Der Maniac unter Hollywoods Regisseuren
Von Andreas Scheiner. Aktualisiert am 15.12.2009
«What the fuck are you talking about!», fuhr James Cameron einen jungen Agenturjournalisten an, der sich eben an der Pressekonferenz in Berlin eine kritische Bemerkung zu «Avatar» erlaubt hatte: «Von was zum Teufel reden Sie?»
«Avatar», ab übermorgen in den Kinos, ist Camerons erster Spielfilm seit über einem Jahrzehnt - seit «Titanic». Fast 500 Millionen Dollar soll das Science-Fiction-Spektakel verschlungen haben. Hunderte von Hollywoods pfiffigsten Tricktechnikern haben Tag und Nacht daran gearbeitet. Die Vorgabe: ein völlig neues 3D-Verfahren. Eine Revolution des Kinos. Darunter macht es einer wie Cameron (55), in Kanada geboren, nicht. Und da kommt nun so ein Jungjournalist und meint, ihn kritisieren zu müssen.
Der Journalist argumentierte, das Publikum werde den Film sicher toll gemacht finden, aber manche Leute würden auch bemerken, dass die Story so originell nicht sei. Cameron konnte kaum glauben, was er gehört hatte: «Ja, klar, es gab schon ganz viele solche Filme», schmollte er, «die Leute werden meinen total verschmähen.»
«King of the World»
Cameron wurde an der Berliner Pressekonferenz seinem Ruf gerecht, ein abgehobener Rowdy zu sein. Eine Journalistin sprach die Anleihen in «Avatar» zum Trickfilm «Pocahontas» an und fragte: «War es Ihr Ziel, aus der Pocahontas-Geschichte den teuersten und erfolgreichsten Film aller Zeiten zu machen?» Der Mann, der mit seinen sauber gescheitelten weissen Haaren und dem titanicblauen Hemd einen recht kultivierten Endruck machte, meinte, wenn dies seine Idee gewesen wäre, wäre er «the fucking dumbest fucking motherfucker» (dieses Zitat lassen wir lieber unübersetzt).
Bereits bei der Oscarverleihung 1998, als Cameron mit «Titanic» elf Mal abräumte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, der 1,8-Milliarden-Dollar-Erfolg des Films sei ihm zu Kopf gestiegen: Vor versammelter Filmelite nannte er sich damals in Anlehnung an Schauspieler Leonardo DiCaprio auf dem Bug der Titanic selber «king of the world». Cameron hat die Titanic versenkt, nun führt er sich auf, als könne er über Wasser gehen. Die Pressekonferenz in Berlin war nur die Spitze des Eisbergs.
Wie ein Irrer
Auf dem Set soll sich Cameron wie ein Irrer benehmen, berichten Crew-Mitglieder. Beim Dreh der Agentenkomödie «True Lies» (1994) habe er Arnold Schwarzenegger angebrüllt, geschrieen, ob er lieber mit dem Regisseur von «Basic Instinct» arbeiten würde: «Willst du, dass Paul Verhoeven den Film zu Ende führt, motherfucker?» Kate Winslet behauptet, sie sei bei den Dreharbeiten zu «Titanic» beinahe ertrunken. Und «Avatar»-Hauptdarsteller Sam Worthington soll von Cameron mit einem Stock geschlagen worden sein, weil diesem Worthingtons Gesichtsausdruck zu wenig schmerzverzerrt erschien.
Womöglich braucht es diesen Irrsinn, diesen Fanatismus, um in Hollywood herauszustechen: Die ersten beiden «Terminator»-Filme, bei denen Cameron Regie geführt hat, sind Kult; ziemlicher Murks hingegen waren die von No-Name-Regisseuren gedrehten Fortsetzungen drei und vier (letzterer notabene auch mit Sam Worthington). Es ist mithin eine Hassliebe zwischen Hollywood und Cameron. In den Studios kursieren T-Shirts mit der Aufschrift: «Ich habe James Cameron überlebt.»
Camerons Crewmitglieder würden sich wohl auch ein anderes Leibchen überstülpen. Eines mit dem Terminator-Spruch «I’ll be back!»: «Ich komme wieder.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.12.2009, 12:02 Uhr
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