Das schlechte Gewissen der Business-Class

Weshalb der schöne George Clooney ganz unschön die Fassung verliert, wenn man ihn auf seine Rolle im Nespresso-Marketing anspricht. Und was sein neuer Film «Up in the Air» taugt.

1/12 George Clooney – wo dieser Mann hintritt, da spriessen Blumen aus dem Boden.

   

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Der Film

Up in the Air (USA 2009). 109 Minuten. Regie: Jason Reitman. Mit George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman u.a.

Ab Donnerstag in Zürich: Abaton, Arena, Arthouse Alba und Corso. Interview mit Jason Reitman morgen im «züritipp».

Die Frage klang ganz höflich und kein bisschen aggressiv. Die Szene spielte in Venedig, anlässlich der Premiere eines Films, in dem sich George Clooney in den ethischen Grauzonen der Grosskonzerne bewegte. Der Film hiess «Michael Clayton», und weil das ein hochanständiger Thriller über die Grenzen des geschäftlichen Anstands war, wollte eine Journalistin von dem Star nun wissen: Wie er, George Clooney, einen so vehement konzernkritischen Film mit seinen Auftritten als – what else? – Werbeträger eines multinationalen Grosskonzerns wie Nestlé vereinbaren könne.

In diesem Augenblick wurde man Zeuge eines Schauspiels von grossem Seltenheitswert: George Clooney, der gute Mensch von Hollywood, verlor fast die Fassung. Aber nur fast. Er brummte etwas davon, dass er ja irgendwie seinen Lebensunterhalt verdienen müsse. «Das ist eine sehr dumme Frage», sagte er noch, schon sichtlich erregt. Der Rest seiner Tirade war nicht mehr zu hören: Clooney hatte zur Selbstzensur gegriffen und sich eigenhändig das Mikrofon ausgeknipst. Für einen kurzen Moment war er aus jener Rolle gefallen, die er gerade auch bei öffentlichen Auftritten so stilsicher ausfüllt. Der wahnsinnig charmante, schlagfertige und immer auch entwaffnend selbstironische Star reagierte so unsouverän, als hätte man ihn soeben ertappt. Nur bei was genau?

Der engagierte Ironiker

Die Frage mochte unbequem gewesen sein, aber sie war das Gegenteil von dumm, denn sie richtete die Aufmerksamkeit auf die zwei Gesichter des George Clooney. Schön sind sie beide: hier der vielseitig engagierte Schauspieler, der wiederholt die Unmoral des modernen Kapitalismus anprangert, wie er das in Filmen wie «Syriana» oder eben «Michael Clayton» getan hat; da der Star, der seine fast schon legendäre Selbstironie als Markenzeichen in den Dienst des grössten Lebensmittelkonzerns der Welt stellt.

Wer ihm deswegen gleich ein Glaubwürdigkeitsproblem andichten will, verwechselt allerdings den Schauspieler mit dem Privatmann. Der Auftritt als bestbezahlter Espressotrinker auf Erden ist letztlich eine Rolle wie jede andere auch. Bemerkenswert wird die Doppelrolle des Herrn Clooney allerdings dort, wo er sie im Kino spiegelt und das schlechte Gewissen verkörpert, das sich hinter dem freundlichen Antlitz der Business-Class verbirgt. Besonders schön sieht man das jetzt in «Up in the Air», dem neuen Film von Jason Reitman («Juno»). Es handelt sich dabei um eine smarte, mit leiser Melancholie garnierte Komödie über die beiläufige Grausamkeit im Geschäftsalltag unserer Zeit.

Ein geschmeidiger Vollstrecker

Der Film geht mit sechs Nominierungen ins Rennen um die Oscars und wird auch sonst breit gefeiert als hintergründige Satire, die pünktlich zur Wirtschaftskrise den Lebensstil und das Statusdenken der professionellen Frequent Flyers aufs Korn nehme. Dabei ist «Up in the Air» vor allem ein flott geschriebener, manchmal sarkastischer, aber stets gut gepolsterter Wohlfühlfilm, der die alte Mär von der Krise als Chance aufwärmt und das als Gesellschaftskritik verkauft. Über eine Instantversion der Konsumkritik aus «Fight Club» kommt Reitman jedenfalls nicht hinaus.

Im Zentrum steht ein geschmeidiger Vollstrecker der Geschäftswelt, der im Schoss der Familie sein Gewissen, seine Gefühle und vielleicht sogar sein Bedürfnis nach langfristigen sozialen Bindungen entdeckt. Und dieser Vollstrecker ist der notorische Junggeselle George Clooney, der hier einen Henker im Business-Anzug spielt. Als vorgeschobener Terminator wickelt er die Entlassungsgespräche im Auftrag jener Chefs ab, die nicht das Rückgrat haben, sich persönlich hinzustellen, wenn sie ihre Angestellten abservieren. Dieser Ryan Bingham, wie er im Film heisst, ist ein zynischer Schönredner, der die Betroffenen beschwichtigt, indem er ihnen die Kündigung schamlos als Gelegenheit zur Wiedergeburt verkauft.

Furcht vor dem Grounding als Flugmeilensammler

Wenn er sich dann trotzdem wie ein Samariter fühlen darf, so verdankt er das einer blutjungen Karrieristin, die ihm zur Seite gestellt wird. Die schlägt vor, die Entlassungen zwecks gesteigerter Effizienz künftig noch weniger persönlich zu halten und die Menschen per Videokonferenz zu entlassen. Das ist dann sogar dem alten Zyniker zu unmenschlich: «Unser Job ist brutal», belehrt er die Streberin, die gerade frisch von der Uni kommt. «Aber wir erfüllen ihn mit einer gewissen Würde.»

Da redet der Henker von Würde und fürchtet doch in erster Linie sein Grounding als Flugmeilensammler: Könnte er seinen Job bequem via Bildschirm absolvieren, müsste der professionelle Vielflieger nämlich seinen Lebenstraum von 10 Millionen Meilen auf seinem Konto begraben.

Wer seinen Job verliert, bekommt eine Chance

Es ist eine Rolle, die nur dank eines George Clooney überhaupt erträglich ist. Sein Charme ist hier so kühl und so luftdicht verpackt wie kaum je zuvor – aber immer noch so gewinnend, dass er damit zur Hypothek für diesen Film wird. Allein durch seine Präsenz droht der Star die kritischen Absichten dieser Satire permanent zu hintertreiben: Wer uns mit Clooney die zynische Vernunft der Business-Class vor Augen führen will, schenkt ihr doch vor allem ein menschliches Antlitz, das erst noch verflucht sexy wirkt. Wir sehen diesen kaltherzigen Vollstrecker bei der Arbeit, und unwillkürlich geistert eine böse Frage durch den Kopf: Kann eine Kündigung so unangenehm sein, wenn sie von George Clooney ausgesprochen wird?

Schlimmer noch: Um seinen Film in der sozialen Wirklichkeit unserer Zeit zu verankern, schmückt ihn Regisseur Reitman mit dokumentarischen Zeugnissen von Betroffenen, die über ihre Entlassung sprechen. Reale Schicksale als bodenständige Garnitur für die Story vom abgehobenen Flugmeilensammler? Da bekräftigt der Film die Floskel von der Krise als Wiedergeburt, die er vorgeblich entlarven will: Die Gesetze des freien Marktes mögen brutal sein, aber wer seinen Job verliert, bekommt so die Chance, die klassischen Werte der Familie wieder schätzen zu lernen.

Das Happy End wird kalt ausgebremst

Immerhin: Das Happy End, das sich anbahnt, wird dann kalt ausgebremst. Der Regisseur schenkt uns stattdessen ein Schauspiel von grossem Seltenheitswert: Wir sehen George Clooney am Rande der Tränen. Da wird dem Flugmeilensammler die Leere seiner luftigen Existenz bewusst, und es erfasst ihn eine bodenlose Trauer. So nah am seelischen Kollaps hat man Clooney noch in keinem Film gesehen. Fast heult er sogar. Aber nur fast. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2010, 10:48 Uhr

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7 Kommentare

Gregor Frei

03.02.2010, 20:59 Uhr
Melden

@ Franz Brunner: Demfall ist der Mensch von Natur aus "böse", oder wie soll man Ihre Aussage interpretieren? Antworten


hans scholl

03.02.2010, 18:32 Uhr
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1. auch clooney ist ein mensch + darf mal schwächen zeigen resp. über eine frage genervt sein. 2. das sich v.a. reporter doch immer wieder gewisse moralische fragen erlauben, wenngleich sie von möglichst spektakulären bildern (resp. tragischen bspw. haiti ..) und fragen leben und andere voyeuristisch am leben (und tod) anderer teilhaben lassen, ist wohl viel zynischer als jeder clooney & co. Antworten


Antonio Carfora

03.02.2010, 12:07 Uhr
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Film hin oder her. Ich finde es ein bisschen befremdend, wenn Clooney die Titelseite der Tagi schmückt, als wäre er nun der absolute Gutmensch. Die Figur im Film stammt ja nicht von ihm. Das Drehbuch stammt u.a. vom Regisseur. Bzgl. Hait war das ja eh Werbung in eigener Sache. Die Medien sollten sich nicht immer so blenden lassen. Und seine Partnerin spricht auch nicht gerade für ihn...armer Kerl Antworten


Themba Mabona

03.02.2010, 11:24 Uhr
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Ich finde den Artikel gut & gelungen. Auch die Hollywood Stars kaempfen mit menschlichen Paradoxa. Clooney scheint derzeit in Allermunde. Kuerzlich war er in der New York Times gefeaturet, dann auch in einem Blog namens Themzini auf Wordpress. All diese Artikel ergaenzen sich gut und ergeben ein komplexes Bild des Phaenomen Clooney. Antworten


ada suhrer

03.02.2010, 10:56 Uhr
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"Wer ihm deswegen gleich ein Glaubwürdigkeitsproblem andichten will, verwechselt allerdings den Schauspieler mit dem Privatmann.": Hä? Lieber Herr keller, wieso? Seit wann ist Doppelmoral über die Aufteilung Schauspieler/Privatmann okay? Und gibt Clooney sonst nicht auch als Privatmann den Gutmenschen? Antworten


Franz Brunner

03.02.2010, 09:39 Uhr
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alle gutmenschen zeigen früher oder später ihr wahres gesicht Antworten


Urs Bachmann

03.02.2010, 08:54 Uhr
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Ich bin ja nicht wirklich ein Cloony-Fan, aber in dieser Rolle finde ich Ihn grossartig. Was mir am Film gefallen hat, ist, dass da mehrere Geschichten parallel ablaufen. Und dass diese so unterschiedlich sind macht diesen Streifen zu mehr als einer seichten Komödie. Antworten



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