Das haben sie nun davon
Die Junge Bühne Bern neu im Brückenpfeiler
Die rasante Produktion «Struwwln» ist die erste, die in den neuen Hallen der Jungen Bühne Bern stattfindet: Gemeinsam mit dem Schlachthaus-Theater und der Tanzaktiven Plattform TAP bezieht das Nachwuchstheater den dritten Stock des Brückenpfeilers der Monbijoubrücke im Dalmaziquartier. Der alte Proberaum in den Vidmarhallen war für die verschiedenen Workshops und Theatergruppen der Jungen Bühne Bern mit insgesamt 120 Teilnehmern zu eng geworden. «Er platzte schier», präzisiert Co-Leiter Christoph Hebing, der gemeinsam mit Co-Leiterin Eva Kirchberg in den 90er-Jahren erste Theaterworkshops für Kinder geleitet hat. «Die Nachfrage nach Theaterkursen stieg in den letzten Jahren ständig, doch wir konnten ihr aus Platzgründen nicht nachkommen.»
Das dürfte sich nun ändern. Aus der alten Lagerhalle über dem Tanzstudio für lateinamerikanische Tänze sind in Zusammenarbeit mit der Berner Liegenschaftsverwaltung grosszügige Räume entstanden. Für die Junge Bühne Bern ist der Ort nicht nur Probe-, sondern auch Aufführungsstätte: Eine Tribüne lässt sich aufstellen, durch geschickt gezogene Vorhänge entsteht ein Foyer für Besucher. «Das sind beste Bedingungen, um dem Berner Nachwuchs eine Plattform zu bieten», ist Hebing überzeugt. Und mit Blick auf das stark aufgestellte Basler Nachwuchstheater: «Bern kommt langsam, aber sicher auf Kurs.»
Das Eröffnungsfest findet am Sa, 3. 3. im Brückenpfeiler, Dalmaziquai 69, ab 14 Uhr statt.
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Agenda
Brückenpfeiler Premiere, Mi, 29. Februar, 20 Uhr. Ab 12 J. Weitere Vorstellungen: www.junge-buehne-bern.ch
Im Dunkel des Bühnenraums flammen Zündhölzchen auf. Bevor man sie sieht, sind sie bereits zu hören, auf das Ritschen des Hölzchens an den Zündholzschachteln folgt zuverlässig das Fauchen des Feuers. Dann brennen sie still, die Hölzchen, erst eins, dann zwei, dann drei, dann zehn. Sie beleuchten einen Chor aus jungen Menschen, der sich anschickt, Paulinchens Requiem zu singen.
Paulinchen, das ist hier natürlich die kleine Pyromanin aus dem «Struwwelpeter», dem Buch, in dem kindlicher Ungehorsam mit schaurigen Sanktionen geahndet wird, und wenn man dem Chor so zusieht, dem hypnotischen An und Aus der Lichtchen, dann kann man Paulinchens fatale Begeisterung für das Zündeln durchaus nachvollziehen.
Es ist ein mitleidsloses Totenlied, das aus jugendlichen Kehlen erklingt, ebenso brachial wie die Buchvorlage von Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1845. Als die Geschichte des unbelehrbaren Mädchens zu Ende erzählt ist, es sich selbst nach allen Regeln der Kunst in Brand gesteckt hat und als Häufchen Asche auf dem Kinderzimmerboden liegt, kommentiert der Chor formal mehrstimmig und inhaltlich nüchtern: «Das hat Paulinchen nun davon.» Da können die Katzen Minz und Maunz, die das Treiben tatzenringend verfolgt haben, Paulinchens Geschick noch lange beklagen.
Den Suppenkaspar kannte keiner
«Struwwln» – so heisst das neue Stück der Jungen Bühne Bern, das zur Einweihung der neuen Probe- und Spielstätte im Brückenpfeiler der Monbijoubrücke gespielt wird. Es ist das Resultat einer Auseinandersetzung mit Eltern-Kind-Beziehungen, Schuld, Sühne und Trial-and-Error-Erlebnissen auf dem Weg ins Erwachsenendasein, die seit Probebeginn im Herbst währte. «Es interessierte mich, was junge Erwachsene aus dem Kinderbuchklassiker machen würden», sagt Regisseurin Sinje Homann.
Die Gefahr, sich von den Relikten kindlicher Rezeption die frische Sicht auf den Stoff verbauen zu lassen, bestand nicht: Von den 19- bis 27-jährigen Schauspielern des elfköpfigen U-FO-Ensembles hatte das Buch niemand im Regal stehen. «Manche kannten Namen wie ‹Suppenkaspar› oder ‹Zappelphilipp›, doch dass sie aus dem ‹Struwwelpeter› stammten, wusste kaum jemand», sagt die Theaterpädagogin.
Offenbar wurden die Jungschauspieler in einer Zeit gross, als der «Struwwelpeter» unter Erziehungsbeauftragten als besonders uncool galt. Kaum ein zweites Kinderbuch wurde vom kulturgeschichtlichen Kontext so strapaziert wie der «Struwwelpeter»: Während dem Zweiten Weltkrieg fungiert «Struwwlhitler» als antideutsche Propaganda, 1950 wird die «Struwwelliese» zu einem braven Mädchen bekehrt, und in den frühen 70ern erscheint der «Anti-Struwwelpeter», das antiautoritäre Gegenstück zum Original.
Ein Musical für Blutrünstige
Was also passiert, wenn sich die Junge Bühne Bern mit dem Stoff befasst? Die Antwort ist angesichts des grassierenden Musicalvirus wenig überraschend: ein Musiktheater. Nur dass sich dieses verheissungsvoll anlässt: Die musikalische Federführung lag bei Neo-Troubadour Trummer, und abgesehen von Paulinchens Ballade fetzen die Lieder ausserordentlich, wenn das Ensemble die Plätze auf der fahrbaren Bandbühne einnimmt. Bei Zappelphilipps Hymne schwingt Rock ‘n’ Roll mit, bei Konrads Lied eine Portion deutscher Alternativ-Pop. Immer mit dabei: Hoffmanns blutgetränkte Textvorlage, allerdings noch potenziert. Während Konrad im Buch mit abgeschnittenen Daumen nur traurig dasteht, stirbt der «Konny» im Stück «am Blutverlust».
Ebenfalls neu interpretiert wurden die Protagonisten. Sie sind Spielbälle ihrer Zeit, Hoffnungsträger einer Leistungsgesellschaft in der Wirtschaftskrise, hochbegabt und schwer gefördert. Und so wird der durchgekämmte «Struwwelpeter» zum Auffangbecken für junge Menschen, die «mit 3 zum ersten Mal wissend genickt» haben, «als die Kassiererin den Betrag nannte» oder «mit 16 aus dem Kinderparlament direkt in den Nationalrat gewählt» wurden. Bis dann irgendwann der unvermeidliche Affekt die Fassade des braven Sprösslings durchbricht.
Der «Struwwelpeter», dargebracht von patenten Jungschauspielern, in bester The-Band-Manier in stilisierte Uniformen gewandet: Da erhält der Untertitel der «Struwwelpeter»-Bücher einen ganz neuen Drall: «Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3 bis 6 Jahren.» Der Humor aus dem 19. Jahrhundert funktioniert. Bloss Hoffmanns Altersbeschränkung musste aufdatiert werden.
(Der Bund)
Erstellt: 23.02.2012, 14:01 Uhr
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