Der lange Weg nach Abbottabad

Die Jagd nach Bin Laden als wertfreie Abfolge von Fakten: Das ist der Anspruch, den Kathryn Bigelow mit ihrem Spielfilm «Zero Dark Thirty» einlösen will. Sie unterschätzt dabei die Macht des Kinos.

Chronik einer Verhärtung: Jessica Chastain sinnt in «Zero Dark Thirty» auf Vergeltung im Namen des Vaterlands. (Bild: Jonathan Olley, Universal Pictures)

Chronik einer Verhärtung: Jessica Chastain sinnt in «Zero Dark Thirty» auf Vergeltung im Namen des Vaterlands. (Bild: Jonathan Olley, Universal Pictures)

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Zu Beginn steht sie in einem verdreckten Container und duckt sich in die Ecke, als ihr Kollege einen Häftling durch Folter zum Reden bringen will. Ihren entgeisterten Blick gewöhnt sie sich bald ab, das gehört halt zum Job. Acht Jahre später sitzt sie allein im riesigen Laderaum eines Armeeflugzeugs, und da rinnen ihr Tränen der Erfüllung übers Gesicht: Da hat ihr Leben plötzlich seinen Sinn verloren, weil ihre grosse, ihre einzige Mission, der sie alles untergeordnet hatte, vollbracht ist. Osama Bin Laden ist tot, und um Maya herum: die grosse Leere.

Maya, so nennen Kathryn Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal die Geheimagentin, die sie in ihrem Spielfilm «Zero Dark Thirty» zur treibenden Kraft hinter der Jagd auf Osama Bin Laden machen. Ursprünglich hätte das ein Film übers Scheitern werden sollen, das Drehbuch dazu war schon fertig. Dann kam die Ermordung Bin Ladens dazwischen, und Boal fing nochmals neu an. Jetzt zeigt «Zero Dark Thirty» die Chronik einer geglückten Vergeltung. Die Realität hat den beiden ein Happy End beschert, das sie gar nicht wollten.

Beseelt von einer fixen Idee

Ihre Maya ist nun einer realen Mitarbeiterin der CIA nachempfunden, die der frühere Kriegsreporter Boal bei seinen Recherchen getroffen hat. Und Jessica Chastain, die ätherische Mutter aus «The Tree of Life», spielt diese Fahnderin so beängstigend ungerührt, als wäre sie eine Schwester der psychotischen Agentin aus der TV-Serie «Homeland» mit Claire Danes: frostig statt impulsiv, aber in ihrer Verbissenheit absolut ebenbürtig. Eine Getriebene, beseelt nur von einer fixen Idee: den Drahtzieher von 9/11 zur Strecke zu bringen.

Doch der Film beginnt mit einer Kapitulation. Ein Datum wird eingeblendet: 11. September 2001. Aber vom Anschlag auf die Zwillingstürme sehen wir nichts. Wir sind am Nullpunkt des Kinos: Die Leinwand bleibt schwarz, nur ein Gewirr von Notrufen ist zu hören. Eine Regisseurin, die keine Bilder zeigt, ist eine Regisseurin, die kapituliert. Vor dem nationalen Trauma? Die schwarze Leinwand als Denkmal, aus Pietät vor den Opfern? Eher ist es ein Verzicht im Wissen um die Übermacht der medialen Bilder. Der Anschlag ist längst gespeichert als Film, der in unserem Kopf abläuft. Kathryn Bigelow weiss, dass das Kino hier nur verlieren kann gegen das Ereignis.

Trotzdem stürzt sie sich in der Folge wieder in jenen militaristischen Naturalismus, den sie in «The Hurt Locker» (2008) vorgespurt hat. Die fast zehnjährige Fahndung nach dem Kopf der al-Qaida verkürzt sie auf zweieinhalb Stunden, und fast alles nehmen wir durch den Blick dieser Maya wahr. Wir begleiten sie, wie sie zu ihrem Kollegen in die Folterkammer steigt. Wir blicken ihr über die Schulter beim endlosen Studium von abgefilmten Verhören, die auf mehreren Videomonitoren gleichzeitig laufen. Und wir sind dabei, als sie ihren Vorgesetzten erpresst, weil er es mit der Jagd auf Bin Laden nicht mehr ganz so ernst nimmt wie sie.

Ohne patriotische Fanfaren

«Zero Dark Thirty» ist ein Film, der auf Stützpunkten, in Verhörräumen und gesichtslosen Korridoren spielt. Draussen Staub und Stacheldraht, drinnen die mühselige Kleinarbeit in schäbigen Büros in Islamabad und in nicht so schäbigen Sitzungszimmern in Langley. Kino mit Bodenhaftung: Wie schon in «The Hurt Locker» will Kathryn Bigelow mit den Stiefeln im Staub stehen, sie will uns mit jeder Faser nachempfinden lassen, wie diese Leute arbeiten, ungeschönt und schonungslos realistisch, jenseits der glamourösen Darstellung, mit der Hollywood die Geheimdienste so gerne ins Bild setzt.

Wahrscheinlich ist es das, was bei der amerikanischen Filmkritik solche Begeisterung auslöste. Bigelow verzichtet auf patriotische Fanfaren, auf das Pathos des Heldentums, auf die dramaturgischen Tricks eines Hollywood-Reissers. Sie verschärft die Fahndung nicht zu einer aufregenden Schnitzeljagd, sondern zeichnet ein Verfahren nach, das sich über mehrere Jahre scheinbar ins Endlose verzettelt. In jeder Szene merkt man diesem Film die penible Rechercheleistung an, die dahintersteckt. Bloss: Das macht ihn nicht fesselnd, sondern zäh.

«Unser Film hat keine Agenda, und er wertet nicht», hat Kathryn Bigelow erklärt. Ihre Stiefel dürfen also dreckig werden, aber politisch sollte der Film so sauber und unverbindlich wie möglich bleiben. Ironischerweise ist Bigelow damit nun erst recht ins Kreuzfeuer geraten. Dabei gibt es durchaus Momente, in denen sich so etwas wie moralische Ambivalenz in den Film einschleicht. Einmal wird Maya gefragt, ob sie mit einem bestimmten Kollegen schon geschlafen habe. Für sie ein völlig abwegiger Gedanke: «Ich bin nicht das Mädchen, das vögelt. Es ziemt sich nicht.» Folter ist okay, aber Sex ist unschicklich? Präziser kann man die amerikanische Doppelmoral um Sexualität und Gewalt nicht auf den Punkt bringen.

Die Agentin als Rockstar

Das Finale dann, der Überfall auf die Bastion des Terrorfürsten in Abbottabad, ist Actionkino in Reinkultur. Hier ist Bigelow auf der Höhe ihrer Kunst. Und paradoxerweise ist es gerade ihr konsequenter Naturalismus, der hier dazu führt, dass das Attentat auf Bin Laden seltsam unwirklich anmutet. Als der Hubschrauber der Navy Seals in der Nacht zum 2. Mai 2011 abhebt, geht von diesem Flug über die Berge die entrückte Poesie einer Reise über der Mondoberfläche aus. Und als die Elitesoldaten in Bin Ladens Festung eindringen, hat die subjektive Kamera den Effekt, dass wir uns im grünlichen Licht der Nachtsichtgeräte vorkommen wie Schatzsucher auf einem fremden Planeten.

Zuvor hat der Film seine Protagonistin doch noch kurz zur glamourösen Heldin stilisiert. Schwarze Jacke, dunkle Sonnenbrille, der Wüstenwind im lodernden Haar: Wie ein Rockstar posierte Jessica Chastain da vor dem Camp, bestaunt von den Soldaten. Es ist ein Bild, in dem sich der unredliche Kern dieses Films wie von selbst herausschält. «Zero Dark Thirty» gibt vor, die Jagd nach Bin Laden als wertfreie Abfolge von Fakten zu präsentieren, nüchtern und unheroisch. Und kommt doch nicht umhin, seine Maya zur Ikone zu adeln.

Hier zeigt sich, wie wenig von den Beteuerungen der Filmemacher zu halten ist. Verzicht auf jegliche Wertung? Das zeugt nicht nur von einem grenzenlos naiven Verständnis des Kinos. Es ist auch ein bedenklicher Anspruch für ein Dokudrama, das sich auf das Minenfeld von staatlich sanktionierter Folter begibt, den völkerrechtlich fragwürdigen Vergeltungsschlag gegen Bin Laden als packenden Showdown nachstellt – und dabei glaubt, die fundamentalen ethischen Fragen, die sich dabei aufdrängen, einfach ausblenden zu können. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.01.2013, 08:18 Uhr)

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Der Trailer

Der Film

Zero Dark Thirty (USA 2012). 157 Minuten. Regie: Kathryn Bigelow. Drehbuch: Mark Boal. Mit Jessica Chastain, Jason Clarke u.a.

Ab 31. Januar in den Schweizer Kinos.

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