Der Tod kommt hinterrücks und mit aller Brutalität
Von Florian Keller. Aktualisiert am 04.05.2009
Der Film
Birdwatchers (Brasilien/Italien 2008). 108 Minuten. Regie und Drehbuch: Marco Bechis. Mit Abrísio da Silva Pedro, Alicélia Batista Cabreira, Leonardo Medeiros, Ambrósio Vilhalva u.a.
Ab 7. Mai in Zürich im Kino. Der Film läuft bereits in Baden, Basel, Bern und Biel.
Das Kino ist nicht die Caritas. Und wenn ein Spielfilm noch vor dem Abspann gross eine Spendenadresse einblendet mit dem dringenden Appell, ein Naturvolk vor dem Genozid zu retten? Dann spricht das in der Regel mehr für das humanitäre Gewissen des Regisseurs als für seinen Film. Eine goldene Ausnahme ist der Italo-Argentinier Marco Bechis mit seinen «Birdwatchers». Der Film macht zwar nie ein Geheimnis daraus, dass sein Herz für die Entrechteten im Mato Grosso do Sul schlägt. Doch in keinem Moment erweckt sein Drama den Eindruck, als verwechsle hier einer das Kino mit einer Anstalt für wohltätige Zwecke.
Schon mit der ersten Szene lässt Bechis den touristischen Blick des Westens so leichthändig ins Leere laufen, dass wir die Pointe hier nicht verraten wollen. Die Barockmusik des Jesuitenmissionars Domenico Zipoli beschwört dazu die Gnade Gottes. Von wegen: Wenig später hängen mitten im Regenwald zwei Mädchen der Guaraní tot an einem Baum; durch den Strang haben sie sich umgebracht, in Wahrheit sind sie erstickt am Leben im Reservat.
Jetzt verlassen die Wilden, die wir zuvor noch wie Touristen begaffen durften, den ihnen zugewiesenen Lebensraum, um Zuflucht auf dem Landstrich ihrer Ahnen zu suchen. Hier, zwischen einer staubigen Piste und einem letzten Rest Urwald, besetzen sie einen winzigen Flecken gleich neben dem Ackerland eines Grossgrundbesitzers. Die Rückeroberung kann beginnen – selbst wenn es Dünger vom Himmel regnet, weil der Gutsherr ungerührt sein Sprühflugzeug über den Acker jagt, als wären da gar keine Menschen.
Interkulturelle Romanze
Das klingt nach Versuchsanordnung und ist es auch. Sogar der Schimmer einer interkulturellen Teenager-Romanze ist hier eingebaut. Da gibt es die gelangweilte Tochter des Gutsbesitzers, die die Kultur der Eingeborenen höchstens als folkloristische Deko in ihrem Swimmingpool kennt. Und unter den Besetzern ist ein junger Indio, dem ein böser Geist im Nacken sitzt und der seine ersten Rituale als Nachwuchs-Schamane einübt. Als ihn das reiche Mädchen zum Bad in den Fluss lockt, entdeckt dieser Film für einen kurzen Moment die Möglichkeit einer romantischen Versöhnung. Doch der tropische Regen, der dann auf die beiden niedergeht, spricht dagegen.
Dabei spielt «Birdwatchers» jetzt nicht einfach entrechtete Eingeborene gegen einen rücksichtslosen Gutsbesitzer aus. Der reiche Farmer schickt zwar einen bewaffneten Knecht aufs Feld, der die Besetzer in Schach halten soll – doch der Wächter benimmt sich gerade so einschüchternd wie eine impotente Vogelscheuche. Als Dialektiker ist Marco Bechis kein billiger Sympathiekrämer, der die Parteien in seinem Drama so säuberlich sortiert, dass immer nur die Richtigen auf unser Mitgefühl zählen dürfen.
Mitgefühl allein könnte auch gar nicht entschärfen, was letztlich ein Konflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit ist: Der Gutsherr will um jeden Preis sein verbrieftes Nutzrecht durchsetzen – die Besetzer fordern ebenso stur jenes Land zurück, von dem ihre Vorväter einst vertrieben wurden.
Regisseur Bechis, geboren 1957 in Chile, ist selbst ein Vertriebener. Aufgewachsen in Argentinien, wurde er als junger Lehrer während der Militärdiktatur verhaftet und gefoltert. Nachdem seine Eltern seine Freilassung erwirkt hatten, ging Bechis ins Exil nach Italien. Mag sein, dass ihn diese Biografie geimpft hat gegen jeden Exotismus. In «Birdwatchers», seinem vierten Spielfilm, legt er den Finger auf die postkoloniale Wunde, ohne die politisch korrekte Moralpredigt gleich mitzuliefern.
Die Hauptrollen gehören den Indios
Auf seinen «weissen» Blick angesprochen, erinnert Bechis an Filme wie «The Mission» oder Werner Herzogs «Fitzcarraldo». Zwar habe sich das westliche Kino schon damals die schauspielerischen Dienste von Eingeborenen gesichert – doch als Helden im Regenwald dienten weisse Männer, gespielt von weissen Stars aus dem reichen Norden. Diese Rollenverteilung hat Bechis jetzt umgekehrt: Bei ihm sind es die professionellen Schauspieler, die von den Laien zu Nebendarstellern degradiert werden. Seine Hauptdarsteller in «Birdwatchers» hat Bechis unter den Guaraní-Kaiowá gecastet, einem Stamm, der bei heute rund 30'000 Angehörigen durchschnittlich alle zwei Wochen einen Selbstmord verzeichnet.
An das Spiel vor der Kamera brauchte Bechis seine ungeübten Stars nicht zu gewöhnen. «Ich spiele doch jeden Tag eine Rolle», soll einer der Guaraní bei den Vorbereitungen zum Film erklärt haben. Wann denn, wollte der Regisseur wissen. «Immer dann, wenn ich bete.» Die Guaraní begreifen schon ihre religiösen Rituale als Schauspiel, da dürfte der Schritt zum Kino nicht allzu riesig sein. In einer kleinen Filmschule hat Bechis seine Darsteller dann gleichwohl in die Sprache des Films eingeweiht. Um sie auf die Stille zwischen Schnitt und Gegenschnitt einzuschwören, zeigte er ihnen zwei fast wortlose Szenen aus Hitchcocks «Die Vögel» und Sergio Leones «Spiel mir das Lied vom Tod».
Auch dieser Film spielt ein Lied vom Tod. Und der Tod kommt hinterrücks und mit aller Brutalität. Erst versuchts der Farmer noch mit landwirtschaftlicher Vernunft: Er sorge doch schliesslich dafür, dass der Boden Früchte trage, rechtfertigt er sich vor den Besetzern. Seine Argumente laufen ins Leere, als das Oberhaupt der Guaraní statt einer Antwort einfach eine Faust voll nackter Erde in den Mund stopft. Das ist dem weissen Mann gar nicht geheuer: Wie soll man solche Menschen vom Acker schaffen, wenn die sogar die Erde essen, auf der sie leben?
Man mag das plakativ nennen, didaktisch ist dieser Film nie. «Birdwatchers» verstrickt sein Publikum in die unlösbaren Widersprüche der postkolonialen Welt – unaufdringlich und ohne Polemik, aber mit unerbittlicher Konsequenz. Und ganz nebenbei widerlegt Regisseur Bechis damit den alten Hollywood-Mogul Samuel Goldwyn. Der pflegte das Unterhaltungsdiktat an seine Regisseure einst in die griffige Parole zu verpacken: «Willst du eine Botschaft loswerden, dann geh zur Post.» Mit seinen «Birdwatchers» zeigt Marco Bechis: Packendes Kino ist manchmal die beste Botschaft. Dann bleibt auch die Spendenadresse im Gedächtnis. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.05.2009, 10:09 Uhr
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