«Die Macht des Fernsehens gegenüber dem Kino wird noch zunehmen»
Von Jean-Martin Büttner, Berlin. Aktualisiert am 11.02.2009
Peter Morgan: «Man hat sogar gesagt, ich hätte Richard Nixon rehabilitiert.» (Bild: Keystone)
Artikel zum Thema
Sie beschäftigen sich gerne mit Machtmenschen, die den Kontakt zur Realität verlieren: Tony Blair, die englische Königin, Idi Amin und jetzt Richard Nixon.
Es gibt tatsächlich grosse Übereinstimmungen in meinen Drehbüchern. Das fällt mir aber immer erst nachher auf. Ich schrieb das Theaterstück zu «Frost/Nixon», weil mich die beiden Charaktere und ihre Beziehung interessierten. Das gilt auch für die Beziehung von Tony Blair zu Königin Elizabeth in «The Queen». In beiden Fällen geht es dabei auch um eine Beziehung zwischen Mutter und Sohn beziehungsweise Vater und Sohn.
Wirklich?
Natürlich, wenn auch nicht ausschliesslich. Wenn in England der Premierminister mit der Königin zusammentrifft, trifft jeweils die gewählte Macht mit der vererbten Macht zusammen, man wird als Brite also unweigerlich mit der Geschichte seines Landes konfrontiert. Und doch habe ich die Königin und Blair als Mutter und Sohn wahrgenommen, so wie ich auch Nixon und Frost als Vater und Sohn beschreibe. Das hat mit der Reaktion der Jüngeren in beiden Filmen zu tun: Sie haben das instinktive Bedürfnis, ihre Eltern zu schützen, was auch immer diese falsch gemacht haben.
Das wirkt sich auf die Wahrnehmung von Königin Elizabeth und Richard Nixon aus: Der Zuschauer empfindet am Ende Sympathie für sie.
Man hat sogar gesagt, ich hätte Richard Nixon rehabilitiert. Mir macht weit mehr zu schaffen, dass ich David Frost rehabilitiert haben könnte, der Nixon befragte und sich jetzt überall als David gegen Goliath abfeiern lässt. Ich frage mich, ob mein Drehbuch zu wenig streng mit ihm verfahren ist. David Frost bekam Nixon nämlich nur einen Moment lang zu packen – und montierte dann das Interview so, dass dieser eine Moment für immer in Erinnerung bleibt.
Sie bleiben David Frosts journalistischer Leistung gegenüber also ambivalent.
Absolut, er kommt in dem Film zu gut weg, jedenfalls besser als im Theaterstück. Im Grunde sassen sich damals zwei Kriminelle gegenüber. David Frost hatte für sein Interview mit Nixon alle journalistischen Prinzipien verletzt, indem er ihm 600'000 Dollar zahlte und dazu noch zwanzig Prozent der Einnahmen, das heisst: Er bezahlte einem Politiker, der eigentlich ins Gefängnis gehört hätte, Geld für ein Interview. Das finde ich als journalistische Haltung erbärmlich, um nicht zu sagen korrupt. Dennoch erreichte Frost mit seinem Interview etwas, das weder den Politikern noch Nixons Gegnern gelungen war und nicht einmal der amerikanischen Justiz: Richard Nixon die Aussage zu entlocken, er habe das amerikanische Volk enttäuscht. Zwar hat er sich selbst dann nicht für sein Verhalten entschuldigt. Doch zeigt sein Gesicht in diesem Moment einen Mann, der von seinen Gefühlen überwältigt wird. Mich interessiert die Frage, ob das Resultat ein solches Vorgehen rechtfertigt. Den Rest der Original-interviews kann man sich übrigens sparen, sie sind unerträglich langweilig.
Sie kombinieren in Ihren Drehbüchern reale Figuren und Ereignisse mit fiktiven Details. Zum Beispiel bringt Nixon David Frost immer wieder mit unvermittelten Bemerkungen aus der Fassung. Hat er das wirklich getan?
Ja, aber anders als im Film gezeigt. Nixon hat Frost gegenüber solche Bemerkungen gemacht, über seine italienischen Schuhe zum Beispiel, die ihm verweichlicht vorkamen: Jemand wie er könne sich das wohl erlauben. Aber er sagte das in einer anderen Situation. Erfunden ist auch Nixons Satz am Ende des Filmes, der aber den Charakter der beiden gut beschreibt: «Vielleicht hätte ich Journalist werden sollen und Sie ein Politiker.»
Wie passend, dass der Schauspieler Michael Sheen, der den David Frost gibt, in drei Ihrer Verfilmungen als Tony Blair auftritt. Er spielt die beiden Männer auffallend ähnlich: als kalkulierende, also falsche Persönlichkeiten.
Tatsächlich gibt es grosse Ähnlichkeiten zwischen den beiden. Sowohl Blair wie Frost treten sehr charmant auf, suchen verzweifelt nach Anerkennung, haben aber etwas Undurchdringliches an sich, hinter dem sich stählerner Ehrgeiz verbirgt. Beide sind weit härter, als sie aussehen, und beide werden immer wieder unterschätzt. Beide hatten eine Mutter, die ihnen das Gefühl gab, sie stünden im Zentrum des Universums. Beide wirken oberflächlich, sind aber ausgesprochen intelligent.
Michael Sheen wird auch in Ihrem neuen Drehbuch als Tony Blair auftreten: in einem Film, der seine Beziehung zu Bill Clinton darstellt. Wäre Blairs Freundschaft zu George Bush nicht interessanter gewesen?
Für mich war die Frage wichtiger, was vorher mit Blair passiert ist. Wie konnte es geschehen, dass ein Sozialdemokrat wie Tony Blair erst mit Bill Clinton und dann mit George Bush befreundet war? Um das zu verstehen, muss man auch die Jahre vor Bush analysieren.
David Frost habe keine Ahnung von Politik, heisst es im Film, doch er habe die Macht des Fernsehens verstanden. Sie selber arbeiten ja gerne fürs Fernsehen.
Die Macht des Fernsehens wird noch zunehmen, gerade gegenüber dem Kino. Ich werde meinen neuen Film fürs Fernsehen machen, zumindest in den USA und Grossbritannien. Die Zuschauer sind heute eher bereit, etwas Seriöses am Fernsehen zu verfolgen als im Kino, wo sie erst hinfahren und ein Billett kaufen müssen. Wir sehen uns heute Filme sowohl im Kino wie auch am Fernsehen anders an. Die Fernsehschirme werden immer grösser, die Kinoleinwände immer kleiner. Zudem haben Fernsehfilme etwas Dokumentarisches an sich, auf diese Weise kann man dem Publikum signalisieren, dass sie einen Film ernster nehmen müssen.
Wie beurteilen Sie den Einfluss des Fernsehens auf die Politik?
Er zeigt sich in der Kameraführung und am Schneidetisch, wie gerade «Frost/Nixon» belegt, ein Film über die Macht der Nahaufnahme. Das haben auch die letzten amerikanischen Wahlen wieder gezeigt. John McCain verlor die Wahl nicht zuletzt wegen der Interviews, die von seiner Vizekandidatin Sarah Palin ausgestrahlt und dann wochenlang karikiert wurden.
Wie haben die Protagonisten eigentlich auf Ihre Interpretation von ihnen reagiert?
David Frost war beleidigt und sehr verärgert, als er mein Theaterstück sah. Erst mit dem Erfolg änderte er seine Haltung. Das gilt auch für Tony Blair und Königin Elizabeth. Sie haben «The Queen» gesehen, obwohl sie öffentlich das Gegenteil behaupten, was ich gut verstehen kann. Ich habe weder ihn noch sie je getroffen, doch wurde mir verschiedentlich berichtet, dass ihnen der Film gefallen habe. Wenn ein Projekt Erfolg hat, schmerzt die Kritik darin viel weniger. Wäre der Film ein Flop geworden, hätten sie den Misserfolg auf sich bezogen. Eigenartig, nicht?
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2009, 11:02 Uhr
Kommentar schreiben
Kultur
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!





