Der Aufstand der Amateure

In Japan ist nur noch ein AKW in Betrieb. Eine Protestbewegung ist zum lautstarken Ausdruck dieses Wandels geworden. Zwei deutsche Filmemacherinnen haben deren Anfänge hautnah begleitet.

Vom Recycling-Laden zur Protestbewegung: Der Trailer zum Dokumentarfilm «Radioactivists».


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Etwas mehr als ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima ist in Japan nur noch 1 von 54 Atomreaktoren am Netz. Die lokalen Regierungen weigern sich, die Atommeiler wieder anzuschalten, die von Gesetzes wegen alle 13 Monate für Unterhaltsarbeiten heruntergefahren werden. Eine Mehrheit der Japaner lehnt gemäss einer Umfrage der «Nikkei Shimbun» das Wiederhochfahren der Reaktoren sogar ab.

Die monatlich stattfindenden Demonstrationen in Tokio sind zum lautstarken Ausdruck dieses Wandels geworden, den vor einem Jahr noch niemand antizipiert hatte. Ihren Anfang nahmen sie nur einen Monat nach der Dreifachkatastrophe, als sich 15'000 Menschen in Tokio zum Protest gegen die Atomenergie versammelten. Es war der grösste Protestzug in Japan seit den 1970er-Jahren. Ein halbes Jahr später wuchs diese Zahl auf 60'000 an.

Am Ursprung dieser Bewegung stand ein Recycling-Laden im alternativen Tokioter Viertel Koenji. Besitzer Hajime Matsumoto hatte von hier aus zusammen mit Gleichgesinnten die ersten Anti-AKW-Demos nach Fukushima organisiert. Shiroto no ran, der Aufstand der Amateure, nennen sie sich. Matsumoto ist zu ihrem medialen Aushängeschild geworden.

Die deutschen Filmemacherinnen Clarissa Seidel und Julia Leser waren bei der Geburtsstunde dieser japanischen Anti-AKW-Bewegung im April 2011 hautnah dabei. Über Wochen hinweg begleiteten sie filmisch die Aktivisten um Matsumoto, als sich noch keine internationale Fernsehstation für sie interessierte. Entstanden ist der Dokumentarfilm «Radioactivists», der am 19. April 2011 in Zürich aufgeführt wird. Clarissa Seidel erklärt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet diese in europäischen Augen ungewöhnliche japanische Protestkultur.

Wie entstand die Idee, einen Film über die Anti-AKW-Bewegung in Japan zu machen?
Wir waren am 11. März 2011 in Tokio, flogen jedoch aus Sorge vor der Katastrophe in Fukushima kurz darauf zurück nach Deutschland. Im Internet stiessen wir auf den Blog der Aktivisten von Shiroto no ran, auf dem es einen Demonstrationsaufruf für den 10. April 2011 gab. Die Organisatoren rechneten mit 500 Teilnehmern, am Ende kamen 15'000. Ein Freund von uns hatte den Protestzug auf Video aufgenommen. In den Medien wurde jedoch kaum darüber berichtet. Da dachten wir, dass wir darüber etwas machen müssen. Im April waren wir wieder zurück in Tokio.

Hatten Sie keine Angst vor der ungewissen Lage in Fukushima?
Ja, es waren anfänglich Bedenken da. Ich hatte zuerst gezögert. Bei Julia Leser war es anders. Sie wurde aus ihrem Austauschjahr in Japan herausgerissen. Für sie stand fest, das sie nach Tokio zurückgehen würde, um ihr Jahr an der Universität zu vollenden. Am Ende nahm auch ich das Risiko auf mich. Es lag uns viel daran, dieses Porträt über Shiroto no ran zu machen, stellvertretend für die Bewegungen in ganz Japan. Der Film deckt die drei grossen Demonstrationen im April, Mai und Juni ab.

Haben Sie damals gedacht, dass sich in Japan bezüglich Atomfragen so viel bewegen würde?
Dass es so schnell ging, und womöglich schon bald der letzte Reaktor vom Netz genommen wird, das hätten wir damals nicht gedacht. Wir hatten unsere Zweifel, weil wir wissen, dass sich viele Japaner nicht offen zu diesem Thema äussern wollen. Es ist bewundernswert, was die Aktivisten aus dem Nichts auf die Beine gestellt haben, und es war eindrücklich zu erfahren, was es bedeutet, sich in Japan gegen die Atomkraft aufzulehnen – gerade im Vergleich zu Deutschland, wo sich die Bewegung schon lange etabliert hat. Begreift man diese Relationen, wird einem klar, wie bedeutend diese Bewegung ist, auch wenn nicht Hunderttausende gleichzeitig auf die Strasse gehen. Man muss aber auch vorsichtig bleiben, weil die Regierung in Tokio offiziell noch immer an der Atomenergie festhält.

Was ist der Anteil von Shiroto no ran an der aktuellen Lage?
Shiroto no ran war gerade in den Anfängen von zentraler Bedeutung. Mit ihrem alternativen Modell des bunten, friedlichen Protests haben sie es überhaupt ermöglicht, dass so viele Menschen auf die Strasse gingen. In Japan sind die klassischen Demonstrationen mit Megafon und Geschrei in Verruf geraten, da sie noch heute mit dem radikalisierten politischen Aktivismus der 1960er in Verbindung gebracht werden. Wir haben Shiroto no ran exemplarisch genommen. Es gibt in Japan ganz verschiedene Anti-AKW-Gruppierungen, die alle ihre eigene Geschichte haben. Da gibt es zum Beispiel die Gruppen der Frauen und Mütter, die sich für das Wohlergehen der Kinder engagieren.

Im Westen nimmt man diese Demos mehr als Zirkus denn als politischen Protest wahr.
Wenn man sich nicht näher damit beschäftigt, wirkt es ein bisschen unverständlich. Man muss verstehen, dass ohne diese Art von Demos in Japan sehr wenige auf die Strasse gegangen wäre. Die Demonstranten sind sehr ernst bei der Sache. Für sie geht es nicht nur um das Problem der Atomenergie. Sie sehen die Katastrophe in einem breiteren sozialen Kontext. Ein Heer von jungen Teilzeitarbeitern kämpft heute um seine Existenzgrundlage, von einer lebenslangen Anstellung können nur noch wenige träumen. Auch in Japan wurde der Kapitalismus an seine Grenzen getrieben. All diese Missstände hängen für diese Menschen zusammen.

Finden die Demonstrationen nur in Tokio statt?
In allen Grossstädten finden kleinere und grössere Demonstrationen statt. Da ist ein ganzes Netzwerk entstanden, das sich übers Internet organisiert. Oft finden die Proteste am selben Tag in verschiedenen Städten statt.

Wie steht die Bewegung um Hajime Matsumoto heute da?
Nachdem es im September an einer Demonstration zu 13 Verhaftungen kam, geriet Shiroto no ran zwischenzeitlich etwas in den Hintergrund. Sie nahmen sich bewusst etwas zurück, wollten nicht zur führenden Bewegung stilisiert werden. In Japan können Verhaftete 23 Tage ohne Begründung festgehalten werden. Diese Verantwortung wollten sie nicht alleine auf sich nehmen. Sie wollten bewusst nicht als einzige Gruppe wahrgenommen werden. Der Protestbewegung hat dies aber keinen Abbruch getan. Im Februar und März fanden wieder grössere Demos statt.

Wie hat sich Japan nach Fukushima verändert?
Es gibt die Tendenz, dass viele Japaner seither Selbstverständlichkeiten infrage stellen. Man glaubt nicht mehr, was in den Medien gesagt wird. Das Hinterfragen, das kritische Denken wurde angeregt. Ich denke, dass wir dies in unserem Dokumentarfilm gut eingefangen haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.04.2012, 19:06 Uhr)

«Radioactivists» in Zürich

Der Dokumentarfilm «Radioactivists – Protest in Japan since Fukushima» ist zwischen April und Juli 2011 entstanden. Der 70-minütige Film wurde an Filmfestivals in Österreich, Tschechien und Brasilien sowie in verschiedenen Kinos in Deutschland gezeigt. «Radioactivists» wird am 19. April im Beisein von Clarissa Seidel und Julia Leser um 18.50 Uhr im Hauptgebäude der Universität Zürich aufgeführt.

Die Filmemacherinnen Clarissa Seidel und Julia Leser während der Dreharbeiten (von links). (Bild: Keystone )

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