Die Bürdenträger der amerikanischen Gesellschaft
Von Simone Meier. Aktualisiert am 24.03.2010
Dossiers
Die Filme
The Blind Side (USA 2009). 115 Minuten. Regie: John Lee Hancock. Mit Sandra Bullock, Quinton Aaron, Tim McGraw u.a. Ab morgen in Zürich in den Kinos ABC und Frosch Studio.
Precious (USA 2009). 110 Minuten. Regie: Lee Daniels. Mit Gabourey Sidibe u.a. In Zürich im Kino Riffraff.
Michael ist ein wahnwitzig dicker Junge aus Memphis. Zu Hause, im übelsten Ghetto, versumpft seine Mutter im Crack, sein Vater ist erschossen worden, schulische Tests sprechen ihm jegliche Fähigkeit ab, ausser derjenigen, sich zu verteidigen und andere zu beschützen. Mit andern Worten: sich für andere so richtig auf den Sack geben zu lassen. Precious ist ein noch viel dickeres Mädchen aus Harlem. Zu Hause, im noch viel übleren Ghetto, versumpft ihre pervers bösartige Mutter vor dem TV, Precious ist zum zweiten Mal von ihrem eigenen Vater schwanger, das erste Kind ist mongoloid, sie selbst ist HIV-positiv, weil ihr Vater Aids hat. Das Leben hat Precious so richtig auf den Sack gegeben.
Michael (Quinton Aaron) aus dem Film «The Blind Side» und Precious (Gabourey Sidibe) aus «Precious» sind beide schwarz. Weisse Ladys helfen ihnen aus dem Elend. Bei Precious ist es die Schuldirektorin Mrs. Liechtenstein, die sie in einer alternativen Schule anmeldet, Michael wird in einer Winternacht von der Innendekorateurin Leigh Anne Tuohy (Sandra Bullock, sie erhielt dafür einen Oscar) von der Strasse aufgelesen.
Wohlfühlfilme trotz Elend
Begeistert und fügsam ergeben sich die beiden dicken schwarzen Teenager den jeweiligen, auf ihre Rettung bedachten Systeme, in denen es von freundlichen Helfern (in «Precious» sind das zum Beispiel Lenny Kravitz und Mariah Carey in ganz uneitlen Rollen) nur so wimmelt – und werden auch prompt gerettet. Schliesslich sind beide Filme trotz ihrer Ausgangslage im totalen Elend sogenannte Feelgoodmovies. Wohlfühlfilme.
Nun ist das Wohlfühlmoment bei «Precious» nicht ganz so aufdringlich, dazu wird das arme Mädchen mit allzu viel hartem Drama überschüttet – und man muss der Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe ein Kränzchen winden dafür, dass sie die ganzen Qualen mit einer unsentimentalen Teilnahmslosigkeit hinnimmt. Spätestens bei der HIV-Geschichte muss man im Kino allerdings lachen. Diese Betroffenheitskiste nach den aus «wahren Geschichten» kondensierten Memoiren der schwarzen Lehrerin und Autorin Sapphire ist so schamlos überladen, dass sich irgendwann jede Anteilnahme verliert.
Riese mit Starpotenzial
Precious ist eine schwarze weibliche Jesusfigur, inszeniert vom schwarzen Regisseur Lee Daniels und produziert von Oprah Winfrey, der TV-Königin der Tränendrüsen. Damit ist «Precious» ein monumentales Beispiel eines neuen «Blaxploitation»-Films – jenes Genres also, mit dem afroamerikanische Regisseure in den 70er-Jahren mit wenig Geld ihr neues politisches Selbstbewusstsein und die krasse Realität in den Ghettos dokumentierten. «Precious» wird dadurch nicht besser, steht aber immerhin in einer amerikanischen Kinotradition mit redlichen Absichten.
Ein pures, durch gar nichts zu verteidigendes Ärgernis ist dagegen «The Blind Side». Noch weniger Geschmack als in ihrer Rollenwahl für «The Blind Side» bewies Sandra Bullock nur in der Wahl ihres Mannes, der sich bekanntlich lieber mit einer Nazi-freundlichen, tätowierten Pornodarstellerin – ihr Lieblingsbuch ist Hitlers «Mein Kampf» – als mit seiner Frau vergnügt.
Amerikanische Binsenweisheit
Leigh Anne Tuohy, das ist Sarah Palin ohne offensichtlichen Rassismus. Das ist die patente, erzkonservative, christliche, weisse Matriarchin mit der Pistole in der Handtasche, in deren Leben weder Zweifel noch Furcht oder gar Disziplinlosigkeit Platz haben. Die immer wiedergekäute amerikanische Binsenweisheit vom Traum, der wahr wird, wenn man nur fest genug an ihn glaubt, ist auch ihr Lebensmotto.
Und so begreift sie denn sofort, was sich in dem ungebildeten, unförmigen schwarzen Riesen, den sie bei sich aufnimmt, verbirgt: Starpotenzial! Sie muss ihn nur tüchtig zurechtformen, und schon wird aus dem leicht monströsen Mocken der gefeierte Football-Verteidiger, der Leigh Annes ehemaliger Universität alle Ehre machen wird.
Wohltätige Christenmenschen
Ganz leicht geht Michaels Umerziehung unter der Regie von John Lee Hancock, der sich auf patriotische Stoffe wie die Schlacht von Alamo («The Alamo») oder Baseball in Texas («The Rookie») spezialisiert hat, vonstatten. Stets wartet man, dass jetzt endlich ein echtes Problem um die Ecke biegen möge, doch dann stöckelt Sandra Bullock schon wieder mit scharfer Zunge und wild entschlossen zur guten Pfadfindertat durchs Bild und macht jedem Konfliktherd den Garaus.
Auch ihre Familie besteht aus lauter wohltätigen Christenmenschen ohne jegliche Widerspenstigkeit und mit einem selbstzufriedenen Leuchten in den Augen. «Danke Dad für dieses tolle Dinner!», heisst es artig nach jeder Einladung in eine Fastfood-Beiz. Mit unnachgiebiger Liebenswürdigkeit zähmen sie gemeinsam den schwarzen Riesen in ihrem hellen Heim und zeigen ihm anhand von «Wo die wilden Kerle wohnen», dass weisse Kinder solche wie ihn ganz fest gern haben können.
Im Klischee-Ghetto
Wie «Precious» beruht auch «The Blind Side» auf der «wahren Geschichte» des heute 24-jährigen Footballstars Michael Oher. Und man fragt sich, was das plötzlich soll mit dieser inflationären filmischen Reintegration von schwarzen Bürdenträgern der amerikanischen Gesellschaft, zu einer Zeit, wo doch ein Schwarzer ihr oberster Würdenträger ist. Ob die beiden Filme, die zusammen drei Oscars gewonnen haben, etwa zeigen wollen, dass auch in Harlem und Memphis Obama-mässige Aufstiegsgeschichten möglich sind. Seltsam nur, dass man diese in den prototypischsten Klischee-Ghettos ansiedeln muss. Als wäre keine andere schwarze Grundexistenz möglich.
«Is this a white guilt thing?», fragt einmal eine konservative Freundin von Leigh Anne frei heraus, als diese von ihren Adoptionsabsichten erzählt. Nein, es geht hier nicht darum, dass eine weisse Frau ihre Schuld abtragen will. Die Geschichte vom Nichts namens Michael, der unter Leigh Annes Führung zur leistungsstarken Maschine wird und seiner Football-Mom die Pokale apportiert, ist etwas viel Vertrauteres: eine neue Form von Sklavenhaltung.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.03.2010, 04:00 Uhr
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