Kultur

Geradlinig, konsequent, vom Kino besessen

Von Nina Scheu. Aktualisiert am 04.03.2009

Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, dann wird Ursula Meier am Samstag mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet. Wer ist die Regisseurin von «Home»?

Schweizer Regisseurin mit Star: Ursula Meier (links) und Isabelle Huppert.

Schweizer Regisseurin mit Star: Ursula Meier (links) und Isabelle Huppert.
Bild: Keystone

«Das Kino bedeutet mir alles», sagt Ursula Meier nach über einer Stunde und versucht damit zu entschuldigen, dass sie im Gespräch einen Moment lang die Fassung verloren hat. Dies, weil ihr Produzent Thierry Spicher sie gebeten hatte, eine Pause einzulegen und mit ihm essen zu gehen. Das war abends um acht, nachdem sie neun Stunden lang fast pausenlos mit Journalisten geredet hatte. Er solle cool bleiben, hatte die Westschweizer Regisseurin ihren Produzenten angefaucht, schliesslich diskutiere sie gerade über ihren Film; da lasse sie sich nicht gerne unterbrechen.

Der Film heisst «Home» und erzählt vom zerbrechlichen Glück einer Familie, die abgeschieden an einem nicht fertig gebauten Autobahnteilstück lebt – bis eines Tages doch die Bauarbeiter aufmarschieren. Und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird «Home» (mit der französischen Starschauspielerin Isabelle Huppert in einer Hauptrolle) am Samstag im KKL in Luzern den Schweizer Filmpreis 2009 erhalten.

Geradlinig und konsequent wie der Film wirkt auch Ursula Meier, die mit ihren 37 Jahren aussieht, als wäre sie erst gestern erwachsen geworden. Diese Frau scheint geradezu besessen von ihrer Leidenschaft fürs Kino, und sie lässt sich so leicht nicht bremsen. Erschöpft sind nach den Interviews offenbar nur die Journalisten, die einer Filmverrückten begegnet sind, die nicht nur von sich selbst absolute Aufmerksamkeit verlangt. Wer Ursula Meier nach ihrer Arbeit fragt, wird augenblicklich mit einem Stakkato druckreifer Sätze eingedeckt. Dabei sei sie als Kind eher schüchtern gewesen: «Ich hatte Mühe, die richtigen Worte zu finden, also sagte ich lieber gar nichts.»

Zuerst eine besessene Sportlerin

Das allerdings passt. Auch ihre Filme sind genau überlegte Kompositionen aus Bild und Ton, ein geradezu musikalisches Zusammenspiel, das ebenso wichtig ist wie die schrägen Geschichten, die sie erzählt. Als jüngstes von vier Kindern einer Französin und eines zum ABB-Direktor aufgestiegenen Zürcher Arbeitersohns ist Ursula Meier in Besançon geboren. «Die Geburtsstadt des Kinos!», wie sie festhält: «Von dort stammten auch die Brüder Lumière, die Erfinder des ersten Kinematografen.»

Dabei strebte sie als Jugendliche noch eine Profikarriere als Leichtathletin an. Davon zeugt ihr Fernsehfilm «Des épaules solides» (2003), produziert vom deutsch-französischen Kultursender Arte. Es ist das Porträt einer vom Sport besessenen jungen Frau, die fast zerbricht an den Forderungen, die sie an sich selbst stellt. Natürlich trage der Film autobiografische Züge, sagt Meier, die ihr Training mit derselben Ausschliesslichkeit betrieb, mit der sie heute ihre Filme verwirklicht. Doch zum Zusammenbruch sei es in ihrem Fall nicht gekommen – nicht zuletzt, weil sie mit 14 Jahren das Kino entdeckte. In Paris sah sie damals «L'Argent» von Robert Bresson und war fasziniert: «Es wäre vermessen zu behaupten, dass ich alles verstanden hatte», sagt sie, «aber ich realisierte sofort, dass das Kino über eine ganz eigene Sprache verfügt, die weit über die Fotografie und die Literatur hinausgeht.»

Von einem Tag auf den anderen brach die junge Frau ihr Leichtathletik-Training ab und stürzte sich in die Erforschung der Filmkunst. Kaum 16 Jahre alt, erfuhr sie, dass Alain Tanner in Genf an einem neuen Film arbeite. Sie beschaffte sich dessen Telefonnummer und verabredete sich mit dem Doyen des Westschweizer Autorenfilms zu einem Kaffee. Nicht zuletzt auf Tanners Rat bewarb sie sich an mehreren Filmschulen und ging dann für vier Jahre nach Brüssel, wo sie sich zur Drehbuchautorin und Regisseurin ausbilden liess. Tanner war es auch, der Ursula Meier als Assistentin bei seinen Filmen die ersten Einblicke in den praktischen Alltag am Set ermöglichte.

Nach drei preisgekrönten Kurzfilmen und «Des épaules solides» entstand vor rund fünf Jahren die Idee zu «Home». Am Anfang, erzählt Ursula Meier, war ein Bild: «Am Rande der Autobahn sass eine Familie, die keine drei Meter von der Leitplanke entfernt auf einer Wiese neben ihrem Haus frühstückte.» Diese absurde Situation verdichtete sie zum Drehbuch eines «umgekehrten Roadmovies», wie die Regisseurin ihr Werk bezeichnet: «Rund um die Familie in meinem Film bewegt sich alles. Nur die Familie selbst nähert sich allmählich dem Stillstand – bis fast zum Tod.» Höchstens unbewusst, sagt Ursula Meier, trage der Film auch autobiografische Züge. Das sagt eine Frau, die wohl tatsächlich niemals stillsteht.

«Home» läuft in Zürich weiterhin in den Kinos Arthouse Alba und Riffraff.

Die lange Nacht des Schweizer Films mit Verleihung des Schweizer Filmpreises: Sa, ab 18.30 Uhr auf SF zwei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2009, 20:06 Uhr

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