Die Frauen im Volk der Brüder

«Die göttliche Ordnung», die Komödie um die Einführung des Frauenstimmrechts, ist auch ein weibliches Lustspiel. In Zürich entwickelt sich der Film von Petra Volpe zum Kassenhit.

Nora (Marie Leuenberger) wird von der Hausfrau zur «Emanze». Foto: Daniel Ammann

Nora (Marie Leuenberger) wird von der Hausfrau zur «Emanze». Foto: Daniel Ammann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Publikum war in ausgelassener Stimmung – aber bitte, man sagt doch nicht «das», es waren nämlich vorwiegend Zuschauerinnen, einige davon mit Pussy Hats, die am Internationalen Frauentag in Zürich die Lunchkino-Spezialvorstellung von Petra Volpes Komödie «Die göttliche Ordnung» besuchten. Eine heillos ausverkaufte Vorführung in Anwesenheit der Regisseurin: An den sieben Lunchkino-Tagen sahen den Film 2546 Leute, wie der zuständige Verleih Filmcoopi mitteilt. Ein Rekord für die Reihe im Arthouse Le Paris, zumal «Die göttliche Ordnung» dank vieler Vorpremieren bereits rund 8000 Zuschauer verbucht hat, bevor der Film über die Einführung des Frauenstimmrechts am Donnerstag überhaupt erst offiziell im Kino startete – und da sind die Weltpremierenbesucher von den Solothurner Filmtagen noch gar nicht eingerechnet. Dort hat die Komödie den Prix de Soleure gewonnen; für den Schweizer Filmpreis, der am 24. März vergeben wird, ist sie siebenmal nominiert. Die Auszeichnung für die «Beste Darstellung in einer Nebenrolle» machen drei Schauspielerinnen aus «Die göttliche Ordnung» unter sich aus – so gut ist dieser Film.

Das weiblich Ungezähmte

Er ist aber auch wirklich gut, weil sich Petra Volpe nach «Traumland» (Regie und Buch, 2013) und «Heidi» (Buch, 2015) einmal mehr an einer Schweiz abarbeitet, die als Gefühl in uns allen steckt: als töteliges War-doch-schon-immer-so, das den Ausbruch erstickt. Man könnte es jetzt Petra Volpes Trilogie übers weiblich Ungezähmte nennen, angefangen bei der fremden Bulgarin in Zürich aus «Traumland», weiter über den kindlichen Unband Heidi und nun hin zu Nora (Marie Leuenberger), die im Jahr 1971 in einem Kaff in der Ostschweiz nicht mehr Hausfrau sein will, weil sie ein Mensch ist und nicht jemand, der sein Leben lang Socken wäscht. Sie wird politisiert dank anderen Dorfbewohnerinnen und einer Demo in Zürich, und als der Mann (Max Simonischek) aus dem WK zurückkehrt, hat er plötzlich eine «Emanze» daheim, die sich weigert, das Frühstück vorzubereiten.

Der Trailer. Video: Youtube

Es ist eine realistisch erfundene und tragisch gefärbte Episode aus der Sozialgeschichte eines kleinen Landes, das mit der Unterzeichnung der Bundesverfassung von 1848 derart von sich selbst verblüfft war, dass es noch mehr als hundert Jahre brauchte, um zu merken, dass Frauen womöglich auch als Stimmberechtigte in Betracht zu ziehen wären, wobei es im Appenzellischen dann noch einmal eine ziemliche Weile dauerte bis zur Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene – wodurch, so ging der Witz aus dem Proseminar, die Schweiz im Jahr 1990 endlich zur Demokratie geworden ist.

Als Rechercheurin im Archiv der Schweizer Mentalitätsgeschichte entwirft Petra Volpe das Sittenbild einer Spiesserzeit, in der es auch um Verwahrte und Armengenössige geht und um die weibliche Lust, die Nora im Verlauf ihres Befreiungskampfs an sich selbst entdeckt – als aufbegehrendes Begehren. Ihr Engagement löst soziale Flurschäden in der Gemeinde aus und hat bei den Männern nicht nur eindeutige, sondern auch kompliziert finstere Folgen, die mit einem provinziellen Gruppendruck ebenso zu tun haben wie mit Männlichkeitsklischees, deren Aufweichung für Noras Mann dann zu einer Art Selbstentdeckung am Kuchenteig wird. Er reiht die Apfelschnitze sehr sorgfältig auf: Petra Volpe gewinnt ihrer Komödie, die zu ernst ist, als dass sie immer lustig wäre, schöne Nuancen ab.

Es bleibt aber auch ein zorniger Film, gerade in seiner leisen Art. Er muss nicht brüllen, um die Unterdrückung zu zeigen, die darin besteht, dass die Hausfrau staubsaugt und der Schwiegervater im Sessel die Füsse hebt. Nur die Ausstattung konnte sich scheinbar nicht richtig zwischen Retroschick und Postautobiedersinn entscheiden. Die Tapeten sahen ja aber auch cool aus damals. Und als stylisher Film über die seelenmiefige Männerschweiz wirkts nun auch wie ein heutiger Kommentar – und wie eine heimische Variante des hollywoodschen Schlagzeilenfilms, der aus brennenden Stoffen smarte Fiktion macht. Davon müsste es doch viel mehr geben?

In Zürich in den Kinos Arena, Arthouse Le Paris, Capitol und Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 19:51 Uhr

Artikel zum Thema

Der Kümmerer aus Kasimpasa

Der türkische Spielfilm «Reis», der in einem Zürcher Kino läuft, verherrlicht Recep Tayyip Erdogan als Politiker ohne Schwächen. So viel Hagiografie dürfte selbst seine Anhänger irritieren. Mehr...

Fortschreitende Fäulnis

In Rumänien wird gegen den Amtsmissbrauch von Politikern demonstriert. Die rumänische Nouvelle Vague im Kino seziert die Korruption schon lange, jetzt wieder besonders wütend in «Graduation» und «Sieranevada». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Sponsored

Ein Hauch Kalifornien in der Westschweiz

Lausanne wird immer wieder mit San Francisco verglichen. Was daran stimmt, sagt Yves Béhar, Designer des 100-Dollar-Laptops.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Küsschen gefällig? Die US-amerikanische Sängerin Macy Gray unterhält das Publikum mit ihrer Show am Jazzaldia Festival Spanien. (24.Juli 2017)
(Bild: Vincent West) Mehr...