Filme ohne Gewissen
Von Florian Keller, Berlin. Aktualisiert am 20.02.2010
«Jud Süss» wirft einen Blick hinter die Kulissen der Nazi-Propaganda.
Schöne Hure: Jessica Alba.
Berlin friert nicht mehr. Die Eiszeit ist vorbei, pünktlich zum Abschluss der Berlinale herrscht draussen Tauwetter, aber im Kino ist einem auch in diesen letzten Tagen nicht so richtig warm geworden. Dagegen konnte die texanische Hitze, die in Michael Winterbottoms «The Killer Inside Me» herrscht, nichts ausrichten.
Der mörderische Roman, auf dem der Film beruht, wurde von Stanley Kubrick einst geadelt, aber vom bestechenden Psychogramm eines Verbrechers ist bei Winterbottom nichts mehr zu spüren. Casey Affleck nuschelt sich als junger Sheriff mit Unschuldsmiene durch diesen Film, der nur drei Register kennt: das müde Geschwätz, das nostalgische Gedudel auf dem Soundtrack und die Gewalt gegen Frauen. Die dürfen hier froh sein, wenn ihnen bloss der Hintern versohlt wird, denn der Sheriff ist nebenbei ein brutaler Mörder. Er richtet Jessica Alba als schöne Hure mit den Fäusten so brutal zu, bis ihr Gesicht nur noch eine klaffende Wunde ist.
Bleibtreu tut, was er kann
Vor dem gewissenlosen Mörder hatte schon ein «Film ohne Gewissen» sein Unwesen getrieben. Das ist der Untertitel, den der Regisseur Oskar Roehler ausgesucht hat, damit wir seinen «Jud Süss» nicht mit dem gleichnamigen antisemitischen Machwerk von Nazi-Regisseur Veit Harlan verwechseln. In erlesenen Dekors erzählt Roehler von der Entstehung des «Jud Süss» (1940), vor allem aber von Hauptdarsteller Ferdinand Marian, der von Goebbels persönlich für die Titelrolle auserkoren wurde und Jahre später daran zerbrach. Aber taugt der Mann wirklich zum tragischen Helden, als den ihn Roehler auf der Leinwand nun rehabilitiert?
Der eitle Casanova, brillant gespielt von Tobias Moretti («Kommissar Rex»), will die Rolle vor allem deshalb ausschlagen, weil er sich um seine Karriere sorgt. Roehler geht es um die Verführbarkeit der Künstler, die sich in den Salons der Nazis bewegten. Aber ein Film über das Kino als Instrument der Verführung muss selbst auf der Höhe des Mediums sein. Bei einem Regisseur mit dem cineastischen Bewusstsein eines Tarantino hätte dieser Blick hinter die Kulissen der filmischen Propaganda erhellend oder wenigstens provokativ sein können. Bei Roehler geht beides schon deshalb schief, weil Goebbels von Moritz Bleibtreu gespielt wird. Der tut, was er kann, und weil das nicht viel ist, spielt er den Propagandaminister als prolligen Mafioso.
Männer in der Krise
Nicht zu vergessen die historischen Freiheiten, die Roehler sich leistet. Marian, im wirklichen Leben mit einer Katholikin verheiratet, hat hier eine Halbjüdin als Frau, und im Gartenhaus versteckt er einen jüdischen Kollegen vor den Nazis. Das denken sich Drehbuchautoren so aus, wenn sie das Dilemma ihres Helden steigern wollen. In der wirklichen Welt heisst das: Geschichtsklitterung. Eine bizarre Gastrolle geniesst Gudrun Landgrebe als lüsterne Offiziersgattin. Die greift sich den Star, damit er es ihr besorgt wie der Jude im Film, und zwar bei bester Aussicht auf den Luftangriff auf Berlin. Grotesk? Ja, aber da ist der Film wenigstens aufrichtig geschmacklos.
Und der Goldene Bär? Der kann eigentlich nur einen Verlegenheitssieger finden in diesem Wettbewerb, der ganz im Zeichen der traurigen Männer stand. Sie rannten im Kreis und ins eigene Verderben, sie führten ihr Selbstmitleid spazieren und torkelten durchs alltägliche Elend, sie waren einsame Jäger und Getriebene, manchmal beides zugleich, aber immer schauten sie so ernst und gequält, als trügen sie die Last der Welt auf den Schultern.
Wenn uns das globale Autorenkino in Berlin eine Botschaft mitgeben wollte, dann muss das wohl diese gewesen sein: Der Mann an und für sich steckt in der Krise. Man wollte schon eine Vermisstmeldung aufgeben: Wo sind nur die Frauen abgeblieben? Gehts denen so gut, dass man gar nichts über sie zu erzählen wüsste? Oder schaffen sie es einfach nicht ins Kino mit ihren Krisen? Die letzten Tage zeigten Entwarnung an. Es gibt sie noch, die Filme von und über Frauen – auch wenn man gerne verzichtet hätte auf die schläfrige Etüde über eine argentinische Hausfrau, die ihre Passion für Puzzles entdeckt.
Ganz erfrischend war dagegen Lisa Cholodenkos Komödie «The Kids Are Alright». Da ringen Annette Bening und Julianne Moore mit den Abnützungserscheinungen ihrer Langzeitliebe, und dann schleppen ihre beiden fast erwachsenen Kinder auch noch ihren anonymen Samenspender nach Hause. Ein munterer, sehr kalifornischer Familienfilm ist das, mit zwei ganz uneitlen Stars, die als lesbisches Traumpaar ein fabelhaft komödiantisches Doppel abgeben.
Junge Liebe in Sarajevo
Nachhaltiger wirkten dann die zwischenmenschlichen Störungen, denen die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic in ihrem neuen Film «Na putu» nachspürt. Vor vier Jahren für ihren Erstling «Grbavica» gleich mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, skizziert sie nun eine stürmische junge Liebe in Sarajevo. Bald zeigen sich erste Risse, als der Mann wegen Alkohol am Arbeitsplatz seinen Job verliert. Ein alter Kamerad aus dem Krieg führt ihn bei seinen wahhabitischen Glaubensbrüdern ein, wo der Trinker einen Job und seinen inneren Frieden findet. Dank Allah schläft er wieder wie ein Baby – aber die Frau, die erkennt ihren Liebsten kaum wieder.
Das klingt sehr schematisch und ist es auch. «Na putu» ist ein Beziehungsdrama in scharfen Kontrasten: In der Disco ist das Leben laut und ungezwungen, im Zeltlager bei den Burkas und den Bärten herrscht züchtiger Frieden.
Da hört man manchmal das Papier rascheln von einem Drehbuch, das sehr gewissenhaft darauf aus ist, den Konflikt dieses Paares jenseits der gängigen Vorurteile durchzuspielen. Pädagogisch wertvolles Kino für diskussionsfreudige Schulklassen? Sicher. Aber man hätte sich mehr solche Filme gewünscht, die so unmittelbar an der Gegenwart andocken und den Fragen, die sie aufwerfen, auch erzählerisch gewachsen sind.
Gelungener Film aus Zürich
Der andere Wettbewerbsfilm, der zwischen Disco und Koran spielt, knickte jedenfalls kläglich ein unter der Last seiner Themen. «Shahada», der Abschlussfilm des jungen Deutschen Burhan Qurbani, beginnt mit einer illegalen Abtreibung in einer Berliner Disco. Die Schwangere ist die Tochter eines Imams, und als ihre Blutungen nicht aufhören, gleitet sie in einen religiösen Wahn ab. Weil Burhan Qurbani dieses Einzelschicksal nicht genug war, versuchte er sein Opus zu einem Panorama über die Identitätskrisen junger Muslime in Deutschland auszubauen. Das Ergebnis ist ein Film, der von orientierungslosen Menschen erzählen will – und dabei selbst die Orientierung verliert.
Keine Anzeichen von Selbstüberschätzung sah man dagegen bei den beiden Zürcher Studenten, die an der Berlinale die Premiere ihres abendfüllenden Abschlussfilms feiern durften. In der Sektion Panorama zeigten Pascal Hofmann und Benny Jaberg ihr Porträt des Schweizer Regisseurs Daniel Schmid. Es ist eine bilderreiche, ehrfürchtige Hommage, die vielleicht etwas allzu chronologisch dem Werk dieses grossen cinematografischen Weltenbürgers entlangführt. In seinen stärksten Momenten ist dieser Film allerdings das, was sich wohl auch Daniel Schmid gewünscht hätte: eine Liebeserklärung an das Kino und die Sehnsüchte, die es weckt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.02.2010, 13:23 Uhr
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