Der Wegwerf-Wahn der Supermärkte

Der Dokumentarfilm «Taste the Waste» zeigt, wie täglich tonnenweise noch einwandfreie Lebensmittel weggeworfen werden – weil es sich rechnet. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit dem Produzenten des Werks.

Mehr als die Hälfte der Lebensmittel landet im Müll: Trailer zu «Taste the Waste».


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Der deutsche Filmemacher Valentin Thurn zeigt in «Taste the Waste» den täglichen Wahnsinn in der Lebensmittelbranche: Supermärkte, die täglich noch geniessbare Artikel entsorgen oder Gurken und Kartoffeln, die gar nicht erst in den Regalen landen, weil sie optische Vorgaben nicht erfüllen. In der EU wird täglich tonnenweise Essbares entsorgt. Mehr als die Hälfte unserer Nahrung landet im Müll, alleine in Deutschland werden jährlich 500'000 Tonnen Brot weggeworfen, wie Thurn recherchiert hat.

«Wollte herausfinden, was da schiefläuft»

Aufmerksam auf das Thema wurde Thurn während einer Reportage über junge Menschen in Deutschland, die Lebensmittel aus den Abfalltonnen der Supermärkte fischten. «Das hat mir die Augen geöffnet. Bei vielen Lebensmitteln war zwar das Haltbarkeitsdatum abgelaufen, aber geniessbar waren sie immer noch. Vieles war sogar noch nicht abgelaufen. Mit meiner Dokumentation wollte ich herausfinden, was da schiefläuft – die Unternehmen machen doch sonst auch nichts, was sich nicht rentiert», sagt Thurn im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Doch genau das Wegwerfen scheint sich für die Supermärkte zu rechnen. «Im Preis jedes Joghurtbechers, den wir kaufen, ist bereits ein weiterer eingepreist, der weggeworfen wird.»

Supermärkten ist das Thema peinlich

Weder Hersteller, Fabriken noch Supermärkte in Deutschland liessen das Filmteam drehen – und erst recht nicht, wie sie Lebensmittel in die Tonne werfen. «Das Thema ist ihnen peinlich, deshalb wollen sie nicht darüber reden. Einzelne Pressestellen behaupteten gar, dass sie gar nichts wegwerfen», sagt Thurn. Für die Dreharbeiten musste er nach Frankreich ausweichen, die Zahlen hat er in England und Österreich recherchiert. «Dort gibt es Studien über Lebensmittelverschwendung, die zudem stark in der Öffentlichkeit diskutiert wird.»

Im günstigsten Fall landet die Ware bei Suppenküchen

Mit Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums geht die Haftung vom Hersteller der Lebensmittel auf die Supermärkte über. «Sie halten es für zu kompliziert, bei mehreren Tausend Produkten den Überblick zu behalten und werfen sie eben lieber weg. Bei Gemüse und Obst gibt es kein Datum, aber hier sind die Märkte überzeugt davon, dass sie mehr verkaufen, je makelloser die Ware aussieht. Deswegen wird Obst und Gemüse bereits mit kleinen Makeln weggeworfen.»

Bei seinen Recherchen stiess er auf Supermarkt-Filialleiter, die ihm sagten, dass eben immer bis Ladenschluss alles vorrätig sein müsse. Frische Ware, die kurz vor dem Ablaufdatum stehe, müsse raus. Den Kunden solle nur allerfrischeste Ware präsentiert werden. «Gemüse und Früchte werden teilweise schon nach einem Tag entfernt. Im günstigsten Fall landet die Ware bei Suppenküchen. Aber so viele Bedürftige gibt es gar nicht, wie weggeworfen wird», sagt Thurn.

Vorsorge bei Frischwaren sei grundsätzlich in Ordnung. «Es gibt Waren wie Fleisch, Fisch oder Ei, wo es beim Verbrauchsdatum keinen Spielraum gibt. Aber bei einem Joghurt, das vielleicht drei Tage über dem Datum ist, merkt man nach einem Löffelchen ja selber, ob man es noch essen kann. Und nach dieser Kostprobe besteht auch keine Gesundheitsgefahr. Aber leider klären uns die Hersteller nicht darüber auf, weil sie dann weniger verkaufen würden.»

Die krumme Gurke

«Taste the Waste» zeigt, dass die Absurdität bereits auf dem Feld beginnt: In Deutschland werden laut Thurn knapp die Hälfte der Kartoffeln aussortiert, weil sie nicht den optischen Anforderungen der Detailhändler genügen. «Von den Supermärkten heisst es dann, dass das die Konsumenten so wünschen. Aber ich zweifle daran, ob die Kundschaft wirklich Mühe hat mit einer ungewöhnlichen Kartoffelform oder einer krummen Gurke.»

Oft werde die EU für die Normen verantwortlich gemacht. Das stimme zum Teil. «Wenn Brüssel wie kürzlich bei den Gurken eine Norm streicht, dann behält der Handel diese einfach bei, weil man nur gerade Gurken einfach verpacken kann», so Thurn. Da würden nur noch industrielle Prozesse im Mittelpunkt stehen. Durch die ganze Normierung würden die Käufer in der Stadt auch verlernen, wie unterschiedlich Gemüse aussehe, wie man es richtig lagere und zubereite. «Letztlich ist es auch eine Frage von Erziehung und Gewohnheit, ob man als Käufer auch Gemüse akzeptiert, das vielleicht optisch nicht perfekt ist.»

«Bewusster einkaufen»

Auch wenn im Film die Lebensmittelindustrie und der Detailhandel im Fokus stehen, ist für Thurn klar, dass auch der einzelne Konsument zu viel wegwirft. Wenn man in die Abfalleimer schaue, sehe es überall gleich aus. Ob England, Deutschland, Österreich oder Japan: Der Hausmüll besteht zu 10 Prozent aus essbaren Lebensmitteln. Sogar bei Leuten aus ärmeren Schichten steige die Menge kontinuierlich an. Allein deutsche Haushalte werfen jährlich Lebensmittel für 20 Milliarden Euro weg.

«Wir müssen wieder lernen, Lebensmittel zu schätzen und bewusster einzukaufen. Nach einem Grosseinkauf wird leider zu viel weggeworfen. Hat man nach dem Kochen noch etwas übrig, kann man es einfrieren. Es gibt so viele kreative Resterezepte. Oder nach der nächsten Party ergreift man die Initiative, packt die übrig gebliebenen Lebensmittel ein und fragt, wer etwas mitnehmen will.»

Es spiele auch eine Rolle, ob man selber kocht. «Dann kaufe ich vielleicht eher regional ein und werfe weniger weg, weil ich dem Lebensmittel mehr Wertschätzung entgegenbringe.»

Das Problem mit dem Wegwerfen von Lebensmitteln kennt Thurn aus eigener Erfahrung: «Heute Morgen musste ich schnell weg, auf dem Tisch blieb ein halbes Brötchen liegen. Das passiert mir täglich und lässt sich nicht ganz vermeiden. Es geht nicht darum, dies auf null zu reduzieren. Aber wenigstens um die Hälfte sollte man die Lebensmittelentsorgung reduzieren können. Das kratzt nicht an unserem Lebensstandard.»

«Taste the Waste» läuft seit kurzem in deutschen Kinos. Der Schweizer Kinostart ist für 2012 geplant. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.10.2011, 09:33 Uhr)

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Die Lebensmittelverschwendung hat auch Auswirkungen auf das Weltklima. Die Landwirtschaft verschlingt riesige Mengen an Energie, Wasser, Dünger, Pestiziden und rodet den Regenwald. Sie ist damit für mehr als ein Drittel der Treibhausgase verantwortlich. Wenn Nahrungsmittel auf der Müllkippe verrotten, entweicht zusätzlich Methangas, das sich auf die Erderwärmung 25-mal so stark auswirkt wie Kohlendioxid.

Verschwendung dokumentiert: Valentin Thurn.

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