Kultur

Der Spiessertraum von der Freiheit

Von Florian Keller, Venedig. Aktualisiert am 11.09.2010

Der Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig spielt auf hohem Niveau. Zu hoch für Tom Tykwer.

Tragikomödie für ein postmodernes Bildungsbürgertum: Szene aus «Drei» des deutschen Regisseurs Tom Tykwer.

PD

«13 Assassins»: Showdown mit barbarischer Grandezza. (PD)

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Kurz vor dem Film, es ist schon dunkel im Kino, wird uns plötzlich blond vor Augen. Ein Wesen wie von einem anderen Stern huscht in den Saal und setzt sich genau vor uns hin, das platinblonde Haar im Nacken ganz kurz geschoren. Diese Frisur gibt es nur einmal auf dieser Welt, und tatsächlich, der Nacken gehört zu Tilda Swinton. Wie soll man sich da noch auf den Film konzentrieren? Der bärtige junge Mann an ihrer Seite wird die nächsten zwei Stunden an ihr kleben wie ein frisch verliebter Teenager, und als auf der Leinwand wie aus dem Nichts ein Flugzeug in einen See stürzt, klatscht weiter rechts ein breiter Kerl begeistert in die Hände. Das ist Quentin Tarantino, der Präsident der Jury. Willkommen an der Mostra.

Der Schauspielerin Sophie Rois ergeht es nicht anders, im neuen Film von Tom Tykwer. «Ich kann mich nicht konzentrieren», sagt sie einmal, als sie im Kino sitzt. «Drei» ist Tykwers erster deutschsprachiger Film seit zehn Jahren, und was er hier vorhat, macht er gleich zu Beginn deutlich. Da umgarnt sich ein tanzendes Paar in einem weissen Raum wie in «The Matrix», wenig später stösst ein zweiter Mann dazu. Modernes Tanztheater als Folie für ein Beziehungsballett zu dritt? Merke: Nach seinen kommerziellen Ausflügen meint es Tykwer sehr ernst mit der Kunst.

Schwank und Krebsdrama

So ähnlich wie im getanzten Prolog passiert es nämlich auch in der Zweierbeziehung, um die Tykwer seinen Film gebaut hat. Die Frau geht fremd, der Mann später auch. Die Pointe: Ohne es zu ahnen, haben sie beide eine Affäre mit demselben Mann. Es ist ein Plot wie für einen Schwank, und in den besseren Momenten streift hier Tykwer tatsächlich die Humorlosigkeit ab, die auf jedem seiner Filme seit «Lola rennt» lastete. Aber eine Komödie über ein Paar, das sich totgelaufen hat, ist ihm nicht anspruchsvoll genug. Tykwer will Diskurskino.

Also packt er massenhaft kulturelle Verweise hinein und garniert den Film, der auch ein Krebsdrama ist, mit allen möglichen Themen, die gerade durch die globalisierte Gegenwart schwirren. «Drei», das ist eine Tragikomödie für ein postmodernes Bildungsbürgertum, das seine sexuellen Fantasien bei Jeff Koons bezieht und «Moby Dick» auf dem Kindle liest. Und es ist ein spiessiger Traum von der Befreiung aus dem bürgerlichen Korsett. Am Ende sind alle drei nackt, aber in seinem utopischen Schlussbild kastriert Tykwer alle Begierde, die er zuvor behauptet hat.

Wäre da nicht der eckige Charme von Sophie Rois in diesem Dreieck, es wäre zum Davonlaufen. Rois hätte den Film gerne «Das Gespenst der Freiheit» getauft, wie sie verriet. Nun, vor diesem Gespenst muss niemandem bange sein.

So setzte «Drei» den verschmockten Schlusspunkt in einem Wettbewerb, der sich sonst auf Augenhöhe mit Cannes bewegte. Da war die Noblesse von Catherine Deneuve in «Potiche», einer gut geölten Emanzipationsposse von François Ozon, es gab die Not im chinesischen Hungerdrama «Le fossé», und zwischen diesen Extremen wird auch Quentin Tarantino den einen oder anderen Favoriten entdeckt haben. Wäre der Präsident allein in der Jury, würde der Goldene Löwe bei Takashi Miike landen.

Die Samurai im Dreck

Der japanische Akkordarbeiter, der pro Jahr durchschnittlich vier Filme dreht, überraschte mit «13 Assassins», dem ebenso sorgfältigen wie drastischen Remake eines Films von 1963. Da sollen 13 Samurai einen jungen Adligen töten, der seine Untertanen abschlachtet, als wärs ein Freizeitsport. Wie in einer Variation auf Kurosawas «Die sieben Samurai» rüsten die Schwertkämpfer ein ganzes Dorf in einen Hinterhalt um, wo sie den unedlen Edelmann samt seiner Armee massakrieren wollen. Die erste Stunde ist ein rhetorisches Vorgeplänkel, der Rest ein zweistündiger Showdown, in dem auch das Ethos der Samurai stilgerecht in den Dreck gezogen wird. Der Film steigert sich in eine barbarische Grandezza, bis gar nichts mehr übrig ist vom edlen Habitus der ersten Hälfte.

Von Clowns und Freaks

Ob sich Tarantino dagegen für zwei verstümmelte Clowns begeistern kann, die ihrerseits ein Massaker anrichten, weil sie sich bis aufs Blut um die Gunst einer schönen Trapezkünstlerin streiten? «Balada triste de trompeta» nennt der Baske Alex de la Iglesia seine rabiate Groteske um eine Zirkustruppe, die er uns als Zerrspiegel der spanischen Gesellschaft unter Franco aufs Auge drückt. Das blutige Duell zwischen den beiden Clowns ist als historische Allegorie gedacht, aber die bleibt so flach wie ein Comic.

Mit der grössten Umsicht tastet sich Abdellatif Kechiche an einen historischen Stoff, bei dem die Grenzen zwischen Zivilisation und Barbarei sehr durchlässig sind. Der gebürtige Tunesier breitet in «Vénus noire» die letzten Lebensjahre der Saartjie Baartman aus, die bis 1815 als afrikanische «Hottentot-Venus» in europäischen Freakshows vorgeführt wurde, an der Leine wie eine gebändigte Bestie. Als sich in London einige Humanisten empören und dem Impresario den Prozess machen, zieht die schwarze Venus nach Paris weiter.

Gespielt von der Kubanerin Yahima Torres, wird die Frau vom exotischen Tier zum Lustspielzeug der High Society – und endet auf dem Obduktionstisch von Professor Cuvier, der ihr konserviertes Geschlecht durch den Hörsaal reicht. Das ist historisches Kino, aber stets auf der Höhe der Identitätsdiskurse der Gegenwart. Kechiche verharrt nicht in der Vergangenheit, sondern spielt die Frage nach Selbstbestimmung und Ausbeutung so gründlich durch, bis sie uns in all ihren Ambivalenzen heimsucht. 2007 wurde Kechiche in Venedig mehrfach ausgezeichnet für «La graine et le mulet». Mit seiner «Vénus noire» wäre er jetzt reif für einen Löwen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2010, 08:19 Uhr

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