Die Überlebenstricks der bedrängten «Vogue»-Chefin
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 01.09.2009
Sie ist immer einen Schritt voraus. Anna Wintour, die berüchtigte Chefin der amerikanischen «Vogue», muss schon im Frühjahr 2007 geahnt haben, dass harte Zeiten auf sie, ihr Magazin und die Modeindustrie insgesamt zukommen werden. Und so erlaubte sie dem Dokumentarfilmer R.J. Cutler, sich ihr auf die Fersen zu setzen und die Entstehung der Septemberausgabe 2007 der «Vogue» zu dokumentieren.
Der Film kommt diesen Herbst in die Kinos – genau richtig, um dem in Auflageschwierigkeiten steckenden Modemagazin und ihrer Chefin eine Extraportion Publicity zu gewähren. Denn schon lange gibt es Gerüchte, die seit über 20 Jahren an der Spitze der «Vogue» herrschende Wintour solle durch eine pflegeleichtere Konkurrentin ersetzt werden.
60-Jährige mit Schulmädchen-Charme
Der Film stellt die als «Stalin in Stilettos» verschrieene Vogue-Chefin zwar nicht gerade als Kuschelqueen dar, dennoch darf er als Charme-Offensive gedeutet werden. Neun Monate begleitete das Filmteam die Chefredakteurin, zeigten sie bei Meetings in ihrem Büro am Times Square, in ihrem Haus im New Yorker Stadtteil Greenwich Village und bei der Pariser Modewoche. Und jetzt, da der Film in den USA gestartet ist, flankiert Wintour die Offensive mit Publicity-Auftritten wie etwa in der Late Show von David Letterman.
Dort kokettiert die 60-Jährige mit ihrem Image. Alien, Sonnenkönigin, Dominatrix werde sie genannt, sagt sie, und lächelt dabei wie ein Schulmädchen. Diskret wird sie, als Letterman sie nach ihren Motiven befragt: «R.J. Cutler hat bislang sehr gute Filme gemacht. Ich dachte, das könnte ein interessanter Film werden».
Angesprochen auf den Film «Der Teufel trägt Prada», der sie als eiskalte, mit Modeschmuck und Designerfummel behängte Furie zeigt, antwortet sie diplomatisch: «Aber das war ja fiktiv. Und wir bei Vogue mögen Fiktion.» Obschon ein allgemeiner Konsens herrscht, dass der Film weniger eine Karikatur, als eine Reportage über die Vogue-Chefin sei.
Das sieht Wintour nicht so, obschon «The September Issue» deutliche Parallelen zum Film zieht: Auch hier erscheint New York als glamouröse Kulisse mit Wintours Büro als Hauptquartier, auch hier wieseln die Designer demütig um Wintour herum, während sie wie eine Königin durch die Szenerie schreitet und ohne mit der Wimper zu zucken auch gefeierte Designer zu Nachbesserungen ihrer Kollektionen verdammt und Entscheide im letzten Moment umstösst.
Zukunftsgerichtet
Der Unterschied liegt darin, dass der Dokumentarfilm dies als Stärke inszeniert. Und so dreht er sich nicht um den Konflikt mit einer Untergebenen, sondern um das kreative Seilziehen zwischen der kühlen Wintour und ihrer langjährigen Mitarbeiterin, der eher schwärmerischen Grace Coddington, Creative Director.
Die beiden, so wird deutlich, arbeiten vielleicht in einer oberflächlichen Branche, dafür nehmen sie ihren Job viel ernster als die meisten. Oder wie es Wintour in der aktuellen September-Ausgabe der Vogue schreibt: «Mode wird oft als Schaumschlägerei gesehen. Und das ist sie zum Teil auch. Aber die Blasen werden mit Sorgfalt und Wertebewusstsein produziert.»
Wenn also die französische Vogue-Chefin Carine Roitfeld oder ihre russische Kollegin Aliona Doletskaya das Zepter in New York übernehmen möchten, müssen sie sich warm anziehen. Denn Wintour wird sich sicher nicht abservieren lasen, wie der Film einmal mehr zeigt. «In der Mode», sagt sie da etwa, «geht es nicht um die Vergangenheit. Sondern um die Zukunft.» Und diese hat sie fest im Griff. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.09.2009, 13:10 Uhr
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