«Eine Ohrfeige würde wohl helfen»

Der Pariser Kriminologe Alain Bauer glaubt, dass junge Männer in den Jihad ziehen, um ihrem Radikalismus eine Richtung zu geben. Vor allem Eltern und Schulen müssten darauf reagieren.

Die Stärksten bleiben dort: Junge IS-Kämpfer bei einer Parade in Raqqa. Foto: AP, Keystone

Die Stärksten bleiben dort: Junge IS-Kämpfer bei einer Parade in Raqqa. Foto: AP, Keystone

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Kürzlich löste am Filmfestival und Forum für Menschenrechte in Genf ein Film Beklemmung aus: Die norwegisch-britische Regisseurin Deeyah Khan spürte für «Jihad: A Story of the Others» rund zehn Söhne und Töchter aus muslimischen Elternhäusern auf, die, angestachelt von radikalen Imamen, in den Gotteskrieg gezogen sind. Doch was sie in Syrien oder im Irak erlebten, verkrafteten sie nicht. Reumütig und von den Erlebnissen gezeichnet, kehrten sie nach Grossbritannien zurück und öffneten sich Deeyah Khan, die selbst muslimischer Abstammung ist. Die Botschaften der ehemaligen Jihadisten sind stets dieselben: «Wir fühlten uns von der britischen Gesellschaft benachteiligt, marginalisiert und ausgeschlossen.» Dabei ging es keineswegs alleine um ihr Bildungsniveau oder ihre Karrierechancen. Selbst ein Medizinstudent zog in den Jihad. Alle wurden von Identitätskrisen übermannt: «Ich erlebte Rassismus. Ich hasste es, eine braune Haut zu haben», sagt ein Ex-Jihadist. Ein anderer: «Die Bürger, der Staat, die Medien erniedrigten und isolierten uns permanent.» Oder: «Ich fühlte mich derart unzufrieden, ich wollte nur noch töten.» Nach dem Film äusserte sich der Kriminologe Alain Bauer zum Thema.

Die Filmemacherin Deeyah Khan analysiert anhand von Aussagen reumütiger Jihadisten, wie sich junge Menschen radikalisieren. Wirkt der Film auf Sie authentisch?
Ich zweifle nicht am Film. Da ist die eine Szene, in der ein Muslim vor der Regisseurin in Tränen ausbricht. Ein starkes Zeichen. Für mich zeigt der Film, wie Jihadisten zur Tat schreiten. Was gestern anarchistisch gesinnte Terrorgruppen wie die RAF oder die Roten Brigaden waren, sind heute islamische Kämpfer. Wir reden über eine kleine Anzahl junger Männer, die bereit ist, gegen westliche Werte zu kämpfen, zu spionieren und sie zu sabotieren. Ein Phänomen, das nicht erst seit der Existenz der Terrororganisation Islamischer Staat existiert. Was im Film aber fehlt, sind die Konvertiten.

Was würde mit ihnen sichtbar?
Ein Phänomen, das man mit einem simplen Satz ausdrücken kann: Jihadismus ist keine Radikalisierung des Islam, sondern die Islamisierung Radikaler.

Im Film berichten Ex-Jihadisten, sie hätten ausgeschlossen in einer ­Parallelgesellschaft gelebt und einen regelrechten Hass auf westliche Werte entwickelt. Was hilft dagegen: Sozial- oder Integrationsprogramme?
Weder noch. Man soll das Problem nicht als Delinquenz deuten. Viel Bedeutung kommt der Schule zu. Dort müssen gemeinsame Werte vermittelt werden. Aber auch Eltern müssen sensibilisiert werden. Ein Jihadist sagt im Film etwas sehr Richtiges: «Vielleicht hätte eine Ohrfeige geholfen, mich vom Fanatismus für den Heiligen Krieg abzuhalten.»

Müssen Eltern ihre Kinder anders erziehen?
Man muss die Eltern, also die erste Generation, die als Immigranten in den Westen gelangte, in die Gesellschaft integrieren. Das ist eine gute Voraussetzung, damit sich die zweite Generation nicht radikalisiert.

Sie warnen davor, Jihadismus als Delinquenz zu behandeln. Weshalb?
Westliche Staaten wie die Schweiz und Frankreich stecken junge Menschen ins Gefängnis, die entweder die Absicht haben, in Bürgerkriegen im Irak oder in Syrien zu kämpfen, oder nach ihrem Einsatz in Bürgerkriegen zurück nach Hause kommen. Ich halte das für falsch.

Warum?
Diese jungen Kämpfer sind oft 18-jährig. Sie machen, was sie wollen, suchen nach ihrer Identität. Die Stärksten bleiben im Bürgerkrieg. Die Schwachen kehren reumütig zurück und weinen in den Betten ihrer Mütter. Es bringt doch nichts, wenn man sie ins Gefängnis steckt, womöglich radikalisieren sie sich dadurch erneut. An den Attentaten vom 13. November in Paris waren jedenfalls nur wenige Franzosen beteiligt.

Sie monieren, die Behörden würden im Antiterrorkampf versagen. Ein harter Vorwurf.
Das Vorgehen in der Antiterrorpolitik sind Diagnostik, Prognostik und Therapie. Aber schon die Diagnostik wird nicht gemacht. Vielleicht ist ja tatsächlich der Islam das Problem, vielleicht die Radikalisierung, vielleicht haben wir es auch mit jugendlichen Identitätskrisen zu tun. Das muss man untersuchen. Das Problem ist, dass westliche Staaten wie Frankreich einige Kenntnisse in der ­Gegenspionage haben, sich aber mit ­Antiterrorkonzepten nicht auskennen. Und es gibt auch keinen Austausch mit Wissenschaftlern, die Terrorismusforschung betreiben. Die Geheimdienste interessieren sich nicht für ihre Arbeit.

Warum sollten sie?
Wir haben es heute nicht mehr mit einem nationalen, sondern mit einem kulturell geprägten, hybriden, internationalen Terrorismus zu tun. Heute haben die Geheimdienste nicht einmal eine Ahnung davon, wer Terroristen sind. Diese Leute können ja schon bei Arbeitskonflikten auffallen. Was wir ebenfalls wissen: 90 Prozent der geplanten Attentate finden gar nicht statt. Die Geheimdienste müssten neue Analysten suchen, die Kenntnisse über hybriden Terrorismus haben. Aber das passiert nicht, weil die älteren Geheimdienstler die neuen hassen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.03.2016, 19:57 Uhr)

Alain Bauer

Der Professor für Kriminologie am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris ist auch Senior Research Fellow am New Yorker John Jay College für Strafjustiz.

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