«Fassbinder erkannte Dinge in mir, von denen ich keine Ahnung hatte»
Artikel zum Thema
Wir unterhalten uns hier in Freiburg am Rande des Filmfestivals. Sie sind Jury-Mitglied. Gibt es schon Filme, die Sie im Wettbewerb beeindruckt haben?
Ja, beeindruckt hat mich etwa der mexikanische Film «Norteado» über einen jungen Mann, der vom Eldorado Amerika träumt und die schwer bewachte Grenze überschreiten will. Für die Hauptfigur ist dies nicht nur ein Leidensweg, sie gerät auch in Situationen, in denen sie menschliche Solidarität erfährt.
Ihre Leidenschaft für Lateinamerika ist bekannt. Wie kam es dazu?
Ich war Anfang der Neunzigerjahre monatelang auf Kuba und habe dort Spanisch gelernt. Kaum auf Kuba, wurde ich auch gleich nach Argentinien weiterverwiesen zu José Luis Borges, von dem ich dann begeistert Gedichte las. Und diese Lektüre führte später auch zu einem Chansonprogramm.
In Freiburg wurde im Rahmen des Festivals Ihr Regiedebüt gezeigt, das Porträt der kubanischen Schauspielerin Alicia Bustamante, einer engen Freundin von Ihnen, mit der Sie in Paris zusammenleben...
...wenn Sie Regiedebüt sagen, stimmt das nicht ganz. Ich habe vorher schon einige Kurzfilme gedreht. Das geht teilweise noch zurück auf Material von Fassbinder, der ein Projekt über eine schizophrene Künstlerin verfolgte. Es gibt auch eine filmische Reflexion von mir über das Holocaust-Memorial in Berlin.
Der Film ist eine Liebeserklärung an Ihre charismatische Lebenspartnerin. Wie haben Sie sie kennen gelernt?
Das war 1991 in Havanna. Wir spielten beide in einer Telenovela, die Gabriel García Márquez zusammen mit Filmstudenten konzipiert hatte. Er war damals Direktor der staatlichen Filmschule.
Kannten Sie Alicia Bustamante vorher?
Nein. Ich hatte keine Ahnung, dass sie in Kuba eine sehr bekannte Schauspielerin ist, eine lebende Legende. Als ich dann erlebte, wie ihr auf der Strasse die Leute nachgelaufen sind, dämmerte mir langsam, was für einen Stellenwert sie auf der Insel hat.
Gehören Sie zu den kompromisslosen Verteidigerinnen der Kubanischen Revolution?
Ich habe natürlich keine rosa Tourismusbrille aufgesetzt, ergreife aber nicht so heftig Partei wie Alicia. Sie ist keine Exilantin, sondern hat als junge Frau aktiv die Revolution mitgemacht. Später wurde sie Opfer von Säuberungen und als «Mikrofraktionärin» eine Zeitlang vom Theater ausgeschlossen. Sie ist eben eine Freidenkerin und alles andere als linientreu.
In den letzten Jahren wurden Sie mehrfach ausgezeichnet: Ehrenpreis für Filmkunst 2005, Hessischer Ehrenpreis für das Lebenswerk, Europäischer Schauspielpreis 2009. Stehen die Trophäen alle auf dem Kamin?
Nein, wo denken Sie hin? Das wäre mir zu museal.
Sie gaben kürzlich in einem Interview bekannt: «Ich habe keine Lust, immer nur für Vergangenes dazustehen...»
...ja, das finde ich unerträglich, und ich wehre mich dagegen, so gut ich kann. Aber Sie spielen sicher auf Rainer Werner Fassbinder an.
Genau. Die Begegnung mit ihm war für Ihr Leben wohl ähnlich folgenreich wie die mit Alicia Bustamante.
Ich will das nicht vergleichen. Aber es ist klar: Mit Rainer Werner Fassbinder sind meine künstlerischen Anfänge verbunden, der grosse Schub ist damals mit ihm Ende der Sechzigerjahre passiert. Ohne Fassbinder wäre ich nie beim Film gelandet.
In Berlin haben Sie im Februar den Goldenen Bären für Ihr Lebenswerk erhalten. Ist es nicht mühsam, in Interviews dauernd über die eigene Vergangenheit und über Fassbinder reden zu müssen?
Ich verdanke ihm doch so viel. Ich habe in zwanzig seiner Filme mitgewirkt. Natürlich will ich jede Gelegenheit nutzen, um auf ihn hinzuweisen und sein Werk lebendig zu erhalten. Um es nicht zur lästigen Pflichtübung werden zu lassen, rede ich manchmal mit ihm: «Schau Rainer, jetzt rede ich über dich.» Wer heute Film studiert, kommt wohl nicht um ihn und sein Werk herum.
Was ist Fassbinders bleibendes Verdienst?
Kein anderer Regisseur des Neuen Deutschen Films hat in den Siebzigerjahren die Verdrängung der Zeit des Dritten Reichs und das unterschwellige Fortleben des Nationalsozialismus in der BRD so genau auf die Leinwand gebracht wie Fassbinder. Ich will jetzt nicht das schreckliche Wort «Vergangenheitsbewältigung» in den Mund nehmen, aber seine Filme waren für Deutschland notwendig. Und sie waren auch für mich wichtig. Meine Generation konnte und wollte nicht unbelastet mit unserem Deutschsein umgehen.
Man hat oft vom Schygulla-Effekt gesprochen, dieser somnambul-lasziven Aura.
Hm, was soll ich dazu sagen? Er hat diesen Wesenszug, die mir eigene Langsamkeit, sicher sehr bewusst und klug genutzt und mir so teilweise Einblicke in mein Inneres gezeigt, die ich gar nicht so mochte. Er erkannte Dinge in mir, von denen ich vorher keine Ahnung hatte.
Sie leben seit 30 Jahren in Paris. In dieser Stadt lebten und starben auch Marlene Dietrich und Romy Schneider, zwei andere deutsche Kinostars, die Distanz hielten zu Deutschland.
(lacht) Ich habe nicht vor, in dieser Beziehung ein weiteres tragisches Kapitel zu schreiben. Ich liebe Paris, seit ich mit 19 wegen der Lieder von Edith Piaf als Au-Pair zum ersten Mal dort war. Und mir ist wichtig, dass ich geerdet bleibe, darum nenne ich mich auch einen Anti-Star.
Das klingt etwas kokett...
...ist es aber nicht. Ich unterscheide zwischen einem normalen Leben mit einem unspektakulären Alltag und den Auftritten als Sängerin und Schauspielerin. Zu Deutschland habe ich jedoch kein gespanntes Verhältnis mehr. Immer wenn ich in Berlin bin, sind einige Stunden für Wohnungsbesichtigungen reserviert. Ich könnte mir durchaus vorstellen, wieder nach Deutschland zu ziehen, nach Berlin etwa. Diese Stadt mag ich für ihre jugendliche Energie.
Mit Hanna Schygulla sprach Alexander Sury
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.03.2010, 04:00 Uhr




