Der Nebelmacher

Nach dem Oscar-Erfolg «Birdman» kehrt der Mexikaner Alejandro González Iñárritu mit dem historischen Epos «The Revenant» zurück.

Nimmt vom magischen Realismus den Effekt und vom Wilden Westen die Drastik. Leonardo DiCaprio nimmt man die Qualen allerdings ab. Foto: Twentieth Century Fox

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Als Michael Keaton in «Birdman» durch New York rannte, gab er einen abgehalfterten Schauspieler, der sein Glück am Broadway versucht und verfolgt wird von einem Superhelden mit Federn, den er früher im Kino gespielt hat. Er rannte in Unterhosen herum, und der Regisseur Alejandro González Iñárritu hat sich wohl nur eins gedacht: Wie übertreffe ich das? Die Antwort heisst «The Revenant» und zeigt Leonardo DiCaprio, wie er mit einem Grizzlybären kämpft.

Er spielt Hugh Glass, einen historisch verbürgten Trapper in den Great Plains im frühen 19. Jahrhundert, der mit der Jägerbüchse durch den Wald pirscht und von einer Bärenmutter angegriffen wird. Das Tier schleudert ihn zu Boden und wirft ihn herum, mit der Tatze drückt es Glass’ Nacken in die Erde – die Kamera ist so dicht dabei, dass der Atem des Bären die Linse zu beschlagen scheint. Verblüffend, wie haben die das gemacht?

So: Iñárritu und sein Team studierten Videos von realen Bärenangriffen und stellten Stuntmänner an, die DiCaprio mittels Gürteln und Stricken herumschleuderten, bevor die Hilfsmittel wegretuschiert und der Bär digital eingesetzt wurde. All das in einem ungeschnittenen und vorab choreografierten Take, genannt Plansequenz. Der Bär verhält sich glaubhaft animalisch, das Kunstblut sprudelt in genau getimten Bächlein. Und wir sind schon mitten in Iñárritus Trickkino, in dem die Pixel Pelz und Federn tragen und noch ein Nahkampf im Unterholz existenzielle Grandeur ausstrahlt.

Der Trailer zu «The Revenant» – Bärenszene inklusive. Quelle: Youtoube

Spätestens seit den vier Oscars für «Birdman» im vergangenen Jahr, darunter für den besten Film, hat auch Alejandro González Iñárritu ein bombastisches Selbstbewusstsein gewonnen. Der me­xikanische Regisseur sagt Sätze wie «Furcht ist das Kondom des Lebens», von den Wow-Erlebnissen seiner Filme ist er so überzeugt wie von der Notwendigkeit strapaziöser Dreharbeit, welche die Wunder erst hervorbringt. Gleich nach der Oscar-Nacht flog er nach Calgary, Kanada, wo die Crew von «The Revenant» schon fluchte über Temperaturen bis zu minus 30 Grad, Funklöcher und die Direktive, mit natürlichem Licht und in chronologischer Reihenfolge zu drehen. Manche kündigten, andere froren, und Leonardo DiCaprio erzählt seither so gern, wie oft, wie er in rohe Bison­leber gebissen und realen Auswurf abgehustet habe.

Schon selbst ein halber Bär

So viel Elendsrealismus wird in der Regel mit einem Academy Award belohnt, für DiCaprio wäre es der erste. Auch Iñárritu wird davon ausgehen, dass er wieder zum Zug kommt, so wie sein Kameramann Emmanuel Lubezki, der heute zwischen den Sets von Iñárritu und Terrence Malick pendelt und sich scheinbar endgültig darauf verlegt hat, mit Weitwinkellinse im Gegenlicht zu drehen.

«The Revenant» beginnt wie eine Malick-Kopie aus der Kunstgewerbeschule, da plätschert ein Fluss des Lebens, dort erscheint eine Indianerfrau. Aber dann wird unser Jägertrupp in der Schneeprärie im Jahr 1823 von Arikara-Kämpfern angegriffen. Die Pfeile der Indianer surren aus dem Nichts und treffen Kehlen, die Steadicam gleitet in einer kontinuierlichen Bewegung durch die weisse Hölle. Es ist, als habe Iñárritu für den Western tun wollen, was Steven Spielberg in «Saving Private Ryan» für den Kriegsfilm tat: eine Darstellung der unmittelbaren Folgen von Gewalt mit den Mitteln der virtuosen Filmtechnik.

Getarnte Schnitte

Eindrücklich ist es, aber auf demonstrative Art. Wenn die Pioniere in den Schnee sinken, erwartet man halb einen Zwischenruf des Requisiteurs; wenn die Kamera in den Himmel schwenkt, kann man sicher sein, dass Iñárritu in den Wolken einen Schnitt versteckt. Er tat das schon in «Birdman», wo eine elaborierte Sequenz auf die nächste folgte, zwecks Illusion eines ununterbrochenen Erzählflusses, in dem wir live dabei zusehen, wie das eine zum anderen führt. Die Schnitte sind verborgen in Schwenks, und einmal lässt uns Iñárritu in Rauchschwaden hineintaumeln, um von seiner Falschspielerei abzulenken. Sein Kino ist ein veritabler «smoke screen»: Der Kampfstoff der Digitaltricks vernebelt die Sicht aufs Gemachte, damit wir völlig in den Spielraum des Gezeigten eintauchen.

Er muss aber auch aufdrehen, denn viel mehr als Iñárritus übliche Erlösungsgeschichte erzählt «The Revenant» nach dem Roman von Michael Punke nicht. Zerfetzt vom Bären, wird Hugh Glass von seinen Begleitern seinem Schicksal überlassen. Aber der Totgeglaubte rappelt sich auf, um sich an John Fitzgerald (Tom Hardy) zu rächen, der vor seinen Augen eine ruchlose Brutalität begangen hatte. So kriecht einer im moralischen Grünbereich durch die Wildnis aus Eis; verzottelt, ausgehungert, durchfroren und im Überlebenskampf mit Natur und Eingeborenen, ein Verlorener als selbst schon halber Bär und wir mit ihm als eingebettete Leidende. Eine lange Zeit hat DiCaprio nicht viel mehr zu tun, als sich in Realzeit in Unterschlüpfen zu verkriechen und vor Schmerz zu krächzen. Man nimmt ihm die Qualen aber schon ab.

Das Labyrinth in der Weite

Doch was soll man diesem Alejandro González Iñárritu glauben, der mit den Ensembledramen «Amores Perros» (2000) und «21 Grams» (2003) die Überkreuzungen von Erzählsträngen auf maximalen Effekt trimmte, bevor er sie in «Babel» (2006) auf Weltmassstab brachte? Zunächst vielleicht, dass er sich als Verehrer des Schriftstellers Jorge Luis Borges in der Tradition des magischen Realismus sieht. «Babel» wirkte wie seine Version von Borges’ Erzählung «Das Aleph» über einen Ort in einem Keller, an dem alle Orte der Welt simultan existieren. «Birdman» war die noch deutlichere Hommage, mit den labyrinthischen Backstage-Gängen am Broadway-Theater, durch die Michael Keaton irrte, womöglich nur erträumt von dem gefiederten Blockbuster-Helden aus seiner Vergangenheit. Doch hinter jeder Ecke lauerte ein Minotaurus, und auch «The Reve­nant» zeigt die Weite der Great Plains als verzweigtes Land der Verstecke und Hinterhalte.

Das Labyrinth von Borges wird da zur Erfahrung einer Grenze, die sich ebenfalls ständig verschiebt: zur Frontier. Die Wildnis der Mountain Men, das elementare Leben der Trader und Pelztierjäger stellt sich dar als Schauplatz von Irrläufen und Rückzügen. Ein Schlachtfeld in der umkämpften Grenzregion, in der sich der Horizont der Gefahr immer wieder ändert und die Gräueltaten zwischen den neuen und den angestammten Wilden die pompöse Ästhetik des Spektakelkinos annehmen oder gleich die Deutlichkeit des Gore-Films, der auf die saftige Darstellung von Verletzungen setzt. In der Manege der Grausamkeit folgt ein Kunststück aufs nächste, und Hugh Glass hat die Frontier sogar in sein Inneres verlegt. Seine tote Frau ist vom Stamm der Pawnee und offenbart sich ihm in Momenten der Not. Das ist nicht nur praktisch für unsere Identifikation mit dem Weissen, der die Sprache der Indigenen spricht. Es steigert das Grauen am Boden auch ins Mystische.

Umfassende Bewegung

Die Sublimation des Überlebenskampfs vernebelt dann überhaupt alles, was an filmtechnischem Zauber noch übrig war. Iñárritu ersetzt ihn durch die spirituelle Quelle des Lebenswillens, angezapft aus dem Jenseits des guten Urvolks. So simpel ist am Schluss ein Regisseur, der vom magischen Realismus den Effekt nimmt und vom Wilden Westen die Drastik. Was an Wunderbarem geschieht, ist kein überraschender Teil des Gewöhnlichen, sondern ein kosmisches Zeichen.

Der Historiker Frederick Jackson Turner nannte die Frontier «the law of continuity and development». Das ist nur ein anderes Wort für die Filmmontage: eine dynamische Grenze zwischen Bildern, die den Eindruck von Kontinuität erweckt. Iñárritu will sie zum Verschwinden bringen, uns überwältigen – nicht durch Schnitt und innere Bilder, sondern durch das Erlebnis von umfassender Bewegung. Man wird ihn wohl wieder dafür ehren, Ende Februar an der Oscar-Nacht. Und vielleicht adaptiert er als nächstes wirklich «Das Aleph», als Monumentalfilm über alle Orte zu jeder Zeit in einer endlos langen Einstellung.

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Arena, Abaton, Arthouse Piccadilly und Corso. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.01.2016, 00:12 Uhr)

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