Kultur

Ein Zuhause für den Vagabunden

Von Richard Diethelm, Corsier-sur-Vevey. Aktualisiert am 30.03.2010 1 Kommentar

Auf dem Landsitz bei Vevey, den Charlie Chaplin bis zu seinem Tod bewohnte, wird die Welt des Filmgenies in einem Museum auferstehen. Ein nostalgischer Rundgang mit seinem Sohn Eugene.

Im Garten des Manoir de Ban: Hier lebte und arbeitete Charles Chaplin 25 Jahre lang.

Im Garten des Manoir de Ban: Hier lebte und arbeitete Charles Chaplin 25 Jahre lang.
Bild: Keystone

Eugene Chaplin: Eines der acht Kinder von Oona und Charles Chaplin.

Eugene Chaplin: Eines der acht Kinder von Oona und Charles Chaplin. (Bild: Keystone)

Links

Museumseröffnung für 2012 geplant

Das Projekt «Chaplin's World» des Museumsmachers Yves Durand und des Szenografen François Durand, das auf dem Landsitz Manoir de Ban entstehen soll, besteht aus drei Teilen: Im renovierten Herrenhaus werden die Besucher erfahren, wie Charles Chaplin lebte und wie er es vom armen Strassenjungen in London zum Weltstar brachte.

Die Welten, die er mit seinen Filmen schuf, vermittelt eine unterirdische Halle mit einem 200-plätzigen Theater. Auf einer nachgebauten Hollywoodbühne und in den Kulissen berühmter Filme soll dort ein Multimediaspektakel ablaufen. Der 14 Hektaren grosse Park lädt Besucher ein, auf lauschigen Pfaden zu flanieren. «Wir wollen in diesem Museum nicht über Chaplin sprechen, sondern ihn durch seine Worte, seine Filme und seine Musik sprechen lassen», sagt Projektleiter Yves Durand.

Hauptsponsor des privat finanzierten 50-Millionen-Franken-Projekts ist der in Vevey beheimatete Nestlé-Konzern. Der Kanadier Durand hofft, dass die einzige noch hängige Einsprache im langwierigen Baubewilligungsverfahren demnächst bereinigt wird. Die Bauarbeiten sollen im Sommer beginnen. Wenn «Chaplin's World. The Modern Times Museum» wie geplant 2012 seine Tore öffnet, erwartet die Trägerstiftung etwa 250'000 Besucher pro Jahr. (di)

Oona Chaplin, die vierte Ehefrau des weltberühmten Komikers, erwartete ihr sechstes Kind, als sie im Winter 1952 das erste Mal über die Schwelle des Manoir de Ban trat. Ein halbes Jahrhundert später spaziert Eugene Chaplin durch den Park des Landsitzes, der auf einer Geländeterrasse über dem Genfersee thront, und führt uns dann durch das Herrenhaus mit 15 Zimmern. «Meine Mutter war mit mir schwanger», sagt der 57-Jährige im Foyer. «Sie hatte darauf bestanden, dass mein Vater ein Haus für die Familie sucht. Sie wollte nicht im Hotel wohnen.» Seine Eltern mussten 1952 unverhofft in Europa eine Bleibe finden, weil die US-Regierung dem wegen «unamerikanischer Umtriebe» verdächtigten Charlie Chaplin nach einer Filmpremiere in London die Rückkehr in seine Wahlheimat verweigerte.

Eugene, der Drittjüngste der acht Kinder von Oona und Charles Chaplin, sieht seinem Vater verblüffend ähnlich. Er könnte heute Charlot, den Tramp, spielen – allerdings als wohlgenährten, in die Jahre gekommenen Vagabunden. Er watschelt durch die Gänge des Manoir auf Füssen, die in grossen Schuhen stecken. In dem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert kennt er jeden Winkel. Hier verbrachte er seine ganze Kindheit. Und als die Mutter 1991 starb, bezogen Eugene Chaplin und sein älterer Bruder Michael mit ihren eigenen Familien und zusammen zwölf Kindern das Manoir. 2006 verliessen sie die 15-Zimmer-Villa, als die Erben das Anwesen der Stiftung Charlie-Chaplin-Museum verkauften.

Seither hat sich das Manoir in ein Geisterhaus verwandelt. Die Spannteppiche sind verschlissen. Schlieren von Schmutz überziehen die Wände. Die einst kräftigen Farben der Vorhänge sind ausgebleicht. In der Bibliothek, in die sich Sir Charles Chaplin bis ins hohe Alter zurückzog, um ungestört zu arbeiten, sind die Regale, die in Leder gebundenen Bücher und das Schreibpult mit zwei Tintenfässchen von einer Staubschicht bedeckt.

Der Flügel von Clara Haskil

Nicht verstaubt sind dagegen Eugene Chaplins Erinnerungen an den Vater, der die letzten 25 Jahre seines Lebens im Manoir de Ban wohnte, ehe er am Weihnachtstag 1977 im Alter von 88 Jahren sanft entschlief. «An Weihnachten sass jeweils die gesamte Familie mit engen Freunden aus Vevey, unter ihnen die rumänische Meisterpianistin Clara Haskil, bei Tisch», sagt der Sohn im leer geräumten Esszimmer. Mit einer ausladenden Geste deutet er die Grösse der Tafel an. Nach dem Essen wechselte die Gesellschaft in den grossen Salon. Hatten die Kinder ihre Geschenke ausgepackt, so setzte sich Clara Haskil an den hellbraunen Flügel. Dieser steht noch im Salon. Haskil hatte das Instrument Charlie Chaplin geschenkt, der als erster Regisseur die Musik zu seinen Filmen selbst komponierte.

«Meines Wissens gibt es keinen anderen Filmpionier, der sein ganzes Werk aufbewahrt hat. Was mein Vater geschaffen hat, gehört immer noch der Familie», sagt Eugene Chaplin. Aus diesem Fundus wird das Museum schöpfen, das nun im Herrenhaus und im Park des Manoir de Ban entstehen soll. Das Ende der Leidensgeschichte des Museumsprojekts, die wegen Einsprachen und finanzieller Engpässe mehr als zehn Jahre dauerte, ist absehbar. «Das Museum ‹Chaplin's World› wird ein Spiegel des 20. Jahrhunderts sein», betont Eugene Chaplin. Denn in manchen der insgesamt 82 Filme hatte sein Vater die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, der Weltwirtschaftskrise, des Aufstiegs von Nationalsozialismus und Faschismus sowie des Zweiten Weltkriegs verarbeitet.

Der Salon als Heimkino

Der grosse Salon im Herrenhaus diente der Familie oft als Heimkino. «Meine Mutter stand am Projektor und spannte die 16-mm-Rollen ein. Mein Vater sass am Flügel und spielte die Musik zu den Stummfilmen», erinnert sich Eugene. Als Kind musste er sich allerdings lang gedulden, bis sein Vater den 1928 entstandenen Streifen «The Circus» der Familie zeigte: «Er hasste diesen Film, weil er ihn an die Scheidung von seiner zweiten Frau und den Brand des Studios während der Dreharbeiten erinnerte.» Erst als Charlie Chaplin in den 60er-Jahren die Musik zu diesem Streifen komponierte, habe er sich mit dem Werk versöhnt: «Danach schauten wir ‹The Circus› zweimal pro Woche an», sagt der Sohn schmunzelnd.

Eugene Chaplin ist kein Komiker geworden, aber er gesteht: «Ich habe von Papa die Leidenschaft für den Zirkus geerbt.» An der Royal Academy of Dramatic Art in London zum Theaterregisseur ausgebildet, arbeitet Eugene Chaplin heute als Choreograf und Regisseur für die Zirkusdynastie Nock.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2010, 04:00 Uhr

1

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 Kommentar

Theo Rais

31.03.2010, 19:05 Uhr
Melden

BRAVO! Super, dass mit diesem Museum das grandiose Schaffen von Charles Chaplin der Nachwelt erhalten bleiben wird. Es ist zu wünschen dass bei zu erwartenden vorführungen von Filmen, falls diese elekronisch überspielt und eventuell beatrbeitet werden, das original bildformat beibehalten wird. Theo Rais Kameramann Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.