Eine Frau haut die Welt in Stücke
Von Simone Meier. Aktualisiert am 18.08.2010 3 Kommentare
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Der Film
Salt (USA 2010). 100 Minuten. Regie: Phillip Noyce. Mit Angelina Jolie, Liev Schreiber u. a.
Ab morgen in den Zürcher Kinos Abaton, Arena, Capitol und Corso.
Es geht hier um etwas leicht Perverses. Nämlich um eine Gleichberechtigung der Freude an Lärm, Kampf und Explosionen. Kein Mensch würde jemals dem männlichen Kinogänger seinen Hang zum Action-, Kriegs- und Gewaltspektakel absprechen, die Kerle, die für ihn das brachiale Superheldentum übernehmen, sind immer irgendwo vorhanden. Die Kinogängerin hingegen, die bleibt mit den gleichen Gelüsten allein.
Jahrelang muss sie auf den nächsten Quentin Tarantino warten, bei dem sie aber auch nicht weiss, ob er den Frauen nicht gerade Nazijäger vorzieht. Doch wenigstens ist da Angelina Jolie, und man muss schon sagen: Als Hollywoods grösste und furchtloseste Actiondarstellerin ist sie ein totales Tier und eine Wohltat.
Körpereinsatz statt Intellekt
Sonst ist sie ja nur schwer auszuhalten – im Leben wie auch in sensibleren Rollen –, weil alles an ihr zu viel ist: Zu viel Brangelina, zu viele Kinder, zu übertrieben in ihrer plakativen Schönheit, ihrem Drama-Queen-Auftritt.
Jolie ist keine intellektuelle Schauspielerin – einen Woody-Allen-Film etwa würde sie schlicht massakrieren mit ihrem rücksichtslosen Method-Acting –, dafür eine körperliche. Eine, der man als Regisseur so richtig was zu tun geben muss, die sich mit jeder Faser hineinstürzt in die schnellen, bösen, harten Orgien und umso intensiver wirkt, je mehr sie zu rennen, zu prügeln und zu schiessen hat, je mehr ihr Körper die ganze Leinwandarbeit übernehmen und den klassischen Männerjob verrichten kann.
Streifschuss: Kein Problem!
Schon in «Lara Croft» war das sehr schön, in «Salt» (von Phillip Noyce) ist es noch schöner, denn in «Salt» spielt sie roher und realistischer als in der comic-artigen Verkleidung der Game-Figur Lara Croft. Ihre Evelyn Salt ist die Tochter einer russischen Boxerlegende und einer Schachmeisterin und schon als Kind so undurchschaubar, dass sie irgendwie vom amerikanischen und russischen Geheimdienst gleichzeitig erzogen werden kann.
Sie wird gefoltert in Korea und gerettet von einem verliebten amerikanischen Arachnologen, einem Spinnenforscher also, der ihr Mann wird und dessen Giftspinnen ihr bei einem Anschlag auf den russischen Präsidenten eines Tages prima zu Diensten sein werden.
Bomben aus Tischbeinen
Salt ist also eine in der Wolle gefärbte Doppelagentin, und weil Russland und Amerika sich gerade wieder einmal um die Weltherrschaft balgen, kommt sie zum hochkomplexen Doppeleinsatz ihres Lebens. Sie weiss dabei in jeder verzwickten Sekunde einen halsbrecherischen Ausweg, bastelt schlimme Bomben aus Tischbeinen und klebt sich pragmatisch eine Streifschusswunde mit einer Damenbinde ab (man kann übrigens auch Damentampons bestens als sterile Polster für Druckverbände brauchen, nur so als Survivor-Tipp!).
Weshalb das heute wieder so ist mit den Russen und den Amerikanern, das weiss wohl nur Drehbuchautor Kurt Wimmer («The Thomas Crown Affair»), es ist eine der höheren Schwachsinnsideen, die sich Hollywood in letzter Zeit ausgedacht hat. Es dürfte aber mit der Sehnsucht nach der einfachen Welt alter Bond-Filme zu tun haben. So, wie sich auch sonst viele Bond-Zitate in «Salt» finden: Die Folterszene zum Beispiel, die aus «Die Another Day» geklaut ist, oder dass eine tote Liebe die Heldin erst zur gnadenlosen Killermaschine macht.
Angelina Jolie spielt ihre Rolle in der desillusionierten, beinharten, brutal ungerührten Tradition der Bond-Filme mit Daniel Craig. Und ist dabei natürlich auch mit geschwollenem und blutüberströmtem Gesicht so schön, dass man die Augen einfach nicht abwenden kann und mit Salt weiterrennen möchte in die Fortsetzung. Die aber bitte von einem besseren Drehbuchautor kommt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.08.2010, 21:45 Uhr
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