Ersatzfamilie der besonderen Art
Von Florian Keller. Aktualisiert am 23.02.2012
Aber es ist nicht so wie im Buch! Da sitzen wir brav im Kino, wie wir das gelernt haben als Erwachsene, aber dann meldet sich doch das störrische Kind, das immer noch in uns steckt und das zu brüllen anfängt, wenn es einmal nicht bekommt, was es will. Weil in diesem Film zum Beispiel keine Bäume bei Max im Zimmer wachsen. Im Buch ist das anders!
Es ist aber auch das wunderbarste Bild in Maurice Sendaks schaurig schöner Bildergeschichte «Wo die wilden Kerle wohnen» von 1963. Da wird der böse Bub Max ohne Znacht ins Bett geschickt, und wie der Trotzkopf in seinem Wolfspelz durchs Zimmer tigert, beginnt buchstäblich seine und unsere Fantasie zu wuchern, denn siehe da, in seinen vier Wänden wächst ein Wald. Und der wächst. Und wächst. Und wächst. Und ausgerechnet auf diesen magischen Moment wartet man vergebens im Film von Spike Jonze.
Kein glattes Fantasy-Märchen
Für die eine oder andere leise Frustration sollte man schon gewappnet sein bei einem so heiss geliebten Buch, das quer durch die Generationen in Millionen von Kinderstuben zum Inventar gehörte. Aber auf den zweiten Blick ist man dem Regisseur unendlich dankbar. Der Zauber von Sendaks Bildern bleibt hier unversehrt, weil der Film diesen Zauber nicht einfach zu kopieren versucht. Spike Jonze lässt keine Bäume wachsen, dafür findet er eine prosaischere, aber nicht weniger fantastische Passage. Er bahnt seinem Max (Max Records) einen eigenen Weg ins Land der wilden Kerle, und er hat dafür keine angeberischen Spezialeffekte nötig.
Nicht auszudenken, was daraus für ein Film geworden wäre, wenn man auf Sendaks Bilderbuch einen Feldherrn für digitale Effekte angesetzt hätte, der vor lauter Software den Unterschied zwischen «Fantasie» und «Fantasy» nicht mehr buchstabieren könnte. Die Entwarnung ist hier angebracht: Das Kino hat die widerborstige Fantasie des Buches nicht zum glatten Fantasy-Märchen frisiert.
Vorurteile werden nicht bestätigt
Dabei scheint der Film auf dem Papier sämtliche Vorurteile zu bestätigen, die man gegenüber der Traumfabrik mit ihrem kommerziellen Wiederverwertungszwang hegt. Der Reflex ist alt, aber immer noch gut eingespielt: Müssen die in Hollywood wirklich auch noch eines unserer liebsten Bilderbücher, das in der deutschen Ausgabe keine zwanzig Sätze lang ist, zum abendfüllenden Entertainment auswalzen? Doch der vorauseilende Protest zielt in diesem Fall daneben, denn «Where the Wild Things Are» ist auch ein Produkt von aussergewöhnlichem künstlerischem Wagemut. Das geht eben auch nur in Hollywood: Wo sonst findet man ein grosses Studio, das einem begnadeten Kindskopf gegen 100 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, damit er einen Film über eine Horde zottiger Fabelwesen dreht, in dem eigentlich nichts passiert? Das grenzt schon an schiere ökonomische Unvernunft.
Auf der Teppichetage von Warner, so wird kolportiert, war man gleichwohl einigermassen entgeistert über das Ergebnis. Und man fragt sich: Was haben die sich nur dabei gedacht? Hat denn ernsthaft jemand erwartet, dass der Regisseur von Filmen wie «Being John Malkovich» die wilden Kerle zum Kuschelzoo fürs Kino gruppieren würde? «Es war, als habe sich das Studio auf einen Jungen gefreut, und jetzt habe ich stattdessen ein Mädchen zur Welt gebracht», hat Spike Jonze seine Kämpfe mit Warner in der «New York Times» umschrieben. Das Mädchen, das er geboren hat, müssen wir uns als eigenbrötlerisches Kind mit einem Hang zur Melancholie vorstellen.
Drama über ein Scheidungskind
Nein, «Where the Wild Things Are» ist gewiss kein flauschiger Kinderfilm geworden. Aber Spike Jonze hat die Geschichte auch nicht zu einem furchterregenden Albtraum verdunkelt. Wenn sein Film womöglich trotzdem eher den Grossen zu Herzen geht als den Kleinen, dann deshalb, weil er mehr von Wehmut erzählt als von kindlichem Trotz und der Lust am Krach. Wie heisst es einmal im Film: «Das Glück ist nicht immer der beste Weg, um glücklich zu sein.» Für solche Sätze ist der Schriftsteller Dave Eggers verantwortlich, der Sendaks Bildergeschichte für den Film zum Drehbuch ausgebaut hat. Die zeitlose Mär vom ungezogenen Bengel hat er dabei zu einem Drama über ein Scheidungskind mit Mutterkomplex umgestaltet.
Der verlängerte Prolog skizziert in wenigen Szenen eine bodenlose Einsamkeit. Als die Mutter (Catherine Keener) ihren Freund nach Hause bringt, brennen bei unserem Max die Sicherungen durch. Da klettert er in seinem Wolfspelz auf den Küchentisch und brüllt wie ein kleiner Despot: «Füttere mich, Weib!» Es ist der einzige Moment, wo der Film monströser ist als das Buch. Max träumt sich dann auf die Insel der wilden Kerle, die ihn zu ihrem König krönen. Anfangs ist es noch warm und wollig im Schoss dieser zottigen Ersatzfamilie, aber bald muss sich Max auch hier mit allzumenschlichen Querelen herumschlagen.
Ersatzfamilie aus brummigen Neurotikern
Die Ungeheuer, die im Film über diese unwirkliche Insel stapfen, sind kolossale Komplexhaufen, und das digital bearbeitete Mienenspiel, das jedem von ihnen eine eigene Persönlichkeit verleiht, ist grandios. Gebaut von Jim Hensons Creature Shop («The Muppet Show»), wirken die Geschöpfe im Film mehr wie eine melancholische Kommune: Diese Monster fletschen keine Zähne, mit ihren fürchterlichen Krallen ritzen sie bloss Baumrinden, in ihren grossen Augen wohnt mehr Trauer als Bosheit. Und mittendrin, das ist doch – genau, die Stimme von Tony Soprano! Der sensibelste Koloss unter den Kerlen wird gesprochen von James Gandolfini, dem Paten der «Sopranos». Spike Jonze hat die wilden Kerle zu einer Ersatzfamilie aus lauter brummigen Neurotikern gezähmt.
Bei diesen Freaks scheint selbst der sinnlose Radau stets mit einer leisen Melancholie bestäubt. Das ist deshalb erstaunlich, weil sich der Hipster Jonze ja sonst bestens auskennt auf dem Spielplatz der ungezogenen Jungs: Dem widerspenstigen Geist des Maurice Sendak war er womöglich nirgends näher denn als Schöpfer von «Jackass», der fröhlich obszönen MTV-Serie mit den erwachsenen Lausbuben um Johnny Knoxville.
Wie nicht von dieser Welt
Echos auf diesen anarchischen Witz findet man nur selten in «Where the Wild Things Are». Dieser Film ist manchmal wunderbar albern, öfter tieftraurig und überhaupt von einer Schönheit, die nicht von dieser Welt ist. Ob Spike Jonze damit vor dem strengen Blick der Kinder bestehen wird, können wir nicht sagen. Aber für Erwachsene hat er einen filmischen Traum über das Glück und die Qualen der Kindheit gemacht, der so aufrichtig und wahrhaftig ist, wie man sich das nur wünschen kann.
Where the Wild Things Are (USA 2009). 101 Minuten. Regie: Spike Jonze. Mit Max Records, Catherine Keener und den Stimmen von James Gandolfini, Chris Cooper, Forest Whitaker u. a. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.02.2012, 07:31 Uhr
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