Kultur

Die Sehnsucht Mutter Natur zu retten

Von Florian Keller. Aktualisiert am 19.01.2010

Mit seinem Film «Avatar» jagt Regisseur James Cameron seine eigenen Kassenrekorde. Was sind die Gründe für den Welterfolg?

Wurde unter riesigem technologischem Aufwand am Computer errechnet: «Avatar» feiert eine noch weitgehend unberührte Natur.

PD

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«Avatar» spielt in den Kinos bald mehr Geld ein als «Titanic»

Rund zehn Jahre lang schien der Umsatzrekord von «Titanic» (1997) in Stein gemeisselt: Über 1,8 Milliarden Dollar hat James Camerons Epos vom Untergang der Titanic damals in den Kinos dieser Welt eingespielt. Sein aktueller Film «Avatar» steht weniger als fünf Wochen nach dem weltweiten Kinostart bereits bei über 1,6 Milliarden Dollar. Nächste Woche dürfte Cameron seinen eigenen Rekord überflügeln.

Das heisst jedoch nicht, dass für «Avatar» mehr Menschen ins Kino gegangen sind als für jeden anderen Film zuvor. Denn am globalen Box Office wird nicht in absoluten Eintrittszahlen gerechnet, sondern in Dollars. Was den Umsatz betrifft, dürfte «Titanic» also demnächst von «Avatar» entthront werden, doch das ist damit zu erklären, dass die Eintrittspreise heute viel höher liegen als vor zwölf Jahren. Als «Titanic» in die Kinos kam, zahlte man in den USA durchschnittlich noch 4,59 Dollar an der Kinokasse. Aktuell kostet ein Kinobillett durchschnittlich 7,35 Dollar. Berücksichtigt man den Aufpreis, den die Kinos für Filme in 3-D verlangen, dürfte das Publikum für «Avatar» vielerorts praktisch das Doppelte zahlen als seinerzeit für «Titanic».

In der Rangliste, die den Umsatz in den US-Kinos aufgrund der Kinopreise in mutmassliche Zuschauerzahlen umrechnet, liegt «Avatar» derzeit auf Rang 36. Einsamer Spitzenreiter ist hier immer noch «Gone with the Wind» (1939) mit über 202 Millionen Zuschauern allein in den USA. In der Schweiz, wo der Verband Pro Cinema eine Rangliste der Zuschauerzahlen führt, verzeichnete «Titanic» über einen Zeitraum von 48 Wochen nahezu 2 Millionen Eintritte an den Kinokassen. «Avatar» steht hierzulande nach rund fünf Wochen bei 662'000 Zuschauern – knapp vor «American Beauty». (flo)

Kinofilme – Die Rekorde

Der Sturz von James dem Grossen steht unmittelbar bevor. James Cameron, seit seinen elf Oscars für «Titanic» selbst ernannter König der Welt, wird demnächst seinen Thron als umsatzstärkster Filmregisseur aller Zeiten räumen müssen. Doch er wird es verschmerzen, denn sein Nachfolger ist er selber.

Mit dem Grosserfolg seines neuen Films «Avatar» jagt der Kanadier seine eigene Bestmarke von «Titanic», in der Nacht auf Montag wurde er überdies von der ausländischen Presse in Hollywood mit zwei Golden Globes für den besten Film und die beste Regie ausgezeichnet. Damit gilt Cameron endgültig auch als einer der ersten Anwärter für die Oscars am 7. März. Die Rekordmeldungen, die in den letzten Wochen fast täglich über die Newskanäle tickten, gaukeln zwar ein trügerisches Bild vor (siehe Artikel unten). Dem Phänomen «Avatar» tut dies jedoch keinen Abbruch: In der Liste der umsatzstärksten Filme aller Zeiten steht James Cameron gleich mit zwei Werken allein an der Spitze – dieser kommerzielle Erfolg eines einzelnen Regisseurs ist ohne Beispiel in der Geschichte des Kinos.

Esoterischer Mischmasch

Dabei gehört der Kanadier nicht zu jenen modernen Leibeigenen der Industrie, die ihre Filme im Dienst der grossen Hollywood-Studios abliefern. Cameron ist seit je Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion, seit seinem zweiten «Terminator» (1991) zeichnet er ausserdem bei jedem seiner Filme als Produzent. Die künstlerische Kontrolle, die er damit geniesst, dürfte so umfassend sein, dass er selbst einen Steven Spielberg, den anderen grossen Autorenfilmer im Geschäft der Hollywood-Blockbuster, in den Schatten stellt.

Da kann sich Cameron auch leisten, ein Drehbuch wie «Avatar» zu schreiben – diesen esoterischen Mischmasch aus alten Motiven, die er bei «Pocahontas», bei «Dances with Wolves» oder bei sich selbst rezykliert hat. (Die Idee vom behinderten Mann, der dank den Wundern der Technik nochmals erleben darf, wie es ist, seine Beine zu bewegen, hat Cameron aus seinem Drehbuch zu «Strange Days» kopiert.) Dabei mögen gerade diese archetypischen Bausteine der Story ein Stück weit auch die universale Wirkung von «Avatar» erklären.

Weit daneben gezielt

Trotzdem zielten manche Kritiker in ihren Prognosen weit daneben: «Man möchte nicht wetten, dass der Film bei uns ein Grosserfolg wie ‹Titanic› wird», war nach dem Start in der «NZZ am Sonntag» zu lesen. Fast immer, wenn jetzt irgendwo versucht wird, das Phänomen «Avatar» zu erklären, beschränkt man sich in erster Linie auf die visuelle Ästhetik: Man verweist auf die technischen Neuerungen und darauf, dass James Cameron dem 3-D-Kino damit ganz neue, nie gesehene Erlebniswelten erschlossen habe. Dabei geht gerne vergessen, wie sehr Cameron mit seinem blauen Epos auch inhaltlich den Nerv der Zeit getroffen hat. Der Welterfolg von «Avatar», so könnte man sagen, wurde auch auf dem politischen Parkett vorbereitet, und zwar in Kopenhagen. Man hätte das marketingstrategisch gar nicht besser choreografieren können: Der Blockbuster über die Rettung eines blauen Planeten kam just an dem Tag in die Kinos, als die Regierungen der führenden Nationen dieser Welt gerade dabei waren, sich am Klimagipfel in einen unverbindlichen Minimalkonsens zu retten. Und dann kam «Avatar», diese ökologische Fabel von der Rettung des Planeten Pandora, die genau jene grossen Sehnsüchte bedient, die in Kopenhagen so elend an der Realpolitik zerschellten. Populistisch gesagt: Wenn unsere Politiker schon unfähig sind, den Planeten zu retten, so wollen wir wenigstens im Kino davon träumen.

Heilsbringer des 3-D-Kinos

Wenn dagegen rechtskonservative Kreise aus den USA den Film wegen seiner vermeintlich antiamerikanischen Grundhaltung verteufeln, beweisen sie damit nur, wie wenig sie von «Avatar» kapiert haben. Klar, die Schurken des Films sind eindeutig als amerikanische Söldner gekennzeichnet, und es gibt einige krude Anspielungen auf den Feldzug im Irak. Aber die Fantasie von einer neuen Welt, die «Avatar» auf dem fremden Planeten Pandora entfaltet, ist ihrerseits zutiefst amerikanisch. James Cameron erträumt sich mit dieser New-Age-Saga einen Gründungsmythos von einem anderen, gerechteren Amerika, das nicht auf Völkermord und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen gebaut ist.

Auf diese Weise lässt sich auch das offensichtliche Paradox von «Avatar» auflösen: Der Film feiert eine noch weitgehend unberührte Natur, die aber komplett und unter riesigem technologischem Aufwand am Computer errechnet wurde. Ein Widerspruch? Nicht für James Cameron, denn «Avatar» entspricht hier lediglich dem amerikanischen Verständnis ökologischen Handelns: Nicht durch Selbstbeschränkung soll unsere Erde vor dem Kollaps gerettet werden, sondern durch technologische Innovation.

Zukunft des Kinos?

Aber sehen wir in «Avatar» auch wirklich die Zukunft des Kinos, wie jetzt oft behauptet wird? Ein Animationsfilm wie «Coraline» jedenfalls hat die digitale 3D-Technik schon auf erzählerisch weitaus interessantere Weise als «Avatar» genutzt, weil er damit nicht einfach die Tiefe des Raumes betont, sondern das Verfahren nutzt, um die Regeln der klassischen Perspektive auszuhebeln. Dennoch war es erst James Cameron, der die Hoffnungen der Industrie auf einen Heilsbringer des 3-D-Kinos auf eindrückliche Weise erfüllt hat.

Nicht nur, dass «Avatar» auf der ästhetischen Ebene die Verschmelzung zwischen menschlichen Darstellern und der digitalen Domäne weiter treibt als jeder andere Film zuvor. Cameron hat mit seinem Film auch gezeigt, dass sich die digitale 3-D-Technik in den richtigen Händen durchaus als wirksame Waffe für die Filmindustrie bewähren kann, und zwar an zwei Fronten zugleich. Im Kampf gegen die Filmpiraterie gibt es kein zuverlässigeres Mittel als einen Film, der nur in 3-D seinen ganzen Zauber entfaltet. Und gegen die Konkurrenz von Internet, Smartphones und anderen neuen Medien mit ihren kleinen Bildschirmen für einzelne User hat «Avatar» das immer wieder totgesagte Kino nochmals zum kollektiven Erlebnisraum gemacht.

So gesehen markiert der Erfolg von «Avatar» weniger eine ästhetische Revolution als eine Reaktion der Filmindustrie, die sich aus Angst vor der Konkurrenz durch die mobilen Medien in eine neue Technologie zu retten versucht. Ob sich die neue 3-D-Technologie allerdings auch bei solchen Filmen durchsetzen kann, die nicht auf Spektakel ausgerichtet sind, abseits des Massenpublikums? Das könnte sich noch in diesem Jahr zeigen, wenn Wim Wenders seinen bereits abgedrehten neuen Film in 3-D fertiggestellt hat. Es ist ein Tanzfilm über die Choreografien von Pina Bausch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2010, 04:00 Uhr

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