Der mysteriöse Mord am Strand
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Mehr als drei Jahrzehnte sind vergangen, seit die Leiche des italienischen Filmemachers, Dichters und Intellektuellen Pier Paolo Pasolinis auf einem staubigen Sportplatz in Ostia in der Nähe von Rom gefunden wurde. Pasolini war mit einer Zaunlatte erschlagen und mit dem Auto mehrmals überfahren worden. Noch in der Nacht nahm die Polizei den mutmasslichen Täter fest: ein 17-jähriger Stricher, der in Pasolinis Sportwagen mit erhöhter Geschwindigkeit unterwegs war. Schon am nächsten Tag gestand Pelosi den Mord. Pasolini habe ihn in Rom aufgegabelt, in seinem Sportwagen seien sie zum Strand gefahren, wo er zudringlich geworden sei. Da habe er ihn in Notwehr erschlagen, sagte Pelosi.
Pelosi wurde verurteilt, doch es gab von Anfang an zahlreiche Ungereimtheiten in seiner Version: Blutspuren fanden sich auch über der Beifahrertür von Pasolinis Auto; Pasolini war ein durchtrainierter Sportler und dem Strichjungen Pelosi körperlich überlegen; im Auto fanden sich Kleidungsstücke und Schuhe, die weder dem Opfer noch dem Täter gehörten.
Forensische Fortschritte
Im Jahr 2005 meldete sich Pelosi in einem aufsehenerregenden TV-Interview erneut zu Wort. Er zog sein Geständnis zurück, gab an, bloss als Lockvogel gedient, Pasolini aber nicht erschlagen zu haben. Dies hätten drei Männer mit südlichem Akzent erledigt, Faschisten. Er habe sein Geständnis nur abgelegt, weil er selber und seine Familie massiv bedroht worden seien. Die Namen der Schuldigen wollte Pelosi allerdings nicht preisgeben.
Der Fall wurde zwar erneut aufgerollt, doch er bleibt bis heute eines jener italienischen Mysterien im Dickicht von Politik, Mafia und Geheimdiensten. Und immer wieder werden Stimmen laut, die endlich Klarheit darüber fordern, was damals geschah. So veröffentlichte die italienischen Tageszeitung «Corriere della Sera» am Montag einen offenen Brief des vormaligen Oppositionsführers und Bürgermeisters von Rom, Walter Veltroni. Darin richtet sich dieser an den italienischen Justizminister Angelino Alfano und verlangt zu wissen, warum die italienische Justiz sich den Fall trotz der zahlreichen ungeklärten Fragen und ermittlungstaktischen Löchern nicht endlich noch einmal vornehme. «Wir müssen weiter nach der Wahrheit suchen», so Veltroni. Kleider, Schweiss- und Blutspuren vom Tatort müssten neu und mit modernen forensischen Mitteln untersucht werden, fordert Veltroni. «Technologie und Wissenschaft sollten uns heute befähigen, ein definitives Urteil zu fällen.»
Veltroni ruft nicht zum ersten Mal zur Klärung des Falls auf. Er machte als Gymnasiast Bekanntschaft mit Pasolini, welcher die Aktivisten seines linken Schülerkollektivs regelmässig besuchte. Pasolini war dazu einer der wenigen Intellektuellen, der sich nie scheute, die Verbrechen der Machthaber zu benennen. Ein Jahr vor seinem Tod hatte er einen berühmten Artikel mit dem Titel «Multiple Mörder» publiziert, in dem er angab, die Namen der Drahtzieher vieler Attentate auf Institutionen und Massaker zu kennen. Und so ist nicht nur Veltroni überzeugt, dass der Mord an Pasolini politisch motiviert war. (mcb)
Erstellt: 24.03.2010, 13:33 Uhr
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