Kultur
Ein Plädoyer für die Folter?
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Ein ganzes Land ist aus einem Albtraum erwacht, und jetzt wird den Leuten klar: Das war gar kein Traum. So kommt es einem vor, wenn man die Kontroverse zurückverfolgt, die «Zero Dark Thirty» in den Wochen seit der Premiere im Dezember auslöste. Entzündet hat sich die Debatte an den Folterszenen, die die ersten zwanzig Minuten des Films dominieren.
Die enge Zusammenarbeit der Filmemacher mit der CIA hatte schon früh Bedenken geschürt, «Zero Dark Thirty» könnte dazu dienen, die US-Folterpraktiken im Krieg gegen den Terror zu rechtfertigen. Konservative Politiker versuchten denn auch postwendend, den Film als Plädoyer für die Folter zu vereinnahmen. Dies wiederum verleitete die Publizistin Naomi Wolf zu einem offenen Brief, in dem sie Kathryn Bigelow allen Ernstes mit Leni Riefenstahl verglich.
Der Vorwurf, der Film propagiere die Folter, indem er sie verherrliche, ist absurd. In diesem Punkt ist der grimmige Realismus von Bigelows Inszenierung über jeden Zweifel erhaben. Vertrackter ist die Frage, inwiefern «Zero Dark Thirty» die Wirksamkeit der Folter behauptet. Eine Gruppe von Senatoren um die Demokratin Dianne Feinstein und den früheren republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain hat bereits eine Protestnote beim US-Verleiher deponiert: Der Film sei «faktisch falsch und grob irreführend», weil er den Mythos zementiere, dass Folter wertvolle Informationen erbringe.
Tatsächlich wird zu Beginn des Films ein Gefangener aufs Schwerste misshandelt, mit dem bekannten Repertoire von Foltermethoden: Schläge, Ketten, Waterboarding. Brauchbare Informationen gibt der Mann allerdings erst dann preis, als ihm seine Peiniger einreden, er habe sich im Delirium bereits verraten, und ihn zur Belohnung wie einen Gast behandeln. Ein anderer Gefangener leitet später seine Aussage damit ein, dass er reden wolle, um nicht weiter gefoltert zu werden. In der Version von «Zero Dark Thirty» spielte Folter also durchaus eine Rolle bei der Fahndung nach Bin Laden, aber nicht die entscheidende.
Die Filmemacher haben sich die Vorwürfe auch selbst eingehandelt durch ihren erklärten Anspruch auf eine unparteiische, faktentreue Darstellung der Ereignisse. «Wir zeigen die Folterverhöre als das moralische Dilemma, das sie waren», beteuerte Drehbuchautor Mark Boal kürzlich im Gespräch mit dem «Spiegel». Davon ist im Film jedoch nichts zu spüren. Der künstlerische Entscheid nämlich, die Fahndung nach Bin Laden vermeintlich «neutral» und konsequent aus der geheimdienstlichen Innenschau zu zeigen, führt im Film dazu, dass jede ethische Debatte zur Folter komplett aussen vor bleibt. Die Journalistin Jane Mayer fasste ihr Unbehagen darüber im «New Yorker» in einen sarkastischen Vergleich: «Würde Kathryn Bigelow einen Film über die Sklaverei vor dem Bürgerkrieg in Amerika drehen, so würde sie darin wohl der Frage nachgehen, ob die Baumwollernte erfolgreich war.» Der Regisseur Michael Moore wiederum lobte den Film, weil er den Amerikanern die abscheulichen Taten vor Augen führe, die in ihrem Namen verübt wurden.
Die Kontroverse wird den Film zwar fast alle Chancen bei den Oscars kosten, aber in den Kinos hat sie sich bereits ausgezahlt. Nach dem landesweiten Kinostart vor einer Woche steht «Zero Dark Thirty» auf Rang eins der US-Charts.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.01.2013, 13:55 Uhr







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