Kultur

Der begnadete Minderleister hat den Preis verdient

Von Florian Keller. Aktualisiert am 06.03.2010

Die Rückkehr des Dude: Jeff Bridges, der faule Hund aus «The Big Lebowski», glänzt gleich in zwei neuen Filmen. Der Mann ist reif für den Oscar.

Schauspielerische Präzisionsarbeit, die sich als Faulheit tarnt: Jeff Bridges.

Schauspielerische Präzisionsarbeit, die sich als Faulheit tarnt: Jeff Bridges.
Bild: Keystone

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Der ewige Nominierte

Geboren 1949 als Sohn des Schauspielers Lloyd Bridges. Gemäss Eigendefinition ein «Produkt von Vetternwirtschaft», wird er schon für «The Last Picture Show» (1971) erstmals für den Oscar nominiert. Seine zweite von bislang fünf Nominationen holt er neben Clint Eastwood in «Die letzten beissen die Hunde» (1974). Wichtigste Filme: «Tron» (1982), «Starman» (1984), «Tucker» (1988), «The Fabulous Baker Boys» (1989), «The Fisher King» (1991), «Fearless» (1993), «The Big Lebowski» (1998), «Arlington Road» (1999). Zuletzt als kahler Schurke in «Iron Man» im Kino. Ende Jahr wird er im Nachfolger von «Tron» zu sehen sein, in «True Grit» wird er demnächst wieder für die Coen Brothers vor der Kamera stehen.

Sollte er in der Nacht auf Montag wirklich seinen längst verdienten Oscar gewinnen, wird niemand sagen können, er habe darum gebettelt. Jeff Bridges (60) hat nie zu jenen Stars gehört, die sich in den Vordergrund spielen, indem sie ihre Kunst wie eine Extremsportart ausüben. Bridges ist kein Athlet des schauspielerischen Ausdrucks, sein Metier hat er nie als Verpflichtung zur Leistungsschau verstanden. Nur logisch, dass er seinen spektakulärsten Auftritt als abgeschlaffter alter Hippie hatte, der sich gerade dadurch auszeichnet, dass er nichts leistet.

Über weite Strecken im Bademantel

Dieser grosse Minderleister war natürlich der Dude in «The Big Lebowski», der wohl faulste Hund in der Geschichte des Kinos. Bridges schuf hier eine Ikone des Müssiggangs, wie er in Badelatschen durch die absurden Windungen dieser buchstäblich ins Kraut schiessenden Komödie der Gebrüder Coen schlurfte. Da gibt es diese Audienz beim schwerreichen alten Lebowski, der den Dude fragt, ob er denn irgendwo angestellt sei: «Are you employed?» Die Reaktion ist klassischer Jeff Bridges. Wie er den Kopf leicht zur Seite neigt, als halte er schon die Frage für komplett abwegig, und wie er dann zurückfragt, immer noch in seiner bekifften Schläfrigkeit, aber doch auch hörbar entrüstet: «Employed?» Der Dude arbeitet nicht, schon gar nicht für andere Leute.

Kein Wunder, dass die Darbietung des Jeff Bridges damals – wie auch der Film – so eklatant unterschätzt wurde. Wenn einer seinen Auftritt über weite Strecken im Bademantel bestreitet, kann sein aufreizend zur Schau gestelltes Slackertum den Blick für die Präzisionsarbeit trüben, die hinter der gespielten Faulheit steht. Dabei ist das, was Bridges leistet, nicht weniger magistral als, sagen wir, die körperliche Hochleistungsshow eines Daniel Day-Lewis im Behindertendrama «My Left Foot».

Und wieder das Kifferlächeln

Ob er sich planlos durch die Dialoge wurstelt oder beim Bowling still vor sich hin dämmert: Sein komödiantisches Timing in «The Big Lebowski» ist schlicht umwerfend. Wenn ihm beim Reden auf halber Strecke der Gedanke abhanden kommt, weil das Gras sein Denken beeinträchtigt; oder wenn er im Auto panisch zu zappeln beginnt, als ihm während der Fahrt der noch glühende Joint in den Schoss fällt – in solchen Momenten kann jeder gelernte Komiker bei Jeff Bridges studieren, wie man eine komödiantische Glanznummer erbringt, wenn eigentlich gar keine Pointe da ist.

Jetzt reaktiviert er seinen Helden von damals in einem Umfeld, in dem man ihn nie vermuten würde. Sein Haar trägt er zum Zopf geflochten, und wenn er Margariten an seine Schützlinge verteilt, hat er wieder das selige Lächeln des Kiffers im Gesicht. Hat der Dude in einer Kommune seinen inneren Frieden gefunden? Nicht direkt. Jeff Bridges ist bloss in einer Gastrolle im Film «The Men Who Stare at Goats» gelandet, und die Kommune, in der er als bezopfter Guru sein Unwesen treibt, ist nicht gerade für ihre Friedfertigkeit bekannt. Bridges spielt ein hohes Tier der US-Armee, das mit Methoden, die in keinem militärischen Dienstreglement stehen, den spirituellen Horizont seiner Soldaten zu erweitern sucht.

Planloses Kreisen um eine Dauerpointe

Der eigentliche Witz an diesem Film ist, dass die hochgradig skurrilen Episoden um eine esoterisch geschulte Sondereinheit der US-Armee auf einem Tatsachenbericht beruhen. Die Hauptrollen spielen George Clooney und Ewan McGregor – aber immer, wenn Jeff Bridges auftritt, kommt es einem vor, als wäre der Dude aus «The Big Lebowski» als Meditationstrainer ins Militär einberufen worden. Das klingt allerdings lustiger, als es ist, weil Regisseur Grant Heslov nicht recht weiss, was er mit seinen Anekdoten anstellen will. Das Resultat ist eine hochkarätig besetzte, aber halbgare Satire, die planlos um eine einzige Dauerpointe kreist.

Mehr von Bridges ist dann in «Crazy Heart» zu sehen, dem Film, für den er mit seiner fünften Nomination endlich den verdienten Oscar gewinnen dürfte. Es ist ein bescheidenes kleines Läuterungsdrama, das ganz auf die Darbietung seines Stars vertraut.

Bridges spielt Bad Blake, einen versoffenen alten Countrysänger, der nur noch die allertraurigsten Provinzbühnen im texanischen Hinterland abklappert. Dass man dabei schon wieder an «The Big Lebowski» denkt, das provoziert Regisseur Scott Cooper gleich selbst mit der allerersten Szene des Films. Da steuert der Wandersänger nämlich eine Bowlingbahn an, die zweite Heimat des Dude.

Das Erbrochene im Schnauz

Als Bad Blake hat Jeff Bridges seine Stimme ein Register tiefer geschaltet, den Gurt trägt er meist offen, die Songs singt er selbst. Als er einmal notfallmässig von der Bühne stürmt, um in den Hinterhof zu kotzen, fällt ihm die Sonnenbrille ins Erbrochene – dem Dude tropfte damals die Milch eines White Russian vom Schnauz, bei Bad Blake ist es der gelbe Schleim seines kranken Magens. So schleppt sich Bridges durch den Film und lässt den abgelebten Altstar doch nie in die Karikatur abgleiten. Er ist der Pfeiler, um den Cooper sein sonst recht anspruchsloses Ausnüchterungsdrama gebaut hat. Unterwegs wartet noch eine läuternde Romanze mit Maggie Gyllenhaal, und am Ende trägt Bad keinen schwarzen Hut mehr, sondern einen weissen.

Wenn so ein Film dann «Crazy Heart» heisst, fragt man sich schon, was denn so crazy sein soll an diesem Herzen. Bei den Oscars aber, da müsste diese Läuterung eines kaputten Musikers prima funktionieren. Es wäre ja auch nichts Ungewöhnliches, wenn ein verdienter Veteran für eine Paraderolle in einem ansonsten wenig bemerkenswerten Film gewürdigt würde. Sein Leben lang stand Bridges immer ein wenig im Schatten seiner Zeitgenossen. Seine ersten Auftritte hatte er einst in den rebellischen Jahren des New Hollywood, als das amerikanische Kino die rohe, gefährliche Energie von Schauspielern wie Al Pacino oder Gene Hackman entdeckte. Bridges war ein elastischer Jüngling damals und hübsch wie ein Surfer. Als junger Wilder eignete er sich denkbar schlecht.

Laszive Reize von Michelle Pfeiffer

Im folgenden Jahrzehnt, als sich das muskulöse Blockbusterkino der Marke «Top Gun» in Hollywood breit machte, stand Bridges schon wieder schief in der Zeit. Und als er zu seiner charmantesten Nummer ansetzte, als Barpianist in «The Fabulous Baker Boys» mit seinem älteren Bruder Beau an der Seite, da wurde er überstrahlt von den lasziven Reizen der Michelle Pfeiffer. Es schien ihn nie gross zu kümmern.

Sein Privatleben liefert auch nicht den Stoff, aus dem der Boulevard seine Schlagzeilen fräst: Seit 1977 ist er mit Susan Bridges verheiratet, das Paar hat drei Töchter. Und es macht ganz den Anschein, als habe sich Jeff Bridges heute das Credo seines berühmtesten Helden zu eigen gemacht: «Ich gebe mir Mühe, nicht zu arbeiten», sagte er jüngst in «Vanity Fair». Gut, dass er es trotzdem hin und wieder tut.

«The Men Who Stare at Goats» ab nächstem Donnerstag in den Kinos. «Crazy Heart» folgt am 18. März.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2010, 09:59 Uhr

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