Der Kobold aus Wales
Von Florian Keller. Aktualisiert am 31.03.2010
Rhys Ifans erachtet es als seine Pflicht, «einen anständigen Film» über Rasputin zu drehen. (Bild: Keystone)
Die Filme
«Greenberg» ab Donnerstag in Zürich im Capitol, «Nanny McPhee and the Big Bang» im Abaton, ABC und Arena.
Wir nennen sie Filmstars, weil sie strahlen wie die Sterne am Firmament. Wir schwärmen für sie und himmeln sie an in ihrer unwirklichen Schönheit, und wenn es uns ganz bös trifft im Kino, dann verlieben wir uns sogar in sie, wenigstens für die Dauer eines Films. Das sind sie, die Stars. Dann gibt es die nicht ganz so anmutigen Darsteller an ihrer Seite. Die sind vor allem dazu da, die Stars, um die sich alles dreht, noch bezaubernder wirken zu lassen, als sie sowieso schon sind. Und so einer ist Rhys Ifans.
Bei seinem berühmtesten Auftritt trug der Kobold aus Wales nichts als eine graue Unterhose. So trat er damals vor die Meute der Fotografen, ein knochiger Strolch, der sich wie ein Bodybuilder in Pose warf und mit Muskeln protzte, die er nicht hatte. Dann zog er sich ins Haus zurück, begutachtete sich selbstzufrieden im Spiegel und spannte neckisch die Hinterbacken an. Das war Spike, der struppige Plagegeist, der in «Notting Hill» (1999) mit Hugh Grant die Wohnung teilte. Rhys Ifans war die komödiantische Unterhose in einem Film, in dem der Humor sonst sehr anständig gekleidet war.
Unter bärtiger Prominenz
Jetzt, in Wirklichkeit, sieht er auch nicht hübscher aus als in den Filmen, dafür ist er ganz angezogen. Aber es ist offenkundig, dass das nicht seine Welt ist, wie er da in der Suite eines Berliner Nobelhotels wartet, in abgetragenen Jeans, die dünnen Beine eng übereinandergeschlagen. Rhys Ifans (ausgesprochen Rihs Ih-vans) wirkt wie ein räudiger Köter, den ein launisches Schicksal in die Welt des Glamours verschlagen hat. Schwer zu sagen, ob er richtig verkatert ist oder bloss arg verpennt. Aber es gibt eine Zauberformel, die seine Geister weckt, und die lautet: Harry Potter.
Im siebten Abenteuer des Zauberlehrlings spielt Ifans den Vater der Luna Lovegood. Und eine Rolle bei «Harry Potter», sagt er, das fühle sich für einen britischen Schauspieler an wie ein Orden für besondere Verdienste: «Du kommst aufs Set und triffst überall diese grossartigen Schauspieler, die du schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen hast, und alle tragen sie lange Bärte. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge, der das goldene Ticket in die Zauberwelt gewonnen hatte.» Und der Mann von 41 Jahren, der eben noch maulfaul auf seinen Sätzen kaute, strahlt wie ein Kind.
Der Traum vom Rockstar
Auf den neuen Film muss sich die Potter-Gemeinde noch bis zum Herbst gedulden. Zuerst bekommt es Ifans jetzt mit den Zauberkünsten der Emma Thompson zu tun, als fieser Onkel im Kinderfilm «Nanny McPhee and the Big Bang»; wer lieber behutsames Autorenkino für Erwachsene mag, sieht ihn neben Ben Stiller durch den Film «Greenberg» schlurfen. Stiller, als Komiker nicht eben bekannt für Zwischentöne, spielt hier einen narkotischen Helden des Nichtstuns und gibt sich dabei so traurig und verletzlich, wie man das noch nie von ihm gesehen hat. An seiner Seite spielt Ifans einen Freund aus alten Tagen, der seinen Traum, Rockstar zu werden, längst begraben hat.
Ifans wählt schöne Worte, wenn er über Noah Baumbach redet, den Regisseur von «Greenberg». Er lobt dessen Drehbücher für ihre «forensische Qualität», und er schätzt den «zarten Naturalismus», den Baumbach in seinen Filmen pflege. Das ist sehr treffend gesagt, wenn man an frühere Werke wie das fein abgezirkelte Familiendrama «Margot at the Wedding» denkt. Bei «Greenberg» schmeckt es nach falscher Höflichkeit. Jedenfalls greift die postdepressive Erschlaffung, die Baumbach hier umkreist, rasch auf den Film über.
Moderator bei Kindersendung
Dem Traum vom Rockstar ist Ifans im wirklichen Leben bedeutend näher gekommen. Mit seiner Band The Peth spielte er letzten Sommer im Vorprogramm von Oasis im Wembley-Stadion. Und in den frühen 90er-Jahren hatte er kurz bei den Super Furry Animals gesungen; als die walisischen Psychedeliker dann ihr erstes Album aufnahmen, war Ifans schon nicht mehr dabei. Er hatte sich für andere Bühnen entschieden.
Aufgewachsen in einem Kaff im Norden von Wales, war er mit 18 Jahren nach London weggezogen, um Schauspiel zu studieren. Zurück in der Heimat, moderierte er beim walisischen Landessender ein TV-Quiz für Kinder. Seine erste grosse Filmrolle hatte er 1997 als kleinkrimineller Kiffer in «Twin Town», neben seinem Bruder Llyn. Und spätestens seit «Notting Hill» weiss man auch in Hollywood, wie man seinen Namen ausspricht. (Ungefähr jedenfalls.)
Liebesbedürftier Stalker
Dass er dabei mehrheitlich auf skurrile Nebenrollen abonniert blieb, hört man oft schon den Namen der Figuren an, die er spielt. Die heissen Puff oder Gruff, Dek oder Iki. Unterschätzen sollte man Rhys Ifans aber nicht. Wer ihn nur als struppigen Clown kennt, sehe sich «Enduring Love» (2004) oder Michel Gondrys «Human Nature» (2001) an. Bei Gondry spielt er einen verwilderten Waldmenschen, der von einem Verhaltensforscher zum manierlichen Kulturmenschen umerzogen wird. Auf seinem Parcours in die zivilisierte Welt durchläuft Ifans bravourös sämtliche Stadien vom triebgesteuerten Primaten bis zum britischen Gentleman, dem immer noch der Affe unter der Haut juckt.
Als liebesbedürftiger Stalker brachte er dann gar den späteren James Bond an den Rand des Wahnsinns. Das war in «Enduring Love», der Verfilmung von Ian McEwans Roman «Liebeswahn». Als treuherziger Tropf belästigt Ifans den grossen Daniel Craig so beharrlich mit seinem Liebeswerben, bis uns dieser Fremde überhaupt nicht mehr geheuer ist – ein subtiler Trip ins Unheimliche.
Sein Traum heisst Rasputin
Und die Rolle, die er, der ewige Nebendarsteller unbedingt einmal spielen will? Da antwortet er nicht mit Macbeth oder König Lear wie jeder britische Schauspieler, der etwas auf sich hält. Rhys Ifans sagt: Rasputin. Über den legendären Geistheiler vom russischen Zarenhof hat er kürzlich eine «unglaublich schlecht gemachte» TV-Dokumentation gesehen: «Ich erachte es jetzt als meine Pflicht, einen anständigen Film über Rasputin zu drehen.»
Ob er nun bei einer grossen Kiste wie «Harry Potter» mitspielt oder in einem kleinen Autorenfilm, das macht für Ifans keinen Unterschied: «Es erfordert auch dasselbe Mass an Sprachgefühl, wenn ich einem Kind eine Gutenachtgeschichte vorlese, wie wenn ich im Theater einen Monolog von Shakespeare spreche.» Seine jüngste Hauptrolle ist allerdings mehr ein Shakespeare der Cannabis-Kultur. Im Film «Mr. Nice» setzt er dem walisischen Physiker und Gentleman-Schmuggler Howard Marks ein filmisches Denkmal. Ein Kinostart in der Schweiz ist nicht in Sicht. Für uns bleibt er der ewige Nebendarsteller.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.03.2010, 04:00 Uhr
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