Kultur

Entgleiste Protagonisten

Von Florian Keller. Aktualisiert am 17.02.2010

Ein depressiver Komiker, ein invalides Sexmonster und ein sanftmütiger Mörder: Seltsame Helden im Wettbewerb der Berlinale.

Ausdrucksloser Triebtäter, der seine Sucht befriedigt: Andreas Lust als «Der Räuber».

Ausdrucksloser Triebtäter, der seine Sucht befriedigt: Andreas Lust als «Der Räuber».

Die hämische Bemerkung stammt aus dem Film «Night Moves». Ein Film von Eric Rohmer, sagt Gene Hackman da, das sei ungefähr so aufregend, als würde man Farbe beim Trocknen zuschauen. So gesehen, wäre der New Yorker Noah Baumbach ein bekennender Fan von trocknender Farbe. Baumbach, ein grosser Verehrer von Rohmer, bestückt seine unscheinbaren, genau beobachteten Beziehungsstudien gerne mit Superstars wie Nicole Kidman oder Jack Black, die er gegen den Strich besetzt. Die Frage nach dem Reiz von trocknender Farbe lässt er im Gespräch selbstironisch ins Leere laufen: «Bei meinen Filmen», sagt Baumbach, «ist es hoffentlich mehr so, als würde man dem Gras beim Wachsen zusehen.»

Dazu muss man sagen: Die Vorstellung, das Gras wachsen zu sehen, klingt in diesen Tagen in Berlin geradezu verlockend. Das wäre was, ein bisschen Grün anstelle dieser faustdicken Eisschicht unter bräunlichem Matsch, die aus jedem Gang zum Kino eine Rutschpartie macht!

Verletzlich, neurotisch

Umgekehrt ergeht es Ben Stiller in «Greenberg», Baumbachs neuem Film. Der Komiker, sonst nicht gerade bekannt als Garant für schauspielerische Nuancen, schlurft hier durch die Szenen wie ein Clown, dem man seine Gags gestohlen hat. So verletzlich und neurotisch hat man Stiller lange nicht mehr gesehen. Greenberg, so heisst er hier, kommt gerade aus der Nervenklinik und hat sich fest vorgenommen, für eine Weile nichts zu tun. Ein Film über einen traurigen Helden des Nichtstuns: Das ist mal eine Herausforderung für einen Regisseur!

Doch Baumbach, so hat man den Eindruck, hat sich dabei vom Gemütszustand seines Titelhelden anstecken lassen. «Greenberg» ist das Porträt eines Mannes in einem Vakuum: Seine einstigen Lebensentwürfe hat er längst begraben, für einen neuen fehlt ihm der Mut. Der Film ist gespickt mit feinen Beobachtungen, aber er ist von derselben postdepressiven Schläfrigkeit befallen, die auch seine Figuren lähmt. Gelegentlich, nur viel zu selten, hat Greenbergs pharmazeutisch regulierte Indifferenz auch ihre komischen Seiten. Da brauchts nur eine junge Frau, einen unbeholfenen Kuss, und schon vergräbt er sein Gesicht in ihrem Schamhaar.

Ungemütliche Sexszenen

Die Geschichte des diesjährigen Wettbewerbs könnte man schon jetzt als kleine Chronik der ungemütlichen Sexszenen erzählen. Im japanischen Film «Caterpillar» von Koji Wakamatsu kommt ein Soldat von der Front nach Hause, bekränzt zwar mit kaiserlichen Orden, aber was von ihm übrig blieb aus der Schlacht, ist nur noch ein Bündel Fleisch. Der Mann ist ein Torso ohne Arme und Beine, nur sein fünftes Glied ist noch intakt. Und das ist offenbar alles, was ihn noch am Leben erhält, denn der verstümmelte Kriegsheld entpuppt sich als unersättliches Sexmonster. Die Ehefrau, die sich aufopferungsvoll um ihren Helden kümmert, gibt sich ihm hin, immer und immer wieder. «Caterpillar» ist ein unbarmherziges Drama über die Wunden, die der Krieg reisst, ausweglos auch in der täglichen Routine einer Ehe, die nur noch aus Füttern und Ficken besteht – aber mit der Zeit erschöpft sich das doch in seiner Drastik.

Fischkuchen als Währung für Sex, das gabs dann bei den Norwegern, und man wusste gar nicht recht, was nun weniger appetitlich war: das Essen oder der Sex. Der Film heisst «A Somewhat Gentle Man», und der irgendwie sanftmütige Mann, das ist Stellan Skarsgård, der als verurteilter Mörder gerade aus der Haft entlassen wird und draussen eine alte Rechnung begleichen soll. Doch bis es dazu kommt, muss er immer wieder seine gammlige Wirtin befriedigen. Das ist wieder so ein umwerfender Blues aus der skandinavischen Provinz: Regisseur Hans Petter Moland paart die Coolness der Coens mit der zärtlichen Lakonie eines Kaurismäki, und in seinem skurrilen Humor war das der perfekte Film gegen den drohenden Festivalkater. Aber ein Goldener Bär wird damit kaum zu gewinnen sein.

Ein Wunderkind läuft seinem Erfolg nach

Und man fragt sich allmählich: Wie kommt es eigentlich, dass bald jeder zweite Film im Wettbewerb damit beginnt, dass ein Mann aus einer Anstalt entlassen wird? Lernt man das heute im Drehbuchkurs, dass das ein guter Auftakt ist für einen Film? Leuchtet ja auch ein: Der Weg zurück in die Normalität, der schwelende Konflikt zwischen dem Versuch eines Neuanfangs und der Versuchung eines Rückfalls, da steckt immer ein grosses dramatisches Potenzial drin. Man kann es aber auch glatt verschenken, wie das dem Dänen Thomas Vinterberg passiert. Das einstige Wunderkind der Dogma-Bewegung, das nun seit über zehn Jahren seinem frühen Erfolg mit «Festen» hinterherläuft, entlässt in seinem neuen Film «Submarino» ebenfalls einen Häftling in die Freiheit – aber dort wartet bloss eine Spirale des Elends, an der Vinterberg so penetrant weiterschraubt, bis man sich entnervt ausklinkt.

Ganz anders der deutsche Regisseur Benjamin Heisenberg, den man für seinen Film «Der Räuber» durchaus zu den Anwärtern auf einen Preis rechnen darf. Es ist die packende Charakterstudie eines Mannes, der als gehetztes Tier seine Erfüllung sucht. Im Gefängnishof rennt er noch als Dauerläufer im Kreis herum, draussen in der Freiheit spielt er seine Fitness in zwei unterschiedlichen Disziplinen aus: Beim Wiener Marathon läuft er als unbekannter Teilnehmer gleich Landesrekord, in der Hauptbeschäftigung raubt er reihenweise Banken aus. Andreas Lust spielt diesen Räuber als ausdruckslosen Triebtäter, der nur seinem inneren Motor gehorcht. Das viele Geld, das er erbeutet, ist ihm völlig egal, es geht ihm einzig um die Befriedigung seiner Sucht. Es ist die rückhaltlose Sucht nach Bewegung. Die Farbe trocknet anderswo. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2010, 11:02 Uhr

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