Kultur

Ein Phantom namens Phoenix

Von Von Florian Keller, Venedig. Aktualisiert am 07.09.2010

Ein Schauspieler taucht ab: Venedig rätselt über Joaquín Phoenix.

Den Verstand verloren? Schauspieler Joaquín Phoenix vor zwei Jahren.

Den Verstand verloren? Schauspieler Joaquín Phoenix vor zwei Jahren.

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Doch noch in Venedig gesichtet: Joaquín Phoenix.

Da hockt er im Gestrüpp und heult. Der Schauspieler Joaquín Phoenix kommt gerade von einem Auftritt in der Talkshow von David Letterman, jetzt verkriecht er sich wie ein gebrochener Mann. Mit Vollbart, ungepflegter Mähne und dunkler Brille ist er in der Show gesessen. Er wolle Rapper werden, hat Phoenix in den Bart gemurmelt, aber das Publikum hat nur gelacht, und Letterman machte sich lustig über ihn.

Vor zwei Jahren hat Joaquín Phoenix öffentlich seinen Abschied vom Film erklärt, um eine Karriere als Rapper zu starten. Auf eine Platte von ihm wartet man bis heute vergeblich, dafür gibt es jetzt einen Dokumentarfilm über seinen Versuch, sich neu zu erfinden. Hat Phoenix nun wirklich komplett den Verstand verloren? Oder ist alles eine grosse Scharade, der abgründige Coup eines Schauspielers, dem sein Job in Hollywood einfach nicht anspruchsvoll genug war? Nach der Premiere von «I’m Still Here» gestern in Venedig gibt es nur eine Diagnose: Beides ist wahr.

Zugedröhnt und aufgequollen, ungepflegt wie ein Penner und manisch wie ein Derwisch: So irrt Joaquín Phoenix durch dieses abendfüllende Homevideo, das sein Schwager Casey Affleck mit ihm gedreht hat. Er kokst und kotzt, er bestellt Callgirls aufs Zimmer und liest dann wieder ganz gerührt aus einem Kinderbuch vor.

«I’m Still Here», das ist die totale Selbstentblössung eines Stars. Während andere sich von den Paparazzi demontieren lassen, übernimmt das Phoenix lieber gleich selbst. Und sein heimlicher Schutzpatron heisst Andy Kaufman. Wie die Nummern des früh verstorbenen Komikers ist auch dieser Film: lustig und tieftraurig, oft langweilig, unerträglich peinlich und dann wieder berührend. Einmal fängt Phoenix ein Vögelchen ein, das sich ins Haus verirrt hat, und entlässt es zärtlich in die Nacht.

Wie man sich neu erfindet, das hat er von klein auf gelernt. Seine Eltern zogen einst mit einer christlichen Sekte durch Südamerika. Zurück in Kalifornien, besiegelten sie ihren Neuanfang, indem sie sich «Phoenix» nannten. Am Ende des Films besucht Joaquín Phoenix seinen Vater in Panama. Er steigt in einen Fluss, das Wasser wird immer tiefer. Am Ende taucht der Star ganz unter. Taucht Phoenix wieder auf ? Für die Premiere soll er zwar extra angereist sein, aber in Venedig blieb er ein Phantom. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2010, 08:33 Uhr

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