Kultur

Der spiegelverkehrte Polanski

Von Florian Keller, Berlin. Aktualisiert am 13.02.2010

Applaus für den berühmtesten Häftling der Schweiz: Roman Polanskis neuer Film «The Ghost Writer» feierte gestern in Berlin seine Weltpremiere – in Abwesenheit des Regisseurs.

Im Dienste eines Ausgeschlossenen: Ewan McGregor als Lohnschreiber in «The Ghost Writer».

PD

Roman Polanski bei den Dreharbeiten auf Sylt.

Roman Polanski bei den Dreharbeiten auf Sylt. (Bild: Keystone)

Ein freundlicher Despot

Ein begeisterter Regisseur klingt anders: «Ein Roman über einen Ghostwriter? Was für eine langweilige Idee!» So habe Roman Polanski reagiert, als ihm Robert Harris erstmals von seinem Buch «The Ghost» erzählt hatte. Der Regisseur, so erzählte Harris gestern vor der Premiere des Films an der Berlinale, habe sich ursprünglich bei ihm gemeldet, weil er seinen historischen Roman «Pompeij» verfilmen wollte. Erst als sich das Vorhaben mit dem Römerfilm zerschlug, machte sich Polanski gemeinsam mit Harris daran, «The Ghost» zu bearbeiten und in ein Drehbuch zu übersetzen.

An der Berlinale ist Polanski nun selbst zum Phantom geworden. Anlässlich der Pressekonferenz bedauerte Pierce Brosnan noch einmal die Festnahme des Regisseurs, seine Filmpartnerin Olivia Williams wie auch Ewan McGregor würdigten den grossen Abwesenden als gerechten Alleinherrscher am Set: «Polanski ist verantwortlich für alles», sagte McGregor. «Er ist ein Filmemacher auf sämtlichen Ebenen. Am liebsten würde er alles selber machen, von den Kostümen bis hin zu den Kulissen.»

Und für einen kurzen Moment geisterte wenigstens Polanskis Stimme durch den Saal. Aber es war nur Ewan McGregor, der den polnisch gefärbten Singsang des Regisseurs imitierte.

Polanski, der freundliche Despot? «Er ist wie deine Mutter», sagte McGregor zum Schluss. «Das Ärgerliche ist, dass er meistens Recht hat.»

Da sitzt er in diesem komfortablen Ferienhaus. Seine Ehefrau ist bei ihm, aber draussen lauert die Meute der Journalisten. Das Haus ist sein Gefängnis, der Weg zurück in die Heimat bleibt ihm verwehrt.

Seit ihn seine Vergangenheit eingeholt hat, kann er das Land nicht mehr verlassen. Und sein Name ist Roman Polanski? Nein, die Rede ist von dem abgetretenen Staatschef, der in Polanskis neuem Thriller «The Ghost Writer» einen nicht eben gemütlichen Ruhestand erlebt. Sein Ferienhaus ist allerdings kein Chalet, sondern ein gedrungener Wohnbunker am Meer, mit Sichtbeton statt gemütlichen Holztäfers. Hier landet nun Ewan McGregor als namenloser Lohnschreiber, der die Memoiren des britischen Ex-Premiers (Pierce Brosnan) zu Ende bringen soll. Der erste Ghostwriter ist unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, da solls uns nicht wundern, wenn der junge Nachfolger auf ein Geheimnis von weltpolitischer Tragweite stösst.

Biografische Parallelen

Das ist er also, der Film des berühmtesten Häftlings der Schweiz. Das ist er, jener Film, von dem es hartnäckig heisst, Polanski habe ihn in seiner Zelle in Winterthur fertiggestellt, auch wenn es dabei vor allem um telefonische Anweisungen zum Soundtrack ging. Ergebene Geister mögen bei der Premiere an den Filmfestspielen in Berlin einen altmodischen Thriller von klassischer Eleganz gesehen haben. Ohne falsche Höflichkeit heisst das: «The Ghost Writer» ist das solide, recht unpersönlich geratene Spätwerk eines alten Routiniers. Polanski hat den Roman von Robert Harris fast eins zu eins auf die Leinwand kopiert, punktgenau und samt den humoristischen Zwischentönen.

Überraschungsfreies Bestsellerkino ist das, und das Beste daran – neben der sinistren Musik von Alexandre Desplat – sind die geschliffenen Dialoge. Und auch die stammen direkt aus dem Buch.

Polanski provoziert Rückschlüsse

Den Spiegelungen, die dieser Film in die reale Welt zurückwirft, kann man sich dennoch nicht entziehen. Der erste, vordergründige Spiegeleffekt betrifft den Regisseur selbst. Polanski, man weiss das, kann es nicht ausstehen, wenn man seine Filme auf Parallelen zu seiner Biografie abklopft. Er trägt da auch ein persönliches Trauma, seit ihm einmal ein besonders schändliches Element der Boulevardpresse eine Mitschuld am Mord an seiner damaligen Ehefrau Sharon Tate unterstellt hatte, wegen teuflischer Filme wie «Rosemary's Baby». Und doch scheint es, als suche sich Polanski immer wieder zielsicher Stoffe aus, die biografische Rückschlüsse auf den Regisseur geradezu provozieren. Das ist hier nicht anders.

Im Film sitzt der britische Ex-Premier auf einer Luxusinsel an der amerikanischen Ostküste fest. Die Pointe daran: Der Mann kann die USA nicht mehr verlassen, weil er in jedem anderen Land aufgrund einer Klage beim Internationalen Strafgerichtshof verhaftet werden könnte.

Dass dieser Politiker wie ein spiegelverkehrter Polanski lebt, das muss auch dem Regisseur von Anfang an bewusst gewesen sein. Vor seiner Festnahme konnte sich Polanski frei bewegen, so lange er sich nicht auf amerikanischem Boden befand. Was aber macht ein Regisseur, wenn er nicht am Originalschauplatz drehen kann, weil er bei der Einreise in die USA sofort festgenommen würde? Polanski fand Ersatz in Friesland und an der Ostsee. Der Protagonist der Story kann nicht ausreisen, der Regisseur konnte nicht einreisen – nun wird New England im Film halt von Sylt und Usedom gedoubelt.

Von Bond zu Blair

Interessanter ist freilich der andere, politische Spiegeleffekt, den Polanski aus der literarischen Vorlage übernimmt. Im Buch wie auch im Film heisst der Premier zwar Lang, aber es besteht kein Zweifel, wer damit gemeint ist: Harris hat seinen Bestseller als kaum verschlüsselte Attacke auf Tony Blair und dessen aussenpolitische Rolle beim Einmarsch im Irak geschrieben, und die jüngste Vergangenheit hat seine paranoide Fantasie eher bestätigt als entkräftet. Noch als Journalist hatte Harris den späteren Premier einst hautnah durch den Wahlkampf begleitet. Mit diesem Thriller nun wollte der Schriftsteller seinen Ärger über den einstigen Hoffnungsträger loswerden, der sich in seinen Augen in eine Marionette der Bush-Regierung verwandelt hatte.

Blair im Kino? Da denkt man sofort an Michael Sheen, der spätestens seit «The Queen» fast schon abonniert ist auf den früheren Premier. Sheen spielt Blair gerne als glitschigen, aber im Grunde arglosen Schönredner. Gerade hat er seinen dritten Film als Tony Blair abgedreht, und er wäre auch für «The Ghost Writer» die naheliegende Besetzung gewesen. Aber der Ex-Bond Pierce Brosnan ist doch die raffiniertere Wahl. Zwar sucht man bei ihm vergeblich nach einer äusseren Ähnlichkeit zu Blair, aber Brosnans filmische Vergangenheit im Geheimdienst Ihrer Majestät macht dafür den Plot in «The Ghost Writer» einen Tick schillernder. Und ja: Der Mann, der James Bond war, wirkt selbst beim Joggen staatsmännischer als der echte Tony Blair.

The Ghost Writer (F/D/GB 2010). 128 Minuten. Regie: Roman Polanski. Mit Pierce Brosnan, Ewan McGregor, Kim Cattrall, Olivia Williams u.a. Ab 18.2. im Kino.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2010, 06:38 Uhr

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