Ein Plädoyer für die Folter?

Die Debatte um «Zero Dark Thirty» spaltet Amerika quer durch die politischen Lager.

Irreführend oder nicht? James Gandolfini als CIA-Direktor in Zero Dark Thirty.

Irreführend oder nicht? James Gandolfini als CIA-Direktor in Zero Dark Thirty. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein ganzes Land ist aus einem Albtraum erwacht, und jetzt wird den Leuten klar: Das war gar kein Traum. So kommt es einem vor, wenn man die Kontroverse zurückverfolgt, die «Zero Dark Thirty» in den Wochen seit der Premiere im Dezember auslöste. Entzündet hat sich die Debatte an den Folterszenen, die die ersten zwanzig Minuten des Films dominieren.

Die enge Zusammenarbeit der Filmemacher mit der CIA hatte schon früh Bedenken geschürt, «Zero Dark Thirty» könnte dazu dienen, die US-Folterpraktiken im Krieg gegen den Terror zu rechtfertigen. Konservative Politiker versuchten denn auch postwendend, den Film als Plädoyer für die Folter zu vereinnahmen. Dies wiederum verleitete die Publizistin Naomi Wolf zu einem offenen Brief, in dem sie Kathryn Bigelow allen Ernstes mit Leni Riefenstahl verglich.

Der Vorwurf, der Film propagiere die Folter, indem er sie verherrliche, ist absurd. In diesem Punkt ist der grimmige Realismus von Bigelows Inszenierung über jeden Zweifel erhaben. Vertrackter ist die Frage, inwiefern «Zero Dark Thirty» die Wirksamkeit der Folter behauptet. Eine Gruppe von Senatoren um die Demokratin Dianne Feinstein und den früheren republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain hat bereits eine Protestnote beim US-Verleiher deponiert: Der Film sei «faktisch falsch und grob irreführend», weil er den Mythos zementiere, dass Folter wertvolle Informationen erbringe.

Tatsächlich wird zu Beginn des Films ein Gefangener aufs Schwerste misshandelt, mit dem bekannten Repertoire von Foltermethoden: Schläge, Ketten, Waterboarding. Brauchbare Informationen gibt der Mann allerdings erst dann preis, als ihm seine Peiniger einreden, er habe sich im Delirium bereits verraten, und ihn zur Belohnung wie einen Gast behandeln. Ein anderer Gefangener leitet später seine Aussage damit ein, dass er reden wolle, um nicht weiter gefoltert zu werden. In der Version von «Zero Dark Thirty» spielte Folter also durchaus eine Rolle bei der Fahndung nach Bin Laden, aber nicht die entscheidende.

Die Filmemacher haben sich die Vorwürfe auch selbst eingehandelt durch ihren erklärten Anspruch auf eine unparteiische, faktentreue Darstellung der Ereignisse. «Wir zeigen die Folterverhöre als das moralische Dilemma, das sie waren», beteuerte Drehbuchautor Mark Boal kürzlich im Gespräch mit dem «Spiegel». Davon ist im Film jedoch nichts zu spüren. Der künstlerische Entscheid nämlich, die Fahndung nach Bin Laden vermeintlich «neutral» und konsequent aus der geheimdienstlichen Innenschau zu zeigen, führt im Film dazu, dass jede ethische Debatte zur Folter komplett aussen vor bleibt. Die Journalistin Jane Mayer fasste ihr Unbehagen darüber im «New Yorker» in einen sarkastischen Vergleich: «Würde Kathryn Bigelow einen Film über die Sklaverei vor dem Bürgerkrieg in Amerika drehen, so würde sie darin wohl der Frage nachgehen, ob die Baumwollernte erfolgreich war.» Der Regisseur Michael Moore wiederum lobte den Film, weil er den Amerikanern die abscheulichen Taten vor Augen führe, die in ihrem Namen verübt wurden.

Die Kontroverse wird den Film zwar fast alle Chancen bei den Oscars kosten, aber in den Kinos hat sie sich bereits ausgezahlt. Nach dem landesweiten Kinostart vor einer Woche steht «Zero Dark Thirty» auf Rang eins der US-Charts.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.01.2013, 13:55 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Der lange Weg nach Abbottabad

Die Jagd nach Bin Laden als wertfreie Abfolge von Fakten: Das ist der Anspruch, den Kathryn Bigelow mit ihrem Spielfilm «Zero Dark Thirty» einlösen will. Sie unterschätzt dabei die Macht des Kinos. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Marktplatz

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Gaza Konflikt: Palästinenser fliehen aus ihren Häusern, nachdem der Turm einer Moschee durch einen israelischen Luftangriff eingestürzt ist.
(Bild: Mohammed Salem) Mehr...