Die bubihafte Marilyn
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 14.02.2012 1 Kommentar
«My Week With Marylin» (Trailer)
Michelle Williams bei David Letterman
Michelle Williams in «Brokeback Mountain»
Michelle Williams in «Dawsons Creek»
Michelle Williams in «Shutter Island»
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Grösser könnte der Unterschied zwischen einer Schauspielerin und der Rolle, die sie verkörpert, nicht sein. Hier die betont bubihafte Michelle Williams, Pixie-Cut, zerbrechlich, zurückhaltend, bedacht. Dort die kurvige Marilyn Monroe, wallendes Haar, üppig, offen, naiv.
Die Traurigkeit vereint
Monroe hatte stets versucht, als Schauspielerin ernst genommen zu werden, schaffte es jedoch nie. Michelle Williams ist mit 31 Jahren bereits zum dritten Mal für einen Oscar nominiert – für ihre Rolle als Marilyn Monroe in «My Week With Marilyn». Die Ikone mimt sie so überzeugend, dass es nicht auffällt, dass für die üppigen Kurven mit Outfits getrickst werden musste. Sechs Monate lang hatte Williams sich intensiv auf die Rolle vorbereitet, jede Biografie über Monroe gelesen, alle Filme geschaut. Nur an einem scheiterte sie: am Zunehmen. Ihr Gesicht wurde immer voller, die Hüften blieben jedoch knabenhaft. «Irgendwann stellte ich mir die Frage, ob mein Gesicht so aussehen soll wie das von Marilyn oder meine Hüften», sagte die Schauspielerin zur «Vogue». Sie entschied sich für Ersteres.
Es ist einzig diese gewisse Traurigkeit, die die beiden verbindet. Marilyn Monroe zerbrach schliesslich am Druck, eine Ikone zu sein. Und Michelle Williams hat den überraschenden Tod ihrer grossen Liebe bis heute nicht wirklich verkraftet: Heath Ledger, Vater ihrer sechsjährigen Tochter Matilda. Sie denke jeden Tag an ihn, sagt Michelle Williams in Interviews. Im Jahr nach seinem Tod sei da ständig das Gefühl gewesen, dass er gleich zur Tür hereinkommen oder hinter einem Busch hervorspringen würde. «Ich bin traurig, dass ich mich immer weiter und weiter davon entferne», sagte sie vor einem Jahr in einem TV-Interview mit ABC Nightline.
Die gemeinsame Tochter ist Heath Ledger jedoch wie aus dem Gesicht geschnitten – und mehr. Wie Matilda zu Bäumen flüstere, Tiere umarme und zwei Treppenstufen auf einmal nehme, gebe ihr die Sicherheit, dass Heath doch noch bei ihr sei. Michelle Williams und Heath Ledger hatten sich 2004 bei den Dreharbeiten zu «Brokeback Mountain» kennen und lieben gelernt. Als sie Anfang 2006 beide für den Oscar nominiert wurden, war ihre gemeinsame Tochter Matilda wenige Monate alt. Die Beziehung hielt bis September 2007, die Liebe und Verbindung zwischen den beiden dauerte an. Im Januar 2008 fand man Heath Ledger leblos in seiner Wohnung. Ihr Herz sei in diesem Moment gebrochen, so Michelle Williams.
Vom Teenie-Schwarm zur Oscar-Anwärterin
Wer hätte dies alles vor 13 Jahren gedacht, als die damals 18-Jährige als Vamp hölzern über das Set der Teenie-Serie «Dawsons Creek» stöckelte. Fünf Jahre lang spielte sie die sinnliche Blondine Jen Lindley, eine Figur, die derjenigen von Marilyn Monroe noch am nächsten kommt. Von ihren damaligen Schauspielkollegen James van der Beek oder Joshua Jackson, in deren Schatten sie stand, ist kaum mehr etwas zu hören. Einzig Katie Holmes macht noch von sich reden, allerdings eher als Ehefrau von Tom Cruise, statt als begnadete Schauspielerin. Höchst selten kommt es vor, dass es ein Teenie-Serie-Darsteller in einen Kinofilm schafft, geschweige denn zu einer Oscar-Nomination. Michelle Williams aber schon: Nach «Brokeback Mountain» wurde sie für ihre Rolle in «Blue Valentine» vor einem Jahr zum zweiten Mal nominiert.
Vielleicht auch, weil die 31-Jährige, die ihren Schulabschluss im Fernstudium absolviert hat, es konsequent ablehnt, einzig flockige Rollen zu spielen. Als «Papierverschwendung» bezeichnet sie derartige Skripts und setzt lieber auf Charakterrollen. Etwa in Wim Wenders «Land of Plenty» oder eben «Brokeback Mountain». «Ich wollte schon immer ausserhalb des Systems arbeiten», sagte sie einmal zur «New York Times». Und sie versucht sich auch privat von diesem System zu distanzieren, nicht allzu viel von sich preiszugeben, ihre Tochter Matilda zu beschützen und von dem «Zoo» fernzuhalten, in dem sie sich manchmal wiederfinde. Ihre Tochter Matilda ist Michelle Williams' Ein und Alles. Ihr will sie eine gute Mutter sein: Brötchen schmieren, in die Schule bringen und das ganze Drum und Dran.
Auch mit ihrer Bubifrisur versucht sie Distanz halten. Die wallenden, blonden Haare hatte sie sich vor fünf Jahren abschneiden lassen. David Letterman sagte sie vor ein paar Wochen, weshalb: «Wenn ich meine Perücke nach einem Arbeitstag als Schauspielerin abnehme, fühle ich mich wieder wie mich selber.» Als Marilyn Monroe ist Michelle Williams nun tatsächlich ganz anders, als sie selber es ist. Und gleichzeitig glaubwürdiger denn je. In knapp zehn Tagen wird sich zeigen, ob sie sich dank dieser Verwandlung gegen ihre Konkurrentinnen Meryl Streep oder Glen Close durchsetzen und den Oscar gewinnen kann. Es wäre eine kleine Überraschung. Aber dazu ist Michelle Williams fähig.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.02.2012, 11:38 Uhr
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