Gigantische Mücken, boxende Manager
Von Christoph Schneider, Nyon. Aktualisiert am 29.04.2009
Visions du Réel: Die Siegerfilme
Zum Abschluss der Visions du Réel wurde gestern der Kanadier Richard Brouillette mit dem Grand Prix ausgezeichnet. In seinem Siegerfilm «L'encerclement» wirft Brouillette einen kritischen Blick hinter die Fassaden des Neoliberalismus. Der Grosse Preis von Nyon ist mit 20'000 Franken dotiert.
Gleich zwei Preise gingen an den Basler Vadim Jendreyko. Sein Film «Die Frau mit den fünf Elefanten» holte den Preis der SRG und wurde überdies zum innovativsten Schweizer Film gekürt (je 10'000 Franken). Als bester Schweizer Nachwuchsfilm (10'000 Franken) wurde Sarah Derendingers «Familientreffen» ausgezeichnet. Der Publikumspreis (10'000 Franken) ging an den Marokkaner Jawad Rhalib für seinen Film «Les damnés de la mer». (TA)
Das vierzigjährige Dokumentarfilmfestival von Nyon hat sich sein Jubiläumsprogramm von seinen Freunden (und es hat viele) in 62 «Haikus des Realen» poetisch umspielen lassen. Das waren sozusagen filmische Dreizeiler über die Wirklichkeit und ihre Anschauung. Und das Feine an der Sache war, dass sich in der konzentrierten Kurzform die Idee eines Festivals 62-fach reflektierte: als Suchen und Stochern im Mysteriösen; als naturlyrisches Erlebnis oder als protokollierte Lebensprosa; als ironischer Scherz über den Zusammenstoss von Banalität und Pathos; und als eine knappe, aber wesentliche Frage an die Realität: Wer sind die anderen?
Diese Haikus also wurden in Nyon geradezu zu einem festivalessayistischen Nebenprogramm (eine DVD ist in Vorbereitung). Es verband sich mit den grossen und kleineren Wahrnehmungskompositionen im internationalen Wettbewerb und den anderen Sektionen. Ganz persönlich, in vielen Rhythmen der Interpretation, wurden da Vorschläge unterbreitet, wer die anderen seien und wo – beispielsweise – jene Bereiche, in denen das Normale in den Wahnsinn gleitet, das Leben die Todeslust fördert und individuelle Skurrilitäten Teil einer tragischen Weltgeschichte sind.
Der slowakische Regisseur Peter Kerekes etwa hat sich im Wettbewerbsbei- trag «Cooking History» die blutige Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts einmal durch die unschuldsblauen Augen von Militärköchen angeschaut, deren Stolz darin besteht, die kämpfende Truppe immer gut gefüttert zu haben. Ihre Lieblingshistörchen handelten schlimmstenfalls von einer explodierten Feldküche, und das historische Bewusstsein hat es höchstens zur Einsicht gebracht, das Leben sei, wie es sei, und jeder Soldat müsse essen.
Meister des makabren Konstrastes
Man darf Kerekes ein wahrhaft satirisches Talent nennen, sogar einen Meister des makabren Kontrastes. Seine fast spielfilmartige Inszenierung fragte nach der Verantwortung des kleinen kochenden Mannes. Das Wort «Gulaschkanone» verlor jede Harmlosigkeit. Aus Mehl wurde der Schnee des deutsch-russischen Winterkriegs. Ein Coq au vin stank plötzlich nach ausgeweideten Leichen in Algerien. Aus zehn Rezepten wurde das Leichenmahl für 60'361'024 Tote. Am Schluss stand einer in der Nordsee, kochte und erzählte, wie er einen U-Boot-Untergang überlebte. Die steigende Flut schwemmte ihm seine panierten Schnitzel weg. Es war ein schönes Bild für die Absurdität einer militärisch ausgebildeten Beharrlichkeit.
Feuilletonistisch gesehen, ist es einfach, von Kerekes' Wettbewerbsfilm zu dem des Schweizers Peter Liechti, «The Sound of Insects – Record of a Mummy», überzuleiten. Es wurde darin nämlich gar nicht mehr gegessen; und der filmmelodiöse Unterschied konnte nicht grösser sein, obwohl auch Liechti an der Grenze zur Fiktion kratzte (seine Geschichte ist in Japan tatsächlich geschehen und dann Roman geworden).
Grausiger Mumienfund
Ein Mann hatte sich da in einen Wald zurückgezogen und sich wegen seiner in eigener Instanz erwiesenen existenziellen Sinnlosigkeit zum Hungertod verurteilt. Man fand seine vom Reif überzogene Mumie und sein Tagebuch. Es hielt ein langes Verhungern fest, und «The Sound of Insects» visualisierte nun diese dokumentierte Konsequenz, Qual und Entrücktheit eines Absterbens: Winzige Mücken waren plötzlich riesige Jenseitsboten, und die Natur, die nichts für menschliche Projektionen konnte, wurde Halluzination. Bei aller Künstlichkeit mancher Bildassoziationen hatte dieser Film eine ungemeine dokumentarische Glaubwürdigkeit.
Zu reden wäre auch von «Traders» des Romands Jean-Stéphane Bron («Mais im Bundeshuus»), wo sich verzweifelte amerikanische Börsenhändler in der Finanzkrise als Amateurboxer und Metaphern ihres eigenen Ehrgeizes betätigten. Oder von der Langzeitbeobachtung «Mental» des Japaners Kazuhiro Soda, die geduldig und Geduld fordernd von psychisch angeschlagenen Menschen berichtete.
Seide ist wie frischer Schnee
Die eigenen Favoriten wären damit benannt; die Jury der Competition Internationale hat gestern entschieden. Und da war dann noch «Die Frau mit den 5 Elefanten», Vadim Jendreykos subtiles Porträt der Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier – auch das eine der beeindruckenden Schweizer Produktionen. Die 86-jährige Frau Geier übersetzt Literatur, wie sie ihre Tischtücher aus alter Seide bügelt: mit Respekt vor dem Verlauf der Fäden. So ein richtig gebügeltes Stück Seide, sagte sie im Film, sei wie frisch gefallener Schnee, durch den man zum ersten Mal gehe. Von ihr könnte mancher Dokumentarfilmer in seiner Beziehung zum Realen noch einiges lernen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.04.2009, 23:28 Uhr
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