Der kalte Krieger
Aktualisiert am 16.01.2012 1 Kommentar
Aufsteigerchronik: Clint Eastwood widmet sich der Biografie von J. Edgar Hoover.
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Gespielt wird Hoover von Leonardo DiCaprio, der sich damit als heissester Oscar-Anwärter empfiehlt. Mit viel Latex auf den Hängebacken wandelt sich DiCaprio vom ehrgeizigen Jungspund, der in den frühen Zwanzigern im Justizministerium als Vertreter einer «harten Hand» auf sich aufmerksam machte, zum viel gehassten Strippenzieher in den Siebzigern, an dem kein Präsident vorbeikam.
Erzählt wird die Aufsteigerchronik in Rückblenden, während der alte Hoover einem jüngeren FBI-Mitarbeiter seine ruhmreichen Taten in die Feder diktiert. Hinter dem Selbstbild eines patriotischen Bürokraten, der unablässig äussere und innere Bedrohungen der USA an die Wand malt, schält sich das zweite Ich eines Mannes heraus, der sich mit einer damals verbotenen Neigung quälte.
Pikantes Geheimnis
Der 81-jährige Eastwood erweist sich in seiner 33. Regiearbeit erneut als gediegener Handwerker, der mit lässiger Eleganz Fakten und Spekulation verknüpft. Den roten Faden bildet Hoovers unausgelebte Homosexualität. Dieses Geheimnis, so suggeriert das Politdrama, führte vielleicht zu Hoovers Gespür für die Schwächen anderer.
Mit seinen berüchtigten Privatdossiers über - nicht nur, aber vor allem - sexuelle Verfehlungen soll der alte Fuchs jahrzehntelang Politiker erpresst haben. Als Nixon 1972 die Nachricht von Hoovers Tod erhielt, liess er zuerst dessen Büros filzen, bevor er offiziell kondolierte.
Zartfühlend schildert Eastwood die unausgesprochene Männerliebe zwischen dem ewigen Junggesellen Hoover und seinem lebenslangen Stellvertreter und Begleiter Clyde Tolson; mehr als Händchen halten und versteckte Liebeserklärungen sind nicht drin.
Im Vorzimmer waltet diskret Miss Helen Gandy - die beherrschte Naomi Watts -, die nach der Ablehnung von Hoovers Heiratsantrag seine ergebene Privatsekretärin wurde. Neben diesen drei grauen Eminenzen brilliert Judy Dench als Hoovers imposante Mama.
Schmutzige Tricks
Spannend ist auch der Abriss der US-Kriminalgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Damals war der Staat angesichts von Banden und anarchistischen Attentaten praktisch hilflos. Hoover baute mit seiner Agentenbrigade eine Superbehörde auf, die unter anderem John Dillinger das Handwerk legte.
Sein lebenslanges Trauma aber war das Kidnapping des Lindbergh- Babys. Während der Ermittlungen begriff er die Möglichkeiten der Wissenschaft und wurde zu einem Pionier der Forensik.
Mit seinem «Chemiebaukasten», wie tumbe Lokalsheriffs die neue Methode abtaten, liess er Fingerabdrücke und Indizien untersuchen. Nebenbei verwanzte er die Schlafzimmer seiner Gegner. Zaghafte Fragen nach der Legalität seiner Aktivitäten wischte der FBI- Direktor beiseite.
Milde Sicht
Mit Razzien gegen Kommunisten erwarb er sich einen Ruf als Kalter Krieger, der sich auch vom liberalen Justizminister Robert Kennedy nicht in die Suppe spucken liess. Zwar kommen ausgiebig Hoovers Ruhmsucht und steigende Paranoia - so schrieb er zum Beispiel Martin Luther King hasserfüllte anonyme Briefe - zur Sprache. Doch Eastwood, einst als «Dirty Harry» zum Star aufgestiegen, betrachtet Hoover und seine schmutzigen Tricks vielleicht eine Spur zu milde. (phz/sda)
Erstellt: 16.01.2012, 12:58 Uhr
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1 Kommentar
Wundervoller Film! Man sieht, wie mit der Moralkeule (ein Dauerbrenner und running gag zugleich) erpresst, manipuliert und vernichtet wird. Zugleich sieht man, wie insbesondere die Saubermänner selber so einiges zu verstecken haben; und nicht zuletzt, zu welcher Unmenschlichkeit es führt, seine eigenen nicht-konformen Seiten unterdrücken zu müssen. Antworten
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