Dreck unter teuren Teppichen
«Der letzte Weynfeldt», das ist ein schöner Titel und Name. Er klingt schon lautpoetisch betrachtet nach verdämmernder dynastischer Noblesse, nach ererbtem «altem Geld». Nach Grands Crus aus dem Bordelais oder gepflegten Martinis und überhaupt nach gutem Geschmack und einem feinen Kunstverstand, der es sich leisten kann, praktisch zu werden. Auch nach massvollem Mäzenatentum, besonnener Grosszügigkeit und anerzogenem Anstand. Brächte so ein letzter Weynfeldt sich um (es läge nicht in der Familie, aber die Liebe beispielsweise kann viel Kummer anrichten), dann gewiss mit einem kleinen Revolver, der keine Riesenlöcher macht, und nicht ohne sich bei der Haushälterin brieflich für die Sauerei zu entschuldigen.
Und so war es ja in Martin Suters Roman (Diogenes, 2008) und ist es jetzt auch in Alain Gsponers Verfilmung für das Schweizer Fernsehen (in Koproduktion mit dem ZDF): Der Geruch des alten Geldes und die gedämpften Farben der Distinguiertheit liegen über Zürich. Adrian Weynfeldt (Stefan Kurt), Mitte fünfzig, vorläufig der Letzte seines Namens, ist reich genug, um ein guter Mensch zu sein. Ausserdem vertritt er als Experte für Schweizer Kunst ein englisches Auktionshaus. Denn was hätte anderes werden können aus jemandem, dessen tote Mutter ihm immer noch als Porträt von Varlin auf die Finger schaut?
Unvornehmes mit Noblesse
Ein einsamer Mann, der eines Nachts mit dem Selbstmord tändelt; aber auch ein Schmerzgourmet, der sich dann doch nicht umbringt mit seinem kleinen Revolver, weil er keine Oliven im Haus hat für einen letzten Martini. Stattdessen verschlägt es ihn in eine Bar, und da setzt sich nun eine Frau (Marie Bäumer) zu ihm, die seine ordentliche Existenz so durcheinanderbringt, dass er ganz unordentlich lebendig werden muss.
Das Drama handelt, im Bereich der vornehmen und der sie umkreisenden unvornehmen Gesellschaft, von Betrug und Erpressung. Wobei das Unvornehme seine Noblesse hat und das Vornehme sein Ordinäres. Die Frau aus der Bar nämlich nimmt den letzten Weynfeldt sehr liebreizend aus; während der alte Dr. Baier (Vadim Glowna) ihn völlig schamlos auffordert, die Kopie eines Vallotton-Originals für echt zu erklären. Die Parasiten haben aber schliesslich alle ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht, den sie für einen Volltrottel halten.
Grossartige verklemmte Höflichkeit
Stefan Kurt spielt ihn in seiner verklemmten Höflichkeit grossartig: so, dass man ihm auch die rachsüchtige Raffinesse abnimmt. Und der 34-jährige Gsponer («Lila Lila», «Das wahre Leben») ist ein unerhört begabter Ironiker, wenn es um das Bröckeln gepützelter Fassaden und den Dreck unter teuren Teppichen geht. Kurzum, «Der letzte Weynfeldt» ist nicht nur ein schöner Titel, sondern ein wirklich guter Fernsehfilm: eine unromantische Romanze und ein inspiriertes Spiel auf der verschwimmenden Grenze zwischen Echtheit und Fälschung in Liebes- und Kunstsachen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.09.2010, 20:52 Uhr
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