Gitanes, Whiskey und immer eine Hand am Hosenladen
Infobox
Gainsbourg (vie héroïque) (F 2009). 130 Minuten. Regie: Joann Sfar. Mit Eric Elmosnino, Laetitia Casta, Kacey Mottet Klein, Anna Mouglalis u.a. Ab Donnerstag in Zürich im Kino Arthouse Le Paris.
Am Ende des Konzertes, nach zweieinhalb Stunden voller Intensivstationen, stand er vor seinem delirierenden Publikum im Lausanner Palais de Beaulieu. Das war 1988, drei Jahre vor seinem Tod. Und die Menge wollte noch mehr, verlangte nach dem letzten Tatbeweis von einem, der nackt durchs Leben gegangen war: «A poil! A poil!», skandierten sie, zieh dich aus. Und Serge Gainsbourg nestelte andeutungsweise an seinem Hosenladen herum. Stellte sich da einer vor allen bloss, oder bekam er die Quittung für seine angetrunkenen Provokationen?
Vermutlich stimmt beides. Weil sich dahinter derselbe Schmerz verbarg, eine Verletzlichkeit, die oft in Selbsthass umschlug und vom lebenslangen Eindruck der Hässlichkeit begleitet wurde, die er einmal als «L’Homme à tête de chou» besungen hat, der Mann mit dem Kohlgesicht. Serge Gainsbourg gab den Perversen und Provokateur, ein Millionär, der als unrasierter Penner durch Paris wankte und die Franzosen am Fernsehen schockierend unterhielt. Aber er enthüllte sich nur, um sich zu verbergen. «Letztlich bin ich der schmale, schüchterne und verschlossene Bub geblieben, der ich war», sagte er einmal.
«Just a jewish boy, baby»
Das sagte er auch als Jude, der als Kind die deutsche Okkupation erlebt und überlebt hatte. «I’m just a Russian jewish boy, baby», hatte er an der Pressekonferenz vor dem Lausanner Konzert gemurmelt und einen dabei mit seinen Tieraugen angesehen, die immer traurig dreinschauten, egal welche Laune ihn gerade befiel. Seine Eltern waren vor den Pogromen der Russen von Odessa über Istanbul und Marseille nach Paris geflohen. Der Vater war Barpianist, der seinen Sohn früh am Klavier drillte, die Mutter Krankenschwester und Sängerin mit einem schönen Sopran. Als die Nationalsozialisten Paris besetzten und den Judenstern einführten, stand der kleine Lucien Ginsburg als Erster an, denn er wollte den Stern tragen wie ein Sheriff. «Ich wurde unter einem guten Stern geboren», sang er später: «Er war gelb.»
Bevor die Deutschen die Ginsburgs und ihre drei Kinder deportieren konnten, flohen diese aufs Land und legten sich den unauffälligen Namen Guimbard zu. Als die Résistance ihre Angriffe auf die Besatzer verstärkte, umstellte die Waffen-SS das Nachbardorf Oradoursur-Glane und massakrierte die Bevölkerung. Es hätte genauso gut den Ort nebenan treffen können. Die Mutter von Lucien (so sein Geburtsname) hatte ihn abtreiben wollen, sein kleiner Bruder starb mit sieben Monaten. Den Nazis entkommen zu sein, empfand Gainsbourg als sein drittes Überleben.
Die wahren Lügen
Diese frühen Jahre nehmen im Spielfilm «Gainsbourg (vie héroïque)» einen wichtigen Platz ein, und sie sind Regisseur Joann Sfar auch am besten gelungen. Er habe die Lügen von Gainsbourg über sich selber verfilmen wollen, sagt er zu seinem Drehbuch. Das passt zu einem Menschen, der so lange eine Maske aufhatte, bis sie sich ihm, wie er sagte, ins Gesicht gefressen hatte. «Gainsbarre» nannte er diese Rolle, hinter der er sich versteckte. Regisseur Sfar stellt sie mit einer Puppe dar, die Lucien und später Serge wie einen Schatten begleitet, eine Karikatur des ewigen Juden mit Hakennase und langen, unruhigen Fingern.
Spätestens als im Film Lucien zu Serge wird und der Maler sich als Chansonnier versucht, macht der Regisseur deutlich, worum es hier wirklich geht: Das skandalöse Leben von Serge Gainsbourg als Serie von abgefilmten Anekdoten vorzuführen. Daran kann auch der Hauptdarsteller Eric Elmosnino mit seiner überragenden Präsenz nichts ändern. Er schlurft in den wechselnden Inszenierungen des Serge Gainsbourg über den virtuellen Laufsteg der schönen Frauen, die ihn begehren.
Auch sie treten im Film als blosse Accessoires auf, und ihre Leidenschaft bleibt Andeutung; immer wenn der Verführer und seine neue Schöne ineinander gleiten, schaut die Kamera prüde weg. Sfar hat nicht die wahren Lügen des Serge Gainsbourg verfilmt, sondern seinen Mythos weichgezeichnet. So bekommt man fast nichts von dem mit, was diesen Mann so interessant machte, allem voran seine eklatanten Widersprüche. Gainsbourg spielte den harten Mann, der von den Frauen als «gonzesses» und «les filles» redete. Gleichzeitig schrieb er seine zarten, sinnlichen und komischen Lieder am liebsten für sie. Er war ein Selbstentblösser, der sich aus Schüchternheit 15 Jahre lang nicht auf die Bühne wagte. Ein Unangepasster, der für alle möglichen Produkte Werbung machte. Ein Patriot schliesslich, der die «Marseillaise» reformulierte und zu lasziver Reggaebegleitung vortrug.
Raucherstimme ohne Filter
Widersprüchlich auch sein Verhältnis zum eigenen Werk. Gainsbourg hielt sein Genre für künstlerisch wertlos. Dennoch arbeitete er hart an seiner Musik, wenn er nicht gerade als Schauspieler, Fotograf, Arrangeur, Filmregisseur oder Buchautor aktiv war. Er nahm über zwanzig Platten auf, schrieb über zwei Dutzend Soundtracks und arrangierte seine Lieder immer in anderen Stilen. Zunächst als klassische Chansons, später unterlegt von Jazz, Rock, Reggae, Rap und Funk, aber auch inspiriert von klassischen Komponisten wie Chopin oder Rachmaninow.
Auch hat keiner so brutal zärtliche Texte geschrieben wie er, die in virtuosen Wortspielen das Unschuldige sagten und das Verruchte meinten. Wobei er auch in Alexandrinern oder der Sonettform dichtete und Verweise auf Baudelaire, Rimbaud, Artaud, Verlaine und Joyce in seine Lieder einbaute. Diese Texte deklamierte er dann mit einer Raucherstimme ohne Filter, einem hypnotischen Sprechgesang, lockend und drohend. Serge Gainsbourg war besessen vom oralen Text, ein Erotomane, dessen Begehren sich nur in der Sprache erfüllte. Gainsbourg, urteilte der Musiker und Freund Alain Bashung, «était le mec le plus seul du monde» – begehrt, verführt, einsam. ()
Erstellt: 21.04.2010, 08:27 Uhr
Kultur
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!





