Ein ganz normales, ganz chaotisches Schuljahr
Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 27.01.2009
Laurent Cantet - der Regisseur der Stunde. (Bild: Keystone)
Zu sehen
In Zürich ab Donnerstag im Arthouse Piccadilly und im Kino Riffraff.
Die gute Nachricht für die Verfechter einer neuen Disziplin ist, dass Mittelschüler in Frankreich noch aufstehen, wenn der Schuldirektor das Klassenzimmer betritt. Lehrer haben es auch dort schwer genug, aber dieser Rest einer traditionellen Manierlichkeit hat offenbar überlebt. Die schlechte Nachricht ist, dass sich deshalb noch kein Schüler leichter davon hat überzeugen lassen, der klangvolle, aber altmodische Subjonctif passé, also die konjunktivische Vergangenheitsform, gehöre zum notwendigen grammatikalischen Bildungsgut. Das ist disziplinarisch nicht mehr durchzusetzen.
Grossartiges Kino
Sprachlich nehmen Vierzehnjährige zum Beispiel im multikulturellen 20. Pariser Arrondissement bestimmt keine erzwungene Haltung mehr an; und dies ist noch eine der geringeren Herausforderungen, denen sich in Laurent Cantets Spielfilm «La classe – Entre les murs» der Französischlehrer François (François Bégaudeau) stellt. Stellen muss – ein bisschen weniger pädagogische Anstrengung wäre ihm durchaus recht. Seine Schüler fordern Beweise für die Nützlichkeit dessen, was sie für die Schule lernen sollen, weil irgend so ein alter Sack behauptet, es sei fürs Leben. Sie würden auch Beweise dafür fordern, dass eins plus eins zwei macht.
Eine Lektion über den Subjonctif passé ist nicht zu haben ohne Disput über den Zusammenhang zwischen Erinnerungsvermögen und dem Gebrauch von Block und Bleistift; schon gar nicht ohne Diskussion über ein unnatürliches Sprechen und die mögliche Homosexualität des Klassenlehrers. Es geht Boubacar gegen Souleymane, Marokko gegen Mali, beide gegen Frankreich und alle zusammen gegen François. Die Reibung erzeugt manchmal intellektuelle Hitze, öfter jedoch Kraftverlust, und eigentlich, kurzum, ist so eine Französischstunde eine schlichte didaktische Katastrophe. Der Lehrplan stösst sich hart an der Realität. Aber am Ende ist vielleicht doch etwas Subjonctif in ein paar Köpfe geträufelt – und ein wenig von François' einsamer Freude über eine aussterbende sprachliche Form.
Die eine szenisch konzentrierte Schulstunde in ihrer spielerischen, aggressiven Selbstverständlichkeit genügt schon als Beweis: Das ist grossartiges Kino. Im Spektrum eines reichen Genres – sagen wir: zwischen den Lausbubenidyllen des «Fliegenden Klassenzimmers» und der gefühlvollen Erziehungstragik von «Dead Poets Society» – gibt es womöglich keinen besseren Film über die Schule. Keinen jedenfalls, der seine Dramen so sehr aus der Natur der Sache holt und nicht aus ihren pädagogischen Musterkoffern.
Der Lehrer spielt sich selbst
«La classe» ist die Dramatisierung des Buchs «Entre les murs» (2006), worin der Lehrer, Autor und jetzt auch Hauptdarsteller François Bégaudeau die Normalitäten und Turbulenzen eines Schuljahrs gewissermassen als Dokumentarroman zusammenfasste. Für die Authentizität der Erinnerung – mehr Realität kann man nicht verlangen – ist also gebürgt. Der Regisseur Cantet und seine Ko-Autoren Robin Campillo und Bégaudeau bewahrten seiner Fiktion das Dokumentarische durch grösstmögliche Wirklichkeitsnähe.
Nicht immer ist es ein künstlerisches Kompliment, festzustellen, man wisse ja gar nicht mehr, wo das kontrollierte Spiel ende und die ungezähmte Wahrheit beginne. Hier schon. Seine Schüler und Lehrer hat Cantet sich aus einer Pariser Schule geholt. In Improvisations-Workshops entwickelten Jugendliche ihr künstlerisches Gespür für Figuren, aus denen eine, wie man sagen darf, wirkliche Klasse wurde. Eine Entwicklung, die sich beim Dreh mit drei Videokameras logisch fortsetzte: Regie war weniger Fixplanung als schnelle Antizipation bei laufender Szene.
Geplant und inszeniert wurde, was die erzählerische Struktur erforderte. Denn damit wir uns nicht missverstehen: Wir haben es mit disziplinierter Kunst zu tun, nicht mit zwei Feierstunden für den interessanten Zufall. Was der inneren Natürlichkeit diente, überliess man der improvisierenden und ja bereits inspirierten Fantasie. Und so kam dieses vermutlich schwer wiederholbare Wunder zustande: ein Spielfilm, der mehr ist als Spiel; eine Dokumentation, die mehr ist als wahr. Nämlich ein Stück quasi gereinigter Wahrscheinlichkeit; oder eine wahrhaftige «Vision des Realen», wie man es am Dokumentarfilmfestival von Nyon nennen würde.
«La classe», das ist das Drama – manchmal auch die Tragikomödie – vom Scheitern des Erziehungssystems am anders erzogenen Leben; und umgekehrt. Vom Hass der multikulturellen Theorie auf die multikulturelle Praxis; und umgekehrt. «La classe», das sind Kriegsakte und Friedensverhandlungen zwischen Schülern und Lehrern. Der Film erzählt von explodierender Gewalt genauso wie von unerwartet aufblühender Lernfreude und sprachlicher Intelligenz. Und er ist mitreissend in seiner klugen Widersprüchlichkeit.
Gar nichts gelernt
Laurent Cantet nannte den Film – unter anderem – eine optimistische Utopie. Er weiss natürlich, dass Optimismus und Pessimismus schliesslich eine Angelegenheit des individuellen seelischen Temperaments sind. Also: Wir haben gewiss Hoffnung gesehen, aber auch das traurige Mädchen, das am Ende des Schuljahrs sagt, es habe gar nichts gelernt. Oder die kleinen Erfolgserlebnisse, und gleich darauf den verzweifelten Pädagogen, der sich wünschte, dass ein paar unerreichbare Schüler in ihrem afrikanischen Heimatdorf zugrunde gingen. Die intelligente Eloquenz von Schülern schien plötzlich unerträglich, und das Autoritätsverhalten von Lehrern, mit denen man keine Minute tauschen möchte, kindischer als die Kinder. Es hat einen, subjektiv, nicht wirklich optimistisch gestimmt.
Der objektive Optimismus von «La classe» liegt allerdings darin, dass so ein Film überhaupt entstand: Mit kreativen Kindern, die ihren Rollen gleichen, aber nicht damit verwechselt werden wollen. Vielleicht sollte «La classe» als hoffnungsvoller Pflichtstoff in die Lehrpläne eingehen.
La classe – Entre les murs (F 2008). 128 Minuten. Regie: Laurent Cantet. Nach dem Buch von François Bégaudeau. Mit François Bégaudeau u. a.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.01.2009, 23:43 Uhr
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