Der grosse Kater mit den grauen Stars
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 13.01.2010
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Ueli Maurer fliegt keinen Flugzeugträger an, wenn er Pressekonferenzen abhält. Moritz Leuenberger muss auf der Treppe Platz nehmen, wenn der Intercity voll ist. Pascal Couchepin bekam kein ovales Büro zur freien Entfaltung. Micheline Calmy-Rey durfte nur einmal von Süd- nach Nordkorea laufen. Ruth Dreifuss kam mit dem Bus zur Arbeit. Und im Bundeshaus wird selten über Weltpolitik verhandelt.
Denn dort geht es entschieden unspektakulärer zu – mit Vernehmlassungen, Minderheitsanträgen, Zusatzberichten, Gegenvorschlägen, parlamentarischen Initiativen, Referenden und anderen A4-Formaten. Zwar gibt es Streit und Debatten, mitunter sogar Intrigen, aber die sind mit den Schaukämpfen in Italien, Deutschland, Frankreich oder England nicht zu vergleichen. Zwar darf jedes Jahr ein anderer aus dem Bundesrat das Präsidium führen, doch merkt man davon nicht allzu viel, im Ausland schon gar nicht. Und wenn man es auf der ganzen Welt merkt, wie 2009 bei Hans-Rudolf Merz, kommt es auch nicht gut heraus.
Linkisch und schwerfällig
Liegt es an der Schweizer Kollegialpolitik, dass sie so wenig Schweizer Spielfilme inspiriert und keine guten? Gestern Abend feierte «Der grosse Kater» von Wolfgang Panzer in Bern Premiere – die Verfilmung des Romans von Thomas Hürlimann. Der hatte sich an seinem Vater Hans Hürlimann frei inspiriert, dem Zuger CVP-Bundesrat zwischen 1974 und 1982. Ob der Film sein Publikum findet, ist damit noch nicht gesagt. Klar ist nur, dass er sich an einer wenig erfolgreichen Gattung versucht.
Spielfilme oder Fernsehserien über Politik sind ohnehin selten, mit Ausnahme Englands und der USA. Spielfilme über Schweizer Politik bleiben fast nicht existent. Und sie wirken linkisch und schwerfällig, ob sie jetzt als Komödie («Cannabis») oder Farce («Beresina») daherkommen. Die Dialoge klingen künstlich, die Figuren agieren hölzern, die Pointen bleiben absehbar. So wie in diesen Filmen redet kein Politiker, erst recht nicht aus der Schweiz. Der stimmigste Spielfilm über einen Schweizer Politiker spielt auch nicht im Bundeshaus, sondern in einer Berner Vorortsgemeinde: Bernhard Gigers «Gemeindepräsident» mit dem wuchtigen Mathias Gnädinger.
Dialoge als notorische Schwachstelle
An Themen herrschte kein Mangel: die dramatische Wahl und Abwahl von Christoph Blocher als Bundesrat, die geheimdienstlichen Wirren um die Tinner-Akten, die libysche Geiselnahme, die Borer-Affäre, der Fichenskandal. Um so etwas zu inszenieren, braucht es weder Flugzeugträger noch grimmige Bodyguards im Gegenlicht, es braucht auch keinen Morgan Freeman oder Gene Hackman als Bundesrat. Dennoch muss man zugeben: Schweizer Politik gibt keine guten Spielfilmstoffe ab. Was bleibt, sind die Sketchs von Viktor Giacobbo und seinem Ensemble am Sonntagabend. Selbst er hat sich als Co-Drehbuchautor von «Ernstfall in Havanna», einer Politsatire in Spielfilmlänge, nicht wirklich empfehlen können.
Das liegt zunächst an den Dialogen und damit am Drehbuch, einer notorischen Schwachstelle vieler Schweizer Filme, nicht nur bei politischen Stoffen. Aber man kann es auch neutraler sagen: Die Schweizer Politik eignet sich weniger für mediale Schaukämpfe als die amerikanische, dafür wird sie auch weniger durch sie bestimmt. Umfragewerte und Wahlkampfgelder spielen eine geringere Rolle, die Parteien gehen nicht ganz so brutal aufeinander los, die Politiker agieren näher bei den Leuten.
So, wie es ist
Man kann es auch ganz unmürrisch formulieren, geradezu positiv: Die Schweizer Politik bleibt am spannendsten, wenn die Regisseure sie nicht dramatisieren, sondern abbilden; nicht Fiktion also, sondern Dokumentation. Der beste Film über die Bundespolitik bleibt «Mais im Bundeshuus» von Jean-Stéphane Bron. Dabei nahm sich der Lausanner Regisseur ein sprödes Thema vor: die langwierige Auseinandersetzung der nationalrätlichen Wissenschaftskommission mit der Gentechnologie. Überhaupt geben Dokumentarfilme über Politik oft mehr zu reden als Dramen und Komödien. Schweizer Politik ist also weniger langweilig als oft behauptet. Es ist bloss anspruchsvoller, sie zu zeigen. Nicht wie sie sein könnte. Sondern wie sie ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.01.2010, 04:00 Uhr
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