Die unglaubliche Geschichte des Mr. Whitacre
Von Florian Keller. Aktualisiert am 03.11.2009
Der Film
The Informant! (USA 2009). 107 Minuten. Regie: Steven Soderbergh. Drehbuch: Scott Z. Burns, nach dem gleichnamigen Buch von Kurt Eichenwald. Mit Matt Damon u. a.
Das Problem mit Matt Damon ist: Er sieht immer aus wie Matt Damon. Als Jason Bourne zeigt er sich jeweils zwar so robust und gestählt, wie es das Berufsprofil eines Actionhelden verlangt; und in Interviews über Steven Soderberghs neuen Film «The Informant!» erzählt er jetzt fleissig von den fünfzehn Kilos, die er sich angefuttert habe, um für die Rolle als ungreifbarer Lügenbold aus der Form zu gehen. Viel augenfälliger als das bisschen Übergewicht sind jedoch die äusserlichen Verwandlungshilfen, die er sich für den Film zugelegt hat: Da ist dieser breite Beamtenschnauz und die zu grosse Brille auf der Nase, und da sind diese buntscheckigen Krawatten, von denen eine scheusslicher ist als die andere.
Mann ohne Eigenschaften
Aber Matt Damon geht nicht auf in seinen Masken. Bei ihm wirken sie immer als das, was sie sind: Verkleidungen. Als Schauspieler ist Damon das Gegenteil eines Verwandlungskünstlers. Man hat ihn deshalb immer ein wenig unterschätzt. Auch jetzt, mit fast 40 Jahren, hat dieses jugendliche Teflongesicht nicht wirklich an Reife gewonnen, und seine Ausstrahlung, wenn man sie denn so nennen will, ist allenfalls die eines streberhaften Anpassers. Doch mit den Jahren hat er es immer besser verstanden, diese natürliche Farblosigkeit in schauspielerisches Kapital umzumünzen. Matt Damon ist Hollywoods Mann ohne Eigenschaften. Darum war er perfekt als talentierter Mr. Ripley im gleichnamigen Film nach Patricia Highsmith. Und darum ist er auch die ideale Besetzung für die Bourne-Filme, wo er als Held ohne Erinnerung durch die Gegenwart hetzt.
Mit seiner Rolle als pathologischer Lügner in «The Informant!» erweitert er diese Galerie um ein unfassbares Exemplar mehr. Das Ausrufezeichen gehört hier zum Titel, aber die passendere Chiffre für die doppelbödige Tragikomödie wäre eigentlich ein Fragezeichen. Regisseur Steven Soderbergh ist ja selbst dann der Mann fürs smarte Understatement, wenn er ein ganzes Sortiment an Superstars zum grossen Coup aufmarschieren lässt, wie in den Filmen «Ocean's Eleven» und aufwärts. Ganz ohne Knalleffekte spult er jetzt auch diese unglaubliche, aber wahre Story des amerikanischen Biochemikers ab, der sich in den 90er-Jahren auf alle Seiten hin um Kopf und Kragen schwindelte. Das Ausrufezeichen drückt den Zuschauern also auch die Ironie der ganzen Geschichte aufs Auge: Dieser Informant bürgt vor allem für Desinformation.
Kader für Maisfermente
Sein Name ist Mark Whitacre, und er hat sich als Fachmann für Maisfermente bis ins höhere Kader eines Lebensmittelmultis hochgearbeitet, als er aus einer Notlüge heraus auf die Idee kommt, sein Unternehmen wegen unrechtmässiger Preisabsprachen zu verpfeifen. Die amerikanische Bundespolizei FBI wird sofort hellhörig und schickt den Chemiker ohne Crashkurs als verdeckten Ermittler ins Feld. In den Kadersitzungen soll Whitacre die nötigen Beweise aufzeichnen, aber er tut das mit solch unverfrorener Leichtfertigkeit, dass man sich beim FBI (und auch als Zuschauer) ständig fragt: Ist dieser Mann wahnwitzig clever oder einfach haarsträubend naiv? Jedenfalls gefällt ihm seine neue Rolle als Spion im eigenen Konzern so gut, dass er dem Gärtner daheim stolz seinen neuen Geheimkoffer mit eingebautem Tonbandgerät vorführt.
Ein Kadermitglied denunziert seine Firma wegen krimineller Machenschaften: Das wäre gar nicht so abwegig und sogar richtig nobel, wenn Whitacre gleichzeitig nicht mehrere Millionen Dollar aus dem Konzern in die eigene Tasche abzweigen würde. So wurstelt er (mit einem Abstecher auf den Finanzplatz Zürich) immer weiter in seiner Doppelrolle und glaubt allen Ernstes, dass er nach dem grossen Reinemachen in der Firma zum neuen Chef aufsteigen wird. Bleibt die Frage: Will das nun eine beschwingte Scharade aus der Wirtschaftswelt sein oder eine tragische Fallstudie über einen Mann mit Borderline-Syndrom? Soderbergh scheint sich da selbst nicht sicher, und so ist «The Informant!» beides nicht richtig.
Zwischen Ironie und Tragik
Der Soundtrack ist gepolstert mit aufdringlich schmissigem Orchesterjazz, das dunstige Licht erinnert an TV-Serien aus der Zeit von «Denver Clan». Doch hinter dieser vordergründigen Retro-Lässigkeit sucht der Film das fragile Gleichgewicht zwischen Ironie und Tragik. Am schönsten gelingt das bei den inneren Monologen, in die sich Whitacre immer dann flüchtet, wenn ihm die Realität zu lästig wird. Als ihm die Leute vom FBI ins Gewissen reden, klinkt sich der Möchtegernspion innerlich aus und philosophiert über Krawatten im Ausverkauf, bei trockenen Geschäftsterminen grübelt er lieber über die Mimikry von Schmetterlingen oder die Jagdmethoden von Eisbären nach.
In Anspielung auf Soderberghs gefeierten Erstling könnte man diese moderne Schelmengeschichte gut und gern auch «Mais, Lügen & Videotape» taufen. Aber man denkt bei «The Informant!» doch eher an eine nicht ganz geglückte Heirat zweier anderer Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf seinem Feldzug gegen den übermächtigen Grosskonzern wirkt Matt Damon wie ein Schicksalsgenosse von Russell Crowe in «The Insider», wo dieser sich in einen tragischen Kampf gegen die Tabakindustrie verstrickte; als Aufsteiger, dessen Lebenslauf so echt ist wie das Toupet auf seinem Kopf, treibt er gleichzeitig ein ähnlich hochstaplerisches Spiel wie Leonardo DiCaprio in Spielbergs «Catch Me if You Can». Die Wahrheit über Herrn Whitacre, so deutet dieser Film an, liegt wohl irgendwo dazwischen. Der Mann selbst aber bleibt ein Rätsel.
Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Arena und Arthouse Le Paris.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.11.2009, 06:25 Uhr
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