Der Barmann ohne Unterleib

Sogar als Roboter ist der Schauspieler Michael Sheen der Beste.

Ihm vertrauen die Gäste alle Geheimnisse an: Michael Sheen als surrealer Diener in «Passengers». Foto: Columbia Pictures

Ihm vertrauen die Gäste alle Geheimnisse an: Michael Sheen als surrealer Diener in «Passengers». Foto: Columbia Pictures

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Wen hat er nicht schon alles gespielt, vom ­Theater gar nicht zu reden: den kanadischen Journalisten Robbie Ross, der Oscar Wilde verführte («Wilde»); den Premierminister Tony Blair, der England verführte («The Queen»); den Fernsehreporter David Frost, der sich mit Richard Nixon anlegte («Frost/Nixon»); den Fussballtrainer Brian Clough, der sich mit allen anlegte («Damned United»); den kalten Gynäkologen William Masters, der mit seiner Assistentin Virginia Johnson den Unterleib des Menschen und an seiner Assistentin den Unterleib der Virginia Johnson untersuchte (die Serie «Masters of Sex»).

Und jetzt spielt er den da: den Bartender Arthur. Der ist ein höflicher Brite mit rotem Veston und ohne Nachnamen. Arthur dient auf dem Raumschiff Avalon, wo er durch drei Eigentümlichkeiten auffällt: Erstens hat Arthur nur zwei Gäste – den Mechaniker Jim und die Journalistin Aurora. Die 4998 anderen liegen noch im Winterschlaf und sollen erst geweckt werden, wenn sie sich der neuen Welt nähern, und das ist in über 90 Jahren. Zweitens ist Arthur ein Roboter, ein Barmann ohne Unterleib. Und drittens rettet Michael Sheen mit seiner Performance den Disney-Film «Passengers» fast im Alleingang vor der Sentimentalität nach Art des Hauses. Noch selten hat eine so brillante und umwerfend schön gedrehte Kulisse einer so einfältigen Story dienen müssen.

Der Trailer zu «Passengers». Video: Sony Pictures Entertainment, Youtube

Wäre da nicht Arthur, der surrende Diener. Sheen spielt ihn mit derselben Glätte, mit der er seinen Tony Blair ausstattete, weiss aber die Künstlichkeit seiner Figur so glaubwürdig zu kaschieren, dass das schlaflose Paar auf der Avalon ihm alles anvertraut, sogar die Geheimnisse, welche die beiden vor sich selber haben.

Sheens Figur erinnert an den psychopathischen Butler in Stanley Kubricks «Shining», aber Arthur ist kein Psychopath, sondern eine Maschine. Der 47-jährige Waliser spielt eine Rolle, die in amerikanischen Dystopien wie «Alien», «A.I.: Artificial Intelligence» oder «Tron Legacy» gerne komischen Briten überlassen wird, damit die Helden dieser Filme männlicher, normaler, anders gesagt: amerikanischer aussehen.

Wie gut Michael Sheen solche seltsamen Rollen spielt, zeigt sich daran, wie stark sie sich von seinem eigenen Charakter unterscheiden. Der Schauspieler, der mit der amerikanischen Komikerin Sarah Silverman liiert ist, agiert alles andere als gefühllos. So hat er angekündigt, sich politisch stärker zu engagieren – als Anlass nannte er den Brexit-Entscheid seiner Landsleute und die Wahl von Donald Trump. Er wolle mehr Zeit in seiner walisischen Heimat verbringen, sagte er, welche die Vergangenheit verkläre und eine leere Zukunft habe.

Michael Sheen weiss, wovon er redet: Er lebt in Los Angeles.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.01.2017, 20:49 Uhr)

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