Die härteste Frau Hollywoods
Die Oscar-Favoriten
Mit neun Nominationen ist «The Hurt Locker» Favorit der diesjährigen Oscarverleihung; Kathryn Bigelows Film stach im Vorfeld den ebenfalls für neun Oscars nominierten «Avatar» von James Cameron bei fast allen wichtigen Preisen aus. Trotz Misstönen im Vorfeld (Galaverbot für einen übereifrigen «Hurt Locker»-Produzenten, Plagiatsklage eines Soldaten): Bigelow hat grosse Chancen, als erste Frau einen Regie-Oscar in Empfang zu nehmen und mit den meisten Auszeichnungen nach Hause gehen.
Bei den Hauptdarstellern heisst der Favorit Jeff Bridges. Für seine Rolle als ausgebrannter Countrymusiker in «Crazy Heart» sollte er im fünften Anlauf endlich die begehrte Auszeichnung erhalten. Bei den Darstellerinnen wird Sandra Bullock, die in «The Blind Side» eine Adoptivmutter spielt, als Siegesanwärterin gehandelt. Den Oscar für den besten Auslandfilm wird wohl Cannes-Sieger Michael Haneke («Das weisse Band») holen.
Oscars 2010
Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet in der Nacht auf Montag laufend über die Oscar-Verleihung.
Ihre Erscheinung hat etwas von einer herben Brise: Die dunkelhaarige Kathryn Bigelow ist 1,82 Meter gross, ihr Lieblingsoutfit ist schwarz, und ihr Blick gefriert, wenn sie sich Dinge anhören muss, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben. «Special Effects?» Am Filmfestival Venedig kaut Bigelow auf dem Wort herum wie auf einem Stück Schweinsleder. «Was meinen Sie damit?»
«Teuerste Domina der Welt»
Schon oft musste die US-Regisseurin als Projektionsfläche ihrer eigenen düsteren Filmvisionen hinhalten. Von «Big Bad Bigelow» war die Rede, von der «teuersten Domina der Welt». Tatsache ist: In der klassischen Männerdomäne Actionfilm ist die 58-jährige Kalifornierin eine doppelte Ausnahmeerscheinung. Während Kollegen wie Michael Bay («Transformers») auf immer künstlichere Dauerexplosionen setzen oder ein James Cameron («Avatar») immer grössere Datenbanken bemüht, setzt Bigelow auf handwerkliche Präzision und Eleganz. Den kunstgeschichtlichen Touch ihrer Filme entdeckt man oft erst auf den zweiten Blick.
In «The Hurt Locker» entwirft die Regisseurin den Alltag ei-nes US-Bombenentschärfungsteams im Irak – und dies mit solcher Heftigkeit, dass man sich als Zuschauer mitten im Gefecht wähnt und sich des Adrenalinrauschs im Kino fast schämt. «Ich suchte nach einem Stil, der jede Distanz aufhebt», sagt Bigelow. Und schwärmt: «Das ist das Tolle am Film. Er entführt einen an Orte, wo man selbst nie einen Fuss hinsetzen würde.» Trotzdem ging Bigelow für «The Hurt Locker» weite Wege. Die Hitzewellen, die man im Film sieht, sind die Folge von anstrengenden Dreharbeiten bei 50 Grad Celsius in der jordanischen Wüste. «Ich wollte so nahe wie möglich am Irak drehen.» Alles andere, sagt sie, wäre eine Beleidigung der ansässigen Bevölkerung gewesen.
Doch weshalb greift Bigelow erst jetzt, mit 58, nach den Oscars? Ihre Karriere verlief alles andere als geradlinig. Den Durchbruch hatte die Regisseurin vor zwanzig Jahren mit zwei Hochspannungsthrillern geschafft: In «Blue Steel» (1989) heftet sich Jamie Lee Curtis als frisch gebackene Polizistin einem Serienmörder an die Fersen. Und in «Point Break» (1991) horcht Keanu Reeves als Undercovercop eine von Patrick Swayze angeführte Surferbande aus, die sich ihr Leben mit Banküberfällen finanziert.
Partnerschaft mit Folgen
Zu jener Zeit war Bigelow mit «Titanic»- und «Avatar»-Regisseur James Cameron verheiratet. Die Ehe hielt drei Jahre, die berufliche Partnerschaft dauerte etwas länger: Cameron schrieb das Drehbuch zu Bigelows Science-Fiction-Film «Strange Days» (1995). Allein, auch dieser Verbindung war kein Glück beschieden. Das visionäre Endzeitspektakel erlitt an der Kinokasse Schiffbruch, Bigelows Karriere geriet ins Stocken. In den folgenden zwölf Jahren drehte sie nur drei Filme – darunter «K-19: The Widowmaker» mit Harrison Ford als russischem U-Boot-Kommandanten. Auch das war zu gewagt, der Film ein Flop.
Doch jetzt ist der Tag der Abrechnung gekommen. Bigelows kleiner, feiner «Hurt Locker» (15 Millionen Dollar Budget, 18,5 Millionen Dollar Einspiel) tritt in der Oscar-Nacht gegen den riesigen «Avatar» (300 Millionen Dollar Budget, 2,5 Milliarden Dollar Einspiel) an. Was für ein Duell: David gegen Goliath, Kunst gegen Kommerz, Exfrau gegen Exmann. Das gibts nur in Hollywood. (Berner Zeitung)
Erstellt: 05.03.2010, 15:52 Uhr




