Der feminine Horror
Von Simone Meier. Aktualisiert am 18.01.2011 3 Kommentare
Es ist ausgerechnet Gölä, der einem auf dem Weg zu «Black Swan» von Darren Aronofsky durch den Kopf spukt. «E Schwan so wiss wie Schnee ...» Umgewandelt in: «E Schwan so schwarz wie Tee ...» Aber dann ist auch schon fertig lustig. Denn so wie «Schwanensee» (1877), das Ballett mit der zehrenden, nach Schmerz süchtigen Musik von Tschaikowsky, das grösste Melodram der Ballettgeschichte ist, so ist auch «Black Swan» ein dunkles Melodram, in dem Körper und Seele einer jungen Frau zwar nicht geteert, aber immerhin fulminant gefedert untergehen.
Sie (Natalie Portman) ist eine New Yorker Ballerina und heisst Nina. Für ihre Mutter (Barbara Hershey) ist sie auch als Erwachsene noch ein «sweet girl», ihr Zuhause ist rosa mit einem grellen Stich ins Unheimliche, die Spieldose neben ihrem Bett spielt «Schwanensee», ihr Handy-Klingelton ist aus «Schwanensee», das Lebensziel ihrer jungen Jahre ist, die schizophrene Doppelrolle in «Schwanensee» tanzen zu können: den fragilen weissen und den vitalen schwarzen Schwan, die klassische Doppelung aus Jungfrau und Hure, keuscher Erotik und Sex.
Voll von tragischer Liebe
Die Geschichte des romantischen Handlungsballetts, jener im vorletzten Jahrhundert in Russland und Frankreich blühenden Traumfabrik, ist voll von tragisch verliebten Jungfrauen, die verzaubert werden und später im Wahnsinn verenden – oder gleich den Liebestod sterben und als federleichte Gespenster zurückkehren. Sei es als weisse Schwänin in «Schwanensee», die nur nachts zur Frau werden darf und erst durch die ungetrübte Liebe und Treue eines Mannes in einen Menschen zurückverwandelt werden kann (was schiefgeht, weil sich der Mann auf einer Party von einer lasziven schwarzen Schwänin verführen lässt). Sei es als untote Selbstmörderin in «Giselle», die aus dem Grab heraus spukt.
Im heutigen Vampir-, Werwolf-, und Zombie-Slang würde man sie als «Shape Shifters» bezeichnen, als Wandelwesen. Der feminine Horror versteckt und verrenkt sich da aufs Schönste in einem Kostüm, das aussieht wie ein Brautkleid mit Beinfreiheit: im unschuldig weissen Tutu.
Nina wächst nicht ans Herz
Und so ist es denn auch stimmig, dass Darren Aronofsky, dem vor drei Jahren nach seinem unerträglichen Esoterik-Flop «The Fountain» mit dem Wrestler-Film «The Wrestler» ein handfester Überraschungshit gelang, nun in die schwarzromantischen Szenarien und den Körperkult der Ballettwelt abtaucht. Wie einst Randy the Ram (der grossartige Mickey Rourke) ist auch Nina the Ballerina in der Radikalität ihres Berufs eine Monstermaschine der Selbstzerstörung. Und einige Szenen in «Black Swan» – zum Beispiel das Finale – sind in einen Jungbrunnen geworfene Spiegelbilder aus «The Wrestler». Doch im Gegensatz zu Randy, der am Rand der Wrestling-Arena zu einer rührenden Ruine wird, wächst einem Nina bei allem Leid nicht ans Herz. Zu streng und klinisch kühl ist sie in ihrem alles verschlingenden Ehrgeiz, zu masochistisch ihr Martyrium.
Doch was «Black Swan» an Emotionen nicht herzustellen vermag, das macht er mit Tempo, Spannung, Sex und Irrsinn wett. «Black Swan» ist nicht sensibel und nicht zimperlich, sondern in allem sehr plakativ, wie es der Tradition von Horrorfilmen entspricht. Es gibt den dämonischen Choreografen (Vincent Cassel), der Nina klarmacht, dass sie nur via Sex zu einer erotischen Ausstrahlung auf der Bühne kommt, flankiert von der grauenhaft überspannten Mutter, die den ganzen Tag zu Hause sitzt und die Wände mit expressionistischen Fratzen dekoriert. Es gibt die neurotische, abgesetzte Primaballerina (Winona Ryder), die nach einem Unfall entstellt im Spital liegt. Und es gibt – welche Erleichterung! – Lily (Mila Kunis), eine coole Kalifornierin mit tätowierten Flügeln auf dem Rücken, die im Ballettsaal raucht, Nina erst zu Drogen und dann zum Sex verführt.
Ein Blendwerk des Kinos
Entlang der «Schwanensee»-Handlung, die in der ersten Hälfte des Films aufdringlich oft von Cassel erklärt wird, verwirrt sich Ninas Geist zusehends. Je grandioser ihr Tanz wird, desto grandioser wird auch ihre geplagte Vorstellungswelt; die Farbe Rot – bei Aronofsky stets ein Indikator von zunehmendem Wahnsinn – findet Eingang in die schwarz-weiss-rosa Schwanenwelt, Tschaikowskys Soundtrack wird zur Foltermelodie, Ninas schöner Leib zum Austragungsort infernalischer Kämpfe und Verwandlungen. Nie wurde das Wort Hühnerhaut wörtlicher genommen. Was mit Aronofskys üblicher, unspektakulärer Handkamera beginnt, mündet in ein rauschhaftes cineastisches Blendwerk.
Aronofskys Schwanengesang auf eine Welt, in der Frauen wie mechanische Puppen funktionieren, ist zugleich ein äusserst melancholischer Abgesang auf die alte Welt des klassischen Balletts, die nie eine amerikanische war. Sie wurde im letzten Jahrhundert von einer exilierten russischen Hochleistungs-Boheme nach Amerika und besonders nach New York gebracht. Auch George Balanchine, dem die Figur von Cassel nachgebildet ist, hiess ursprünglich Georgi Melitonovitch Balanchivadze und stammte aus Sankt Petersburg. Und auch Ninas Mutter, selbst eine ehemalige Tänzerin, gleicht den russischen Ballett-Sauriern, die den Amerikanerinnen Haltung beibrachten, bis in die letzte Haarsträhne.
Kunst und Leben verschmelzen
Mickey Rourke hätte 2009 mit «The Wrestler» den Oscar hochverdient. Natalie Portman gilt nun, nach ihrem Golden Globe (siehe Artikel rechts), auch bei den Oscars als klare Favoritin. Weil die Academy zuverlässig das Leid, das ein Schauspieler in seine Rolle investiert, als Leistung bewertet. Und die sowieso schon perfektionistische Natalie Portman – sie beherrscht Hebräisch, Deutsch, Französisch, Japanisch und Arabisch, hat einen Harvard-Abschluss in Psychologie – hat für «Black Swan» den Begriff des «Method Acting», des «ich bin, was ich spiele», sehr ernst genommen. Sie verlor zehn Kilo und trainierte ein Jahr lang täglich, bis sie technisch und optisch auf dem nicht gerade virtuosen, aber sehr soliden und absolut ansehnlichen Stand einer professionellen Tänzerin war.
Das Problem der Nina, die perfekt, aber unsexy ist und deren Hingabe an ihre Rolle ans Lebendige geht, ist auch das Problem der Natalie Portman. Es gibt keine beflissenere, keine hübschere und keine talentiertere junge Frau in Hollywood, und bereits mit 12 Jahren leistete sie als Gangster-Lolita in ihrem Debüt «Léon» schier Übermenschliches. Aber ihre Ausstrahlung bleibt in allem die einer keuschen höheren Tochter, der Königin Padmé Amidala eben, die sie in «Star Wars» so hold und erfolgreich spielte. Da kann sie noch so sehr betonen, dass ihr hebräischer Lieblingsfluch übersetzt «Vagina deiner Mutter» bedeutet und dass sie am liebsten «richtig, richtig obszönen Hip-Hop» hört. Und deshalb spielt sie nun, als verbohrte, frigide Nina, tatsächlich die Rolle ihres Lebens.
Und weil Kunst und Leben für Natalie Portman in «Black Swan» so sehr verschmolzen, wie nie zuvor, verliebte sie sich auch prompt in ihren Trainer und Filmpartner Benjamin Millepied, den grossen Startänzer des New York City Ballet. Jetzt wollen die beiden heiraten. Und Natalie Portman, die mit 29 schon in 36 Filmen gespielt hat, gönnt sich nun eine Pause: Es ist zur Freude von allen ein kleines Schwänchen unterwegs.
Black Swan (USA 2010). 108 Minuten. Regie: Darren Aronofsky. Ab Donnerstag in den Kinos. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.01.2011, 19:48 Uhr
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3 Kommentare
Ich bin so gespannt auf diesen Film. Aber ich Frage mich, ob er mir passen wird. Denn für mich ist (im gegensatz zur Meinung der Autorin) «The Fountain» ein Meisterwerk. Aber gäu, jeder nach seinem Geschmack - Auf jeden Fall ein sehr guter und interessanter Artikel, vielen Dank! Antworten
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