Der Sexorzismus

Unter dem sozialen Gebirge brodelt die Lust: Stina Werenfels zeigte in Solothurn ihren neuen Film. «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» ist eine grandiose Studie über die Abschaffung der menschlichen Unwägbarkeit.

Peter, nicht behindert, trifft Dora, behindert. Glänzend gespielt von  Lars Eidinger und Victoria Schulz.  Foto: Filmcoopi

Peter, nicht behindert, trifft Dora, behindert. Glänzend gespielt von Lars Eidinger und Victoria Schulz. Foto: Filmcoopi

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Zum Jubiläum in Solothurn gibts Schleckstängel von der Post, so hat man etwas zu nuckeln, während man im Kino sitzt. Man schleckt da vor sich hin und hört gleich auf, denn in diesem Film ­vergeht einem die Lust auf einen Schlag. Oder auch nicht, die Gemüter sind ja verschieden, manche werden als sensibel verschrien, andere wirken angenehm versaut. Jedenfalls, es wurde viel gelutscht in Stina Werenfels’ «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern».

Neben vielem anderen ist das ein Film über die orale Eroberung der Welt. Das beginnt mit den Joghurts und den Cornets, die Dora ständig schleckt, das geistig behinderte Mädchen – oder eher: die junge Frau, sie ist ja schon 18. Später kommt das Pimmelchen von ­Peter im U-Bahn-Klo dazu. Die Finger steckt Dora auch immer wieder in den Mund, und wenn sie jemanden küsst, schlabbert sie ihn regelrecht ab.

Die Medikamente abgesetzt

Das Thema kann man mit dem Wort «heikel» umschreiben, es geht um das sexuelle Erwachen einer Behinderten. Zu Beginn lebt Dora in einer Dämmerwelt. Sie ist mit Psychopharmaka ein- und ruhiggestellt, Stina Werenfels veranschaulicht das mit Einstellungen, die nach aussen hin verschwimmen. Ein ­sediertes Leben mit Randunschärfe, aber dann setzt die Mutter der Tochter die Medikamente ab, und die Bilder ­werden sonnig und glasklar. Und dann gehts los und artet es aus jenseits aller seltsamen Erwachsenenregeln.

Dora trifft Peter, Peter fickt Dora im Klo und im Hotel, Dora wird schwanger von Peter, der nicht behindert ist. Und die materiell gut versorgten Eltern, die nicht wollen, dass ihr Kind zeitlebens anders sein muss in seiner Schwach­sinnigkeit, erschrecken über dessen ­polymorphe Sexualität. Sie greifen ein, beginnen, es zu überwachen, das Ganze geht ja längst zu weit. Darauf folgen: Polizei, Psychologie, Humangenetik. Es ist ein Gang durch die Institutionen, aber ein verkehrter.

In den hypermodernen Amtsstuben sitzen die verständnisvollen Berater und wollen Dora vor den Menschen schützen und mehr noch vor sich selbst. Da verwandelt sich die knappe, geschliffene Szenenfolge von Lukas Bärfuss’ Bühnenstück in die Welt von heute, in eine ­Expertokratie der Risikomanager und Pränataldiagnostiker. Es sind die neuen Posthumanisten, die an einer Abschaffung der menschlichen Unwägbarkeiten arbeiten – durch Medizin und professionelle Beurteilung.

Neun Jahre nach «Nachbeben»

Wo das Stück aus dem Jahr 2003, kurz gesagt, den Backlash nach der sexuellen Befreiung beschrieb und die totalitären Grenzziehungen gegenüber einer ­Selbstbestimmung, die der liberalen Gesellschaft zu weit geht, so aktualisiert der Film, ebenso kurz gesagt, den Stoff für die Ära des effizienten Selbstunternehmers.

Aber darin spiegelt sich wieder die ­soziale Revolte, die ihren Ruf nach Ausdruck und Freiheit wiedergefunden hat in der verkommenen Form der kapitalistischen Ich-AG. Auch das eine Verkehrung und eine Pointe in diesem Drama, das zum Theaterstück einiges hinzudichtet. Und dabei die Kritik beibehält, dass jemand, der einen anderen zu ­etwas ermächtigt, in erster Linie seine eigene Macht benutzt. Hier sind es die Eltern mit ihren Neurosen, die nach S­igmund Freud die verdrängte Perversion darstellen. Im Stück wie im Film entsteht aus dieser Verdrängung die Unterdrückung der infantilen Sexualität und der körperlichen Überschreitungen – auch und gerade bei einer Behinderten, und vor allem in einer Zeit der ökonomischen Optimierung, in der es gilt, den Selbstzwang immer weiter auszudehnen, bis ins Unbewusste.

Dabei bleibt das ein lyrischer Film, ein Texturenfilm mit überscharfen ­Detailaufnahmen, subjektiver Kamera und einer Videoästhetik der Überwachung, wie es sie schon in Stina Werenfels’ «Nachbeben» gab. Und wie lange ist das her, dieses Drama über die privaten Erschütterungen eines Bankers in der Krise? Neun Jahre schon, unterdessen ist die in Zürich lebende Regisseurin selbst Mutter geworden und hat sich bei der Suche nach Geldbeiträgen mit den Schweizer Förderstellen abgeplagt. Sie wich nach Berlin aus, was als Schauplatz nicht schlecht passt, und hat glänzende Schauspieler gewonnen: Lars Eidinger als menschliches Monster Peter; Jenny Schily als Mutter, die ihre Tochter mit Zärtlichkeiten eindeckt, über sie er­schrickt, zusammenzuckt. Und die 24-jährige Victoria Schulz, sie gibt Dora eine nestelnde Genauigkeit, spielt mal vulkanisch, mal kindisch und immer präzis.

Lustvolle Entdeckerfreude

Es ist ein heftiger Film über die Austreibung einer sich entgrenzenden ­Sexualität, über die Verfügung des weiblichen Körpers, über die Graustufen ­zwischen der missbrauchten Lust und der lustvollen Entdeckerfreude, zwischen Benutzung und Berührung. Ein moderner Exorzismus, weit weg von «Feuchtgebiete» und näher am radikalen Kino des Franzosen Bruno Dumont. Eine Geschichte vom sozialen Gebirge, das wir über die brodelnde Lust gebaut haben; vom geheimen Wunsch, ein gesundes Kind zu haben, gut gestellt und ruhiggestellt, nämlich ein anständiges Mitglied der Gesellschaft.

Und es endet als Film des Trosts, mit einer letzten Perversion. Da geht die Mutter in die Kammer der Ekstase hinein, während die Tochter ihr eigenes Abenteuerland betritt. Und Stina Werenfels verschneidet beides zu einem finalen dionysischen Rausch. Es hat lange gedauert, und gut ist es nicht geworden. Sondern böse.

Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern. 27. 1. um 14.30 Uhr in der Reithalle, Solothurn. Ab 19. 2. in den Kinos. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.01.2015, 19:23 Uhr)

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