen allerdings die Realisten unter uns gewarnt werden, zu viel Wirklichkeitsboden und psychologische Solidität zu erwarten. Die Fantasie Jeunets ist überbordend, der Verzicht ist nicht seine Sache (der französiche Ausdruck «à tire-larigot» bezeichnet ein reiches Übermass). Manchmal wirds durchsichtig, und man sieht die Fäden, an denen er seine Figuren führt. Aber es ist anderseits auch das Feine und Beruhigende eines Märchens, dass man bald ahnt: Der Bazil wird die Mademoiselle Caoutchouc bekommen wie das tapfere Schneiderlein die Prinzessin und das halbe Königreich, nachdem er zwei Riesen beschissen und eine Wildsau in eine Kapelle gesperrt hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2010, 08:23 Uhr

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