Kultur

Die jüngste Offenbarung Frankreichs

Von Florian Keller. Aktualisiert am 13.01.2010

Ein Prophet hinter Gittern: Der 28-jährige Schauspieler Tahar Rahim ist das neuste Talent des französischen Kinos. Und der Film «Un prophète» ist eine Wucht.

Auszeichnung: Für seine Rolle in «Un prophète» wurde Tahar Rahim bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises als bester Schauspieler geehrt.

Auszeichnung: Für seine Rolle in «Un prophète» wurde Tahar Rahim bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises als bester Schauspieler geehrt.
Bild: Keystone

Ein Gesicht für die Zukunft

Die Premiere in Cannes katapultierte ihn ins Rampenlicht, es folgte der Europäische Filmpreis für den besten Schauspieler, jetzt reist er zu den Golden Globes: Tahar Rahim (28) ist die Entdeckung in Jacques Audiards «Un prophète». Sein Triumph als Schauspieler spiegelt den Aufstieg, den er im Film als Häftling durchmacht: Als Nobody hatte er die Rolle angenommen, als gefeierter Star ging er aus dem Film hervor.

Star? Da winkt Tahar Rahim energisch ab. Beim Gespräch in Zürich zieht er rastlos an seiner Zigarette, seinen Espresso verdünnt er mit Mineralwasser. Und er wiederholt einen Schlüsselsatz aus dem Film: «Das Ziel ist, ein bisschen weniger dumm zu sein, wenn man wieder rauskommt.» Für einen Schauspieler, sagt er, gelte das genauso: Jede Rolle müsse ihn weiterbringen. Bei der Arbeit mit Audiard habe er vor allem Demut gelernt. Und er habe gelernt, die Angst, Fehler zu machen, hinter sich zu lassen.

Tatsächlich sehen wir im Film keineswegs die Leistungsschau eines jungen Wilden, der es allen zeigen will. Tahar Rahim spielt zurückhaltend, legt aber eine Unmittelbarkeit an den Tag, als hätte man ihn von der Strasse weg gecastet. Dabei war er vor diesem Film zwar weitgehend unbekannt, aber keinesfalls unerfahren. Er spielte Theater und gehörte zum Ensemble von «La Commune» (2007), einem knalligen TV-Mehrteiler über die Banlieues.

Geboren ist er in Belfort, als Sohn algerischer Einwanderer. Fragen nach seinem familiären Hintergrund lässt er listig ins Leere laufen. Schon vor fünf Jahren, in seiner ersten Rolle, trieb er ein Versteckspiel mit der eigenen Biografie. In einem einstündigen Dokumentarfilm spielte er damals einen jungen Studenten namens Tahar, aufgewachsen in einer Immigrantenfamilie in Belfort, mit neun Geschwistern, aber ohne Vater. Dokumentarisch? Zum Teil sicher, sagt Tahar Rahim und lacht.

Beim französischen Kino der Gegenwart gilt eine neue Faustregel: Je höher die Mauern, desto stärker die Filme. Vor einem Jahr waren wir ja schon auf Schulbesuch in «La classe». Fast der ganze Film spielte im Klassenzimmer, doch das verbale Kreuzfeuer war spannender als mancher Thriller, und der Pausenplatz draussen wirkte mehr wie ein Gefängnishof. Noch höher sind die Mauern jetzt in «Un prophète», dem magistralen neuen Film von Jacques Audiard («De battre mon cœur s'est arrivé»). Wir sind abermals in geschlossenen Räumen, aber unter umgekehrten Vorzeichen: Praktisch den ganzen Film sitzen wir im Gefängnis, doch dieses Gefängnis funktioniert wie eine Schule – eine harte Schule des Verbrechens.

Zum Mörder wird Malik erst im Gefängnis

Gleich mit den ersten, flackernden Bildern zieht uns Audiard unwiderstehlich hinein in die vergitterte Existenz des jungen Arabers Malik (Tahar Rahim), als dieser ins Zuchthaus überführt wird. Einen Polizisten soll er angegriffen haben, sonst wissen wir nichts von ihm. Sein Rücken ist von blutigen Striemen gezeichnet, die böse Schramme im Gesicht wird er sich auch nicht selber zugefügt haben. Der geschundene Körper steht am Anfang einer Erweckungsgeschichte hinter Gittern. Als Malik ins Gefängnis kommt, hat er nichts und niemanden in der Welt. Bei seiner Entlassung sechs Jahre später wird ihm die halbe Unterwelt zu Diensten stehen.

Wie er das macht? Anfangs ist es der nackte Selbsterhaltungstrieb, der ihn am Leben hält. Der soziale Kosmos der Strafanstalt kennt seine eigenen, archaischen Gesetze, und der schmächtige Malik bekommt sie früh am eigenen Leib zu spüren. In der Anstalt herrscht die korsische Mafia wie ein eigener Kontrollstaat unter den Augen der Verwaltung, der heimliche König heisst César (Niels Arestrup). Der korsische Pate bietet dem Neuling mit dem Engelsgesicht seinen Schutz an, doch es ist eine Wahl ohne Alternative: Malik soll einen anderen Muslim töten, der den Korsen gefährlich werden könnte. Tut er das nicht, wird er selbst getötet. Zum Mörder wird Malik also erst im Gefängnis – und sein Opfer verfolgt ihn fortan wie ein gespenstischer Schutzengel, der nachts in der Zelle über ihn wacht.

Knallhart, nie reisserisch

Gerade in solchen surrealen Traumbildern, die er beiläufig einstreut, zeigt sich Jacques Audiard als Meister jenseits der Kategorien. Für ihn, den langsamen Brüter des französischen Kinos, sind politischer Realismus und packendes Genrekino keine Gegensätze: «Un prophète» ist eine soziale Studie, die im Puls eines knallharten, nie reisserischen Gefängnisthrillers schlägt. Dabei gehört die Story von der Identitätssuche eines blutjungen Aufsteigers, der sich in der Unterwelt einen Namen macht, zu den ältesten Schablonen des Gangsterkinos. Doch Audiard erzählt sie nochmals ganz neu unter verschärften Bedingungen, in einem Machtkampf zwischen Korsen und Muslimen.

Malik, dieser Prophet des Verbrechens, mag in seinem Ehrgeiz ein Erbe seiner mächtigen amerikanischen Vorbilder von «Scarface» bis «Goodfellas» sein. Aber für ihn ist die Karriere in der Unterwelt nicht eine besonders attraktive Option unter anderen: Im Gefängnis ist der Weg des Verbrechens seine einzige Überlebensstrategie. Und während die Muslime langsam zahlreicher werden in der Anstalt, wandelt sich Malik vom Gehilfen des alten Korsen allmählich zum smarten Machtpolitiker mit eigener Agenda.

Als hätte Michel Foucault mitgeschrieben

Es ist, als hätte Michel Foucault am Drehbuch mitgeschrieben. «Un prophète» zeigt das Gefängnis als Erziehungsanstalt, die mittels Strafe gehorsame Individuen produzieren soll – und dabei das Gegenteil bewirkt. Das Zuchthaus produziert nicht unbedingt bessere Menschen, sondern vor allem auch bessere Verbrecher: Malik jedenfalls lernt hier nicht bloss Lesen und Schreiben, sondern er nutzt die Strafanstalt als Startrampe für eine Karriere in der Unterwelt.

So reiht sich «Un prophète» nicht bloss in die Galerie der bedeutendsten Gangsterfilme ein. Mit seinem Thriller hinter Gittern schleust Jacques Audiard ganz nebenbei auch das fesselndste Foucault-Seminar ins Kino, das man sich wünschen kann. In Cannes wurde er dafür mit dem Grossen Preis der Jury belohnt. Wäre da nicht noch Michael Hanekes «Das weisse Band» gewesen, es hätte auch die Goldene Palme sein dürfen.

«Un prophète»: Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Corso und Riffraff.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2010, 07:11 Uhr

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