Der Film in ihrem Kopf

Die Aargauer Regisseurin Talkhon Hamzavi könnte am Sonntag mit dem Kurzfilm «Parvaneh» einen Oscar gewinnen. Es ist eine Geschichte von Fremdheit, die in der Schweiz auf wenig Liebe stiess.

Oscarverdächtig: Der Trailer zu «Parvaneh».

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Jetzt ist das Mädchen angekommen, im Herzen des falschen Scheins. Überall Eile und Füsse und Plakate. Die industriellen Traumbilder versprechen ein künstliches Paradies. Ein Strom von Passanten wälzt sich vorbei, in der Mitte steht verloren die junge Frau. Auf welchem Stern ist sie gelandet? Auf unserem eigenen, also an der Bahnhofstrasse in Zürich, wo man nicht geht, sondern sich aneinander vorbeidrückt. Das Mädchen ist eine erfundene Figur. Es heisst Parvaneh, von ihm handelt der gleichnamige Kurzfilm der 35-jährigen Aargauer Regisseurin Talkhon Hamzavi.

Sie lebt nun schon länger mit ihrer Erfindung. 2012 schloss sie mit dem Kurzdrama ihr Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab, es gab dafür die Bestnote. Der Film lief in Solothurn, Locarno und Winterthur lehnten ihn ab. In der Schweiz sei die Geschichte der jungen Afghanin Parvaneh, die vom Asylzentrum in den Bergen nach Zürich fährt, um ihrer Familie Geld zu überweisen, «nicht gut angekommen», erzählt Hamzavi. Aber dann hat sie den knapp halbstündigen Film weiter gestreut. Zuerst gewann er einen Preis am Festival der Filmhochschulen in München, das sei der «Anfang des Erfolgs» gewesen. 2013 folgte der First-Steps-Award in Berlin, darauf der silberne Studenten-Oscar, dann wurde «Parvaneh» in der Sparte «Bester Kurzspielfilm» der Academy Awards nominiert. Er ist jetzt einer von fünf Kurzfilmen, die am Sonntag einen Oscar gewinnen können.

Fiktion ohne Firlefanz

Vielleicht habe man hierzulande den Film nicht «gespürt», sagt Hamzavi. Umgekehrt verstehe sie selber nicht genau, was die Amerikaner an dem Film beglücke. Es könnte am «zeitgemässen Thema» liegen, am Gefühl von Fremdheit und der kleinen, aber spürbaren Blickverschiebung auf das Gewöhnliche. Oder hat es seinen Grund im Happy End und der «Gleichheit zwischen zwei Mädchen»? Im Film wird Parvaneh von den urbanen Hektikern abgewimmelt, dafür begegnet sie einer einheimischen Teen­agerin. Zusammen landen sie in der süssen Zürcher Partynacht und nähern sich zärtlich an. Oder gründet die Liebe von Hollywood in der Unschuld im Gesicht der Heldin?

Ihr Diplomfilm, sagt die Regisseurin, erzähle vom Kontrast «zwischen dem Vertriebenwerden und dem Ankommen an einem Ort, den man noch nie zuvor gesehen hat». Trotz der kulturellen Unterschiede entstehe zwischen den beiden Mädchen eine Freundschaft. Kann sein, dass es dieses unironische Näherkommen war, das die Academy berührt hat. Dazu ist die Geschichte gezielt gezuckert und eingewickelt in ein schnörkelloses Minidrama. «Parvaneh» ist eine ökonomische Fiktion ohne Firlefanz; eine komprimierte Episode an der Kreuzung von zwei Teenagerleben. Ein Film, der sich anschmiegt, ohne Überraschungen, ohne Stachel fürs Gemüt.

Und doch: Als die Mädchen einmal auf dem Mäuerchen sitzen, zeigen sie sich gegenseitig ihre Wunden und synchronisieren ihren Schmerz. Bei beiden hat er mit Einsamkeit zu tun, aber auf verschiedene Art. Es ist eine etwas fragwürdige Nivellierung von Flüchtlingsleid und Wohlstandsödnis. Sie erzähle in «Parvaneh» vom Erwachsenwerden, sagt Hamzavi, aber sie habe auch ein «Gesellschaftsbild» zeichnen wollen. «In jeder Gesellschaft wird Schmerz verarbeitet, aber in einem reicheren Land ändert sich der Umgang damit. Wenn man keine Probleme hat, macht man sich welche. Ich glaube, das ist eine neue Art von Krankheit: Der Mensch braucht seine Probleme, sonst geht es nicht.»

Nicht autobiografisch

Zusammengesetzt hat Talkhon Hamzavi ihren Diplomfilm fast journalistisch. Sie hat Asylsuchende interviewt, Sachbücher gelesen, sich in Leute hineinzuversetzen versucht, die neu in unser Land gelangen. Ihre eigene Erfahrung als Ankommende in der Schweiz scheint dabei nur ein weiteres Puzzleteil gewesen zu sein. Talkhon Hamzavi wurde 1979 im Iran geboren und kam im Schulalter in den Aargau – ihre Eltern sind beide Künstler. Die Fremdheit habe sie selbst «ein wenig» erlebt. Aber der Film sei nicht autobiografisch, darauf ­insistiert sie. Dass sie im Jahr des iranischen Umsturzes zur Welt kam, darüber will sie nicht reden.

«Parvaneh» wirkt inzwischen selbst wie ein migrantisches Kunstwerk. Mal wurde es abgewiesen, mal freundlich begrüsst, und unterdessen hat es sich im Leben der Regisseurin niedergelassen und dort seine Wurzeln geschlagen. Vermutlich, so klingt es zwischen den Sätzen, möchte Talkhon Hamzavi den Film hin und wieder gern aus ihrem Kopf vertreiben, ihn aus sich herausreissen. Vorerst aber ist sie nach Los Angeles gereist, wo sie den Film vor der Oscar-Verleihung zusammen mit ihrem Produzenten Stefan Eichenberger bewirbt. Kann sein, dass es auch eine Erleichterung wäre, falls sie am Sonntag nichts gewänne.

Mittlerweile sei das Drehbuch für ihren ersten langen Spielfilm fertig, sagt Hamzavi. Eine Komödie sei es, aber eine schwarze, denn die «08/15-Liebeskomödien» möge sie nicht. Dafür liebe sie Filme, die im All spielen; zuletzt habe sie «Interstellar» von Christopher Nolan sehr beeindruckt. Sie schätzt das iranische Kino, Regisseure wie Abbas Kiarostami oder Samira Makhmalbaf. Das sei auch in ihrem Kopf und präge sie, möglicherweise unbewusst. Und Lars von Trier, seine Filme gingen «an die Nieren», bei ihm gebe es diesen «Realismus des Schmerzes».

Gefühle sichtbar machen

Daran sei ihr auch bei «Parvaneh» gelegen. Sie habe nicht die Plakativität gesucht, sondern einen Realismus des Innenlebens. «Ich hatte Bilder im Kopf, eine Vorstellung davon, wie es aussehen sollte. Damit der Zuschauer es am eigenen Leib spürt. Mir ist wichtig, dass man im Kino die Gefühle sieht.» Man sieht sie, wenn Parvaneh in der Bahnhofstrasse das Neuland des Reichtums betritt und am Misstrauen der Stadtmenschen abprallt. Auch Talkhon Hamzavi bekam mit ihrem Kurzfilm die kühle helvetische Skepsis zu spüren, dieses Von-sich-Wegstossen. Sie hat dafür eine zarte Freundschaft mit Hollywood geschlossen, und vielleicht hat die Geschichte von Parvaneh doch mehr mit ihr zu tun, als ihr lieb sein kann.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.02.2015, 17:53 Uhr)

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«Keine Oscar-Schmiede»

Reaktionen aus der ZHDK

Filme von Schweizer Hochschulen würden hierzulande «sehr kritisch beurteilt», sagt Bernhard Lehner, Studiengangsleiter Bachelor in der Abteilung Film der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Es heisse, die Filme würden «keine richtigen Probleme» behandeln – eine Haltung, die man laut Lehner als eine Art «negativen Mythos» bezeichnen könne. Ohnehin sei die Schweizer Filmbranche «nicht wahnsinnig neugierig» und warte kaum auf «lustvolle junge Filmemacher». Dass man die ZHDK nun aber als Oscar-Schmiede verstehen würde, sei eine «vermessene» Vorstellung. Die Nomination für «Parvaneh» sei ein «Surplus», die Oscar-Kampagne wird nun zum grössten Teil von der ZHDK finanziert, dazu kämen Beiträge vom Bundesamt für Kultur und dem Schweizer Fernsehen.

Dass der Kurzfilm besonders in den USA Anklang finde, habe vermutlich damit zu tun, dass dort «der Rassismus in seiner Komplexität im Alltag wie auch in den Medien und in der Kunst viel umfangreicher verhandelt wird», sagt Studienleiterin Marille Hahne. «Parvaneh» setze sich «ernsthaft mit dem Thema Migration auseinander» und zeige die Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen. «Kitsch» sei das nicht, so Hahne, aber vielleicht sei Migration ein Thema, das «vordergründig nicht alle Schweizer interessiert». Für Lehner zeigt «Parvaneh» nicht unbedingt «eine neue Vision des Filmemachens», aber der Kurzfilm sei «solid und sehr gut erzählt». (blu)

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