Die Sucht nach dem Exzess

Jan Gassmann war 23 Jahre jung, als er mit «Chrigu» die Berlinale eroberte. Heute, vier Jahre später, feiert er wieder Premiere in Berlin.

Abschied vom Traum, mit der Musik den grossen Durchbruch zu schaffen: Die Berner Mundartisten Hans-Jakob Mühlethaler und Manuel Neuburger in Jan Gassmanns «Off Beat».

Abschied vom Traum, mit der Musik den grossen Durchbruch zu schaffen: Die Berner Mundartisten Hans-Jakob Mühlethaler und Manuel Neuburger in Jan Gassmanns «Off Beat». Bild: PD

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«Alles falsch. Alles richtig.» So kann man es hier überall auf den Plakaten zum Film lesen. Ja, was denn jetzt? Jan Gassmann, der Regisseur von «Off Beat», mag uns den Widerspruch auch nicht auflösen, weil er genau ins bipolare Herz seines Films zielt. Es ist die Geschichte vom taumelnden Rapper Lukas, der mit seinem viel älteren Produzenten auch das Bett teilt. In seiner Sucht nach dem Exzess verliert Lukas den Halt, und als er wieder zu sich kommt, hat sein kleiner Bruder Sämi seinen Platz eingenommen. Wenn Gassmann von seinen Figuren erzählt, redet er wie über schwierige Freunde, die alles falsch machen und irgendwie doch das Richtige finden.

Vier Jahre ist es her, da hatten Jan Gassmann und seine Crew den Potsdamer Platz regelrecht tapeziert mit ihrem Freund. Der Freund hiess Chrigu und war an Krebs gestorben, und der gleichnamige Dokumentarfilm über ihn startete damals im Forum der Berlinale eine kleine Welttournee, die von Amsterdam bis nach Korea führte. Jetzt, mit 27 Jahren, feiert Gassmann seine zweite grosse Premiere in Berlin, und wieder ist es ein Requiem. Aber eines, in dem höchstens die Jugend erlischt.

Keine Lust auf Hierarchien

Es geht in «Off Beat» um den Abschied vom Traum, mit der Musik den grossen Durchbruch zu schaffen. Die Berner Mundartisten, die schon in «Chrigu» eine prägende Rolle spielten, sind wieder mit von der Partie. Und auch sonst entsteht der Eindruck einer eingeschworenen kreativen Kommune, wenn Gassmann beim Kaffee in Berlin von den Dreharbeiten zu seinem ersten Spielfilm erzählt. Er schwärmt vom Kino eines John Cassavetes, wo die Räume zu leben anfangen, weil keine Grenzen gezogen werden zwischen Film und Privatleben: das Set als Raum ohne Regeln, der von den Darstellern bewohnt wird, als würde da ein Dokumentarfilm gedreht. Das hat Gassmann auch bei «Off Beat» angestrebt. Ein üblicher Spielfilmdreh mit seinen Hierarchien mache vieles kaputt, glaubt er: «Darauf hatte ich keine Lust.» Das Dreckige, Unperfekte fasziniere ihn mehr als die perfekte Kamerafahrt.

Bei «Off Beat» hatte Gassmann am Ende 168 Stunden Film beisammen, die Arbeit am Schnitt dauerte über ein halbes Jahr. Gedreht hat er den Film mit einer digitalen Spiegelreflexkamera, mit viel natürlichem Licht, ganz kleiner Crew – und fast ausschliesslich mit Laiendarstellern. Ein Drehbuch gab es zwar, aber dieses hat Gassmann mit seinem Studienfreund Max Fey vor allem geschrieben, um überhaupt Fördergelder beantragen zu können. Auf dem Set in Zürich und Rimini wurde dann alles improvisiert, das Drehbuch war Makulatur. Und wenn trotzdem ein Schauspieler einmal einen Satz sagte, wie er im Buch stand, merkte Gassmann, dass etwas nicht stimmte. Er sucht auch dann nach dokumentarischen Geschenken, wenn er einen Spielfilm dreht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.02.2011, 08:06 Uhr)

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Jan Gassmann

Der 27-Jährige ist Regisseur des Films «Chrigu» und studiert an der Filmhochschule in München. Aufgewachsen ist er in Langnau am Albis.

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