Kultur

Der eigenwillige Deutsche

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 10.01.2012 3 Kommentare

Er schickte ein Schiff über einen Berg – und ass für eine Doku seinen Schuh. Regie-Berserker Werner Herzog ist ein Phänomen im Filmzirkus, sein neuer Film erneut ein Highlight.

1/10 Symbiotische Beziehung: Werner Herzog, links, und der Schauspieler Klaus Kinski in einer Szene des Dokumentarfilms «Mein liebster Feind» auf einem undatiertes Archivbild.

   

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Herzogs Zeitreise

Herzogs Zeitreise
Werner Herzogs Dokumentarfilm «Die Höhle der vergessenen Träume».

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Jürgen Prochnow, Armin Müller-Stahl, Roland Emmerich: Es gibt einige Deutsche, die es im US-Filmbusiness geschafft haben. Der wichtigste unter ihnen, Werner Herzog, geht in dieser Aufzählung oft vergessen. Dabei hat ihn das «Time Magazine» 2009 zu einer der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Erde erklärt, als einzigen Deutschen neben Angela Merkel. Und – kulturgeschichtlich fast noch bedeutender – er wurde in «Die Simpsons» mit einem gezeichneten Gastauftritt geehrt.

Herzogs künstlerische Berühmtheit basiert zu einem grossen Teil auf einem einzigen Bild – seit er in «Fitzcarraldo» mitten im peruanischen Regenwald einen Flussdampfer über einen Berg ziehen liess und so eine der grossen Ikonographien der Filmgeschichte schuf. Ja, Herzog dreht eigentlich keine Filme, sondern wuchtet Bilder auf die Leinwand. Und natürlich war da auch Schauspiel-Psychopath Kinski, seine Nemesis, sein «liebster Feind».

Trademark Akzent

Dass die beiden Deutschen mit «Aguirre» oder «Fitzcarraldo» Filmgeschichte schrieben, war biografisch alles andere als programmiert. Werner Herzog wurde 1942 in München geboren. Er wuchs in einem abgelegenen bayerischen Bergdorf auf und studierte später Geschichte und deutsche Literatur. Nach seinen Anfängen beim Neuen Deutschen Film Ende der Sechzigerjahre arbeitete Herzog immer mehr international und wurde dank seiner kompromisslosen Filme in Hollywood zu einer eigenen Marke. Doch was machte er daraus? Sicher keinen Blockbuster. Der eigenwillige Deutsche, der sein bayrisch gefärbtes Englisch nicht nur behalten, sondern zu einer Trademark gemacht hat, wandte sich vom Spielfilm ab und drehte in den letzten Jahrzehnten vor allem Dokumentarfilme.

Nun läuft diese Woche mit «Höhle der vergessenen Träume» seine jüngste Doku an. Es geht darin um 30'000 Jahre alte Malereien in der Chauvet-Höhle und ist trotz des nicht gerade mehrheitsfähigen Themas bereits einer der international erfolgreichsten Dokumentarfilme des letzten Jahres (Filmkritik siehe Box). Herzog zeigt zum Beispiel Pferde, mehrfach leicht versetzt übereinander gemalt, wie in Bewegung. Simple, aber realistisch anmutende Tierzeichnungen, Nashörner, Bären, Mammuts. Dokumente menschlicher Ausdruckskunst und eines vorgeschichtlichen Naturverständnisses. Letzteres war schon seit jeher sein bevorzugtes Sujet. So zog es ihn in den Dschungel («Eroberung des Nutzlosen»), in die Wüste («Fata Morgana») und ins ewige Eis («Encounters at the End of the World»).

Konstruktion von Authentizität

Unvergessen natürlich auch «Grizzly Man»; die Doku über einen Mann, der aus der Stadt in die Wildnis zog, um mit Bären zu leben – und nach sieben Jahren von ihnen gefressen wurde. Mit Herzogs Faszination für Urgewalt wird übrigens auch seine Beziehung zu Kinski erklärt. Zumindest springt Herzog in seinem «Fitzcarraldo»-Tagebuch immer wieder von den Beschreibungen des Dschungels zu den Wutausbrüchen Kinskis. Apropos seltsame Freundschaften: 1977 wettete Herzog mit seinem amerikanischen Freund Errol Morris, dass dieser es nie schaffen würde, seinen ersten Dokumentarfilm «Pforten des Himmels» fertig zu stellen. Herzogs Wetteinsatz war das Versprechen, seine Schuhe zu essen. In dem Kurzfilm «Werner Herzog Eats His Shoe» sieht man, wie er die verlorene Wette einlöst. Der Film kursiert seither auf Festivals und im Internet (Box).

Dass das Publikum Herzogs Dokumentationen liebt, liegt auch daran, dass sie stets Anlass zur Introspektion sind. In seinem seltsamen Englisch reflektiert er das Gezeigte aus dem Off: Wie würde ich selbst in dieser Situation reagieren? Was denke ich über dieses Thema? Dazu kommt eine kühne Konstruktion von Authentizität. Herzog geht dabei so weit, dass er in Dokfilmen Szenen mit seinen Protagonisten erfindet. Etwa jene des Ex-Kriegsgefangenen Dieter in «Little Dieter Needs to Fly», der zu Hause zwanghaft Türen öffnet und schliesst, um sich der Freiheit zu versichern.

Auch in seinem neusten Film gibt es eine Szene, die typisch für sein Schaffen ist. Herzog interviewt einen Paläontologen, der am Computer die Abmessungen der Chauvet-Höhle rekonstruiert. Dann sagt er urplötzlich: «Das ist wie das Telefonbuch von Manhattan – vier Millionen Nummern, aber die Frage ist doch: wovon träumen diese Menschen?» Nein, das menschliche Tun und Treiben einfach zu dokumentieren, ist Herzogs Sache nicht, es geht ihm um etwas Grösseres: unsere Seele. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2012, 15:48 Uhr

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3 Kommentare

daniel Zollinger

11.01.2012, 08:25 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Wenn man mit Klaus Kinski zusammen gearbeitet hatte dann musste man eigenwillig sein, anders geht das gar nicht! Antworten


pierre Stoffel

10.01.2012, 20:40 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Wer hat das Schiff über einen Berg gezogen und ein Jahr im Dschungel gelebt, um diesen Film zu Produzieren? Nicht Herzog, sondern der Schweizer Walter Saxer. Antworten



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