Die Greta Garbo des Untergrunds
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 03.11.2010
Zur Person
Tilda Swinton entstammt einem der ältesten schottischen Clans und wuchs im jahrhundertealten väterlichen Stammsitz auf. Ihr Vater, Sir John Swinton of Kimmerghame, war ein Generalmajor der zur britischen Armee gehörenden Scots Guards.
1986 debütierte sie als Filmschauspielerin in Derek Jarmans Caravaggio. Bis zu Jarmans Tod im Jahr 1994 trat Swinton in jedem Spielfilm des eng mit ihr befreundeten Regisseurs auf. Mit dem Regisseur ihres Filmes «Egomania» – Insel ohne Hoffnung, Christoph Schlingensief, pflegte sie bis zu dessen Tod ebenfalls eine anhaltende Freundschaft.
Ihren internationalen Durchbruch markierte 1992 Sally Potters Film «Orlando», nach dem Roman von Virginia Woolf, in dem Tilda Swinton einen Adeligen spielt, der 400 Jahre lebt und sich in dieser Zeit vom Mann zur Frau wandelt.
Tilda Swinton führt mit dem 20 Jahre älteren schottischen Autor und Maler John Byrne eine polyamore Beziehung. Sie haben zwei gemeinsame Kinder. Mit Byrne und ihren Kindern lebt die Schauspielerin nach wie vor gemeinsam in Nairn, nordöstlich von Inverness, in Schottland.
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Tilda Swinton ist anders. Fast ausserirdisch ist ihre Schönheit, die lyrische Vergleiche herauszufordern scheint: der lange, schlanke Hals, auf dem ihr Kopf wie eine Blüte ruht, ihre Alabaster-Haut, die klaren, grünen Augen, das flammendrot lodernde Haar. Die Frau, die kaum je Mascara trägt. Und trotzdem verschliesst sie sich jeder konventionellen, von Bildern aus Hollywood geprägten Auffassung von gutem Aussehen. Vielleicht, weil es sich nicht bloss der Oberfläche, sondern der Tiefe der Person verdankt. Und genau aus dem Grund gelingt ihr auch scheinbar mühelos, woran die meisten weiblichen Hollywoodstars scheitern: die Transformationen des Alters beinahe schwerelos zu durchlaufen, ohne an Faszination einzubüssen.
Das «Du»-Magazin widmet Swinton seine November-Ausgabe, welche in immer neuen Ellipsen das Geheimnis Swintons zu ergründen sucht – und dabei nicht von ihrem Bildnis loszukommen scheint.
Herkunft aus dem Hochadel
Wer ist Tilda Swinton? Geboren als Tochter eines Major-Generals aus dem schottischen Hochadel, reicht ihr Stammbaum bis ins neunte Jahrhundert zurück. Sie besuchte ein englisches Mädcheninternat mit der späteren Prinzessin Diana. Als Teenager trat sie der kommunistischen Partei bei, arbeitete dann in den Townships von Südafrika, studierte in Cambridge Politik und Sozialwissenschaften. Dann trifft sie Regisseur Jarman und wird seine Muse. Obschon man es auch umgekehrt sagen könnte, denn Swinton ist in dieser Beziehung genau so sehr Subjekt wie Objekt. 1986 hinterlässt sie mit ihrer Rolle in Derek Jarmans «Caravaggio» einen unvergesslichen Eindruck.
Ursprünglich wollte Swinton Schriftstellerin werden – als Schauspielerin ist sie in jeder Sekunde Autorin. Der Journalist Hilton Als bezeichnete Swinton als Erzählung aus Fleisch – jemand, der mit seinem Körper schreibt. Mit «Orlando», Sally Potters Verfilmung von Virginia Woolfs gleichnamigem Roman, gelingt ihr 1992 der Durchbruch. Längst ist sie die Ikone des britischen Independent-Kinos, eine Heroine des schwul-lesbischen Publikums, als sie im Jahr 2000 auch in ihrem ersten Hollywood-Film eine Rolle verkörpert. Sie ist vierzig Jahre alt. In Danny Boyles «The Beach» spielt sie die Anführerin einer Hippie-Kommune, die sich anschickt, einen jungen Aussteiger zu töten, um die Kommune zu retten.
Swinton als Hippie
Sie wurde «Greta Garbo des Untergrunds» genannt und Hollywood, das sie nur «industrielles Milieu»» nennt, liegt ihr mittlerweile genau so zu Füssen wie das Independent- und Arthouse-Kino. Für ihren Film «Michael Clayton» ehrte die Industrie sie mit einem Oscar, korrumpieren liess Swinton sich dadurch aber nicht. Die «industrielle Nahrung», die Hollywood seinen Schauspielern liefere, das alleine aus sich heraus schöpfen, passe nicht zu ihr. «Sie sind ein Hippie?» fragt Daniele Muscionico im aktuellen «Du» und Swinton antwortet: «Ein Hippie ist jemand, der die Gesellschaft nicht zu ihrem Nennwert nimmt, jemand, der versucht, selbstbestimmt zu leben und keine Annahmen macht über die Art und Weise, wie andere ihr Leben zu führen haben.» Und die Fotografin und Regisseurin Ulrike Ottinger hält fest: «Ihre Schönheit lässt sich nicht trennen von ihrer Klugheit, sie zeigt sich in jeder Geste.»
In der Tat. Swinton bürgt für Authentizität. Zeitlebens hat sie ihre Rollen so sorgfältig ausgesucht, dass ihr Name automatisch ein Garant für Qualität wurde. Alle ihre Rollen kreisen um die Frage, wie Frauen als traditionell machtfernes Geschlecht sich zum Status quo und damit zur Macht verhalten – und sie gewinnt dieser Frage immer wieder neue Aspekte ab. Dass sie mit ihrer Präsenz fast alle ihrer Filme beherrscht, auch wenn sie nur eine Nebenrolle spielt, wird dabei zur Selbstverständlichkeit.
Ihr Privatleben hat sie immer strikt von der öffentlichen Person getrennt, und nahm es huldvoll hin, als der Boulevard ihre privaten Verhältnisse ans Licht der Öffentlichkeit zerrte. Swinton nämlich hat zwei Lebensgefährten, den schottischen Vater ihrer Zwillinge, und den 20 Jahre jüngeren deutschen Maler Sandro Kopp. Doch selbst die britischen Boulevardblätter schafften es nicht, daraus mehr als ein blutarmes Skandälchen zu stricken, das Swintons Präsenz mühelos wegstrahlte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.11.2010, 12:50 Uhr
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