Die Nacht der Schmerzensmänner

Leonardo DiCaprio erhielt an der 88. Oscarverleihung zum ersten Mal einen Academy Award. Der Sieger des Abends aber war das grossartige Kino von «Spotlight» und «Mad Max».

Schaustellerei oder Schauspielerei?  Leonardo DiCaprio gewann für die Darstellung eines Einzelkampfs in der Kälte. Foto: Kevork Djansezian (Getty Images)

Schaustellerei oder Schauspielerei? Leonardo DiCaprio gewann für die Darstellung eines Einzelkampfs in der Kälte. Foto: Kevork Djansezian (Getty Images)

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Beinahe wäre die Nacht historisch geworden. Fast hätte Alejandro González Iñárritu, der Mexikaner, den alle auszeichnen und niemand richtig leiden kann, zum zweiten Mal in Folge die zwei wichtigsten Oscars gewonnen, für den besten Film und die beste Regie. Letztes Jahr erhielt er beide Preise für «Birdman», seine Satire auf den Superheldenbetrieb Hollywood. Diesmal war er mit seinem Todeskampfdrama «The Reve­nant» um einen Pelzjäger Anfang des 19. Jahrhunderts nahe dran: Den Regiepreis hatte er schon eingeheimst, auch Leonardo DiCaprio hatte den Award für seine Darstellung aller zeigbaren Schmerzen bereits abgeholt. Aber dann, ganz am Schluss, der Moment: «Spotlight» wurde zum besten Film gekürt.

Ein unscheinbares Journalistendrama? Anstatt die muskulöse Studie in Frost und Nebel? Man konnte das als Kampf zwischen zwei Visionen von Kino verstehen: hier das Spektakel eines Einzelkampfs in der Kälte, dort die gleichgestellten Leistungen eines Ensembles. Hier die Prestigekiste als Monument ­einer überheblichen Virtuosität, dort das geduldige Abfilmen eines Arbeitsalltags. Schaustellerei oder Schauspielerei, darauf lief es hinaus. Und auch wenn die Karriere von Leonardo DiCaprio verdientermassen und endlich mit einem Oscar gekrönt wurde – vermutlich wurde so viel über die eisharten Drehbedingungen von «The Revenant» und DiCaprios Verspeisung einer rohen Bisonleber geschrieben, weil es zum Film so viel auch nicht zu sagen gab. Breitwandkino der Verblüffungseffekte für die Download-Generation, die man wieder ins Kino holen will – da war «Spotlight» schon weiter.

Runzeln als Spezialeffekt

Nicht, weil Regisseur Thomas McCarthy darin die Gefühlsregler hochführe oder komplizierte Choreografien mit der Kamera vorführte. Vielmehr, weil er demonstriert, dass Kino auch dann die Kunst der Sichtbarkeit bleiben kann, wenn es die feinen Linien nachzeichnet: jenes Gerunzel in den Gesichtern der Zeitungsreporter des «Boston Globe», die 2001 mit aufklärerischem Ethos den Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Priester aufgedeckt haben. Aber auch die Schmerz­falten im Ausdruck der Opfer, die ihre Qualen aus Scham über Jahre ­verborgen hielten.

«Spotlight» zeigt diese mühselige Recherche nach realem Vorbild – und inszeniert viel mehr als «The Revenant» einen wirklich mühsamen Kampf: gegen eine Institution, die stets zu vertuschen und zu drohen versucht. Die Schlacht wird im Kollektiv geschlagen: «Spotlight» ist einer dieser Ensemblefilme, von denen die besonders faulen Kritiker immer schreiben, sie seien «bis in die kleinsten Nebenrollen perfekt besetzt». Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, Liev Schreiber sind die hartnäckigen Journalisten, und Stanley Tucci spielt derart fabelhaft zurückgenommen einen Opferanwalt zwischen Aktenstapeln, dass er eigentlich auch einen Oscar hätte gewinnen müssen. «Spotlight» ist das unaufdringliche und dennoch fesselnde Porträt einer Bande von Experten; die visuellen Effekte bestehen aus allen Varianten des Stirn­runzelns, des Augenbrauenhebens und des Hinmurmelns von Sätzen.

Nach der Unruhe um #OscarSoWhite und dem Boykott von Regisseuren wie Spike Lee wird es indes kaum lange ­dauern, bis jemand auf das vollständig weisse Ensemble in «Spotlight» hinweist. Aber grotesker als die Hollywood-Tradition des «Whitewashing», bei dem asiatische oder gar afrikanische Figuren von Weissen gespielt werden, wäre es, die Geschichte der «Boston Globe»-Recherchen so umzuschreiben, dass man noch ein paar afroamerikanische Figuren reinphotoshoppen kann: Dass auch das Newsroom-Personal des «Boston Globe» weisser ist als ein Grabtuch, gehört gerade zu den unangenehmen Wahrheiten über die Untervertretung von Schwarzen in der Gesellschaft, für die der Protest gegen die Oscars ein Symptom ist.

Zur Sprache brachte das an den 88. Academy Awards ein dunkelhäutiger Mann: Chris Rock, Komiker und Moderator, der den Ernst der Lage in Stand-up-Comedy verpackte. Bereits zur Einleitung machte er den Witz, dass Schwarze heute immerhin gegen die Oscars ins Feld ziehen; früher seien sie ja damit beschäftigt gewesen, vergewaltigt und gelyncht zu werden. Auch ein Fortschritt! An die Adresse des linken Hollywood-Establishments schickte Rock dann die scharfe Analyse, dass man unter den «nicest white people on earth», den «liberals» nämlich, eine eigene Form des Rassismus pflege: ein Ressentiment der Gutmeinenden gegen die Aufsteiger, lifestylemässig verbrämt als Gruppendenken und Distinktion.

«Gebt uns mehr Gelegenheiten!», rief Chris Rock, und da wirkte er wie der Komiker mit den zwei Körpern: einerseits Showmaster, anderseits Leidtragender; übermenschlich und am eigenen Leib bedroht. Ausgerechnet Alejandro González Iñárritu nahm dann den Faden auf, als er in seiner Dankesrede für den Regie-Oscar die indigenen Mystikfiguren in «The Revenant» als seinen persönlicher Einsatz gegen die Ausgrenzung verstanden haben wollte: Da jazzte er seine bereits egomanische Extremfantasie noch einmal hoch zum Widerstand gegen die Ungerechtigkeit – als interessiere sich dieses Survivaldrama auf irgendeine Art für das indigene Erbe Amerikas!

Wobei die Oscarnacht dann doch die historische Stunde des Mexikaners war: Iñárritu ist erst der dritte Regisseur, der zweimal nacheinander für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Vor ihm gelang das nur John Ford (1940/41) und Joseph L. Mankiewicz (1949/50). John Ford, im gleichen Atemzug wie Alejandro González Iñárritu! Jener Ford, der 1940 den Regiepreis für «Stagecoach», erhielt, seinen menschlichen Western über die Passagiere einer Postkutsche!

Technikpreise für «Mad Max»

Und was hörte man da von fern? Das Gekicher von George Miller, der für seinen Actionfilm «Mad Max: Fury Road» die Erzählkonstruktion von «Stagecoach» nicht nur auf fulminante Weise aufdatiert hat, sondern im Vergleich mit Iñárritu auch der kontrolliertere Bilderschöpfer ist. Sein Temporausch durch die Wüste verbindet die zwei Visionen des Kinos, die «Spotlight» und «The Revenant» eröffnen: Die Rasanz ist bei ihm eine dichte Komposition aus Splittern, das Spektakel hat seine innere Logik, die Überwältigung ist so ökonomisch wie sehnig.

«Mad Max: Fury Road» ist die seltene Kreatur, die Publikum wie Kritiker gleichermassen erfreut. Miller, der 70-jährige Australier, hätte zumindest den ­Regiepreis verdient. Aber dafür gewann sein Biest von einem Film die meisten Auszeichnungen: sechs Oscars, alle in technischen Kategorien. Und sowieso, übermorgen hat er Geburtstag.


Oscars Videos und Bilder voller Glamour oscars.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.02.2016, 19:28 Uhr)

Stichworte

Die wichtigsten Gewinner

Film: «Spotlight» (Thomas McCarthy)

Regie: Alejandro González Iñárritu («The Revenant»)

Hauptdarsteller: Leonardo DiCaprio («The Revenant»)

Hauptdarstellerin: Brie Larson («Room»)

Nebendarstellerin: Alicia Vikander («The Danish Girl»)

Nebendarsteller: Mark Rylance («Bridge of Spies»)

Fremdsprachiger Film: «Son of Saul» (László Nemes)

Kamera: Emmanuel Lubezki («The Revenant»)

Original-Drehbuch: «Spotlight» (Thomas McCarthy und Josh Singer)

Filmmusik: Ennio Morricone («The Hateful 8»)

Dokumentarfilm: «Amy» (Asif Kapadia und James Gay-Rees)

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