Harry Potter und die Suche nach dem Osterei
Von Thomas Bodmer. Aktualisiert am 17.11.2010 4 Kommentare
Der Film
Harry Potter and the Deathly Hallows (USA/GB 2010). 146 Minuten. Regie: David Yates. Mit Daniel Radcliffe, Emma Watson, Alan Rickman, Ralph Fiennes u. a.
Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Abaton, ABC, Arena, Capitol und Corso.
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Neulich sass ich im Tram einem Mann gegenüber, der den zweiten Band der Harry-Potter-Saga las. Wäre er nicht so tief in sein Buch versunken gewesen, hätte der Mann den grünen Schein bemerkt, den ich vor lauter Neid verströmte: Der hat noch fünf ungelesene Bände vor sich! Ich hingegen kann diese Bücher, die mir eines der schönsten Leseerlebnisse der letzten zehn Jahre beschert hatten, nur wiederlesen – oder mir die Verfilmungen anschauen.
Jetzt also kommt die erste Hälfte von «Harry Potter and the Deathly Hallows» ins Kino. Man habe den 600-Seiten-Band in zwei Teilen verfilmen müssen, sagt Produzent David Heyman, «weil man sonst zu viele Details, die für die Auflösung der Reihe von grösster Wichtigkeit sind, hätte weglassen müssen». Da bei diesem Film ausserdem J. K. Rowling, die Autorin der Potter-Bücher, als Produzentin mitwirkte, erwartet man besonders grosse Werktreue.
Seelengefrierfächer
Äusserlich ist das auch der Fall; mit wenigen Ausnahmen folgt der Film dem Plot des Buchs: Die Anhänger von Lord Voldemort (Ralph Fiennes), die sogenannten Todesser, haben das reguläre Zauberministerium gestürzt und eine Art SS-Staat eingerichtet, in dem alle, die nicht Zauberer und Hexen reinen Geblüts sind, gefangen und gefoltert werden. Um Unsterblichkeit zu erlangen, hat Voldemort Teile seiner Seele abgespalten und in sogenannten Horcruxen aufbewahrt. Nur wenn Harry (Daniel Radcliffe) alle Seelengefrierfächer aufspüren und zerstören kann, hat er eine Chance, ihn daran zu hindern, dass er sein Reich des Schreckens über die ganze Welt ausbreitet.
Aus einem schlecht geschriebenen Buch mit einem starken Plot lässt sich ein guter Film machen, man denke nur an «Psycho», «Rosemary’s Baby» oder – da werden manche aufschreien – J. R. R. Tolkiens «The Lord of the Rings», ein Buch, ohne das Rowling ihre Potter-Bücher nie hätte schreiben können. Doch während bei Tolkien die Guten gut und die Bösen böse sind, sind bei Rowling die Figuren viel differenzierter, voller Widersprüche, können uns überraschen. Ausserdem entwickelt Rowling in ihren besten Momenten eine Intensität, wie das nur wirklich grosse Autorinnen und Autoren können: Wenn die Todesser ihre Opfer quälen, geht uns das unter die Haut; und wenn Ron sich von Harry und der von ihm heimlich geliebten Hermione trennt, weil er glaubt, die beiden hätten eine Affäre, dann tut uns das weh.
Öde Ostereiersuche
Diese Szene gibt es im Film natürlich auch, doch dort berührt sie uns nicht im Geringsten. Sogar die im Buch nun wirklich grausige Szene, in der aus einer stummen alten Frau plötzlich Voldemorts riesige Schlange kriecht, ist hier nur lächerlich. Offensichtlich wollte man die Kinder im Publikum nicht zu sehr erschrecken. Doch indem man Rowlings Geschichten verharmlost, beraubt man sie auch ihrer eigentlichen Qualitäten. Wer nur die Potter-Filme kennt, kann nicht ahnen, wie gut die Bücher sind.
Während Regisseur Peter Jackson vor zehn Jahren für seine «Lord of the Rings»-Filme Bilder und Figuren erfunden hatte, die man nicht vergisst, fällt David Yates, der schon die letzten beiden Potter-Filme gedreht hat, absolut nichts ein. «Harry Potter and the Deathly Hallows» ist eine öde Ostereiersuche in unwirtlichen Gegenden geworden. Meist sitzen der Held und seine Freunde in verschneiten Wäldern in einem Zelt herum. Dazwischen gibt es ein paar Verfolgungsjagden, wie man sie schon x-mal gesehen hat. Selten war ein Film so überflüssig wie dieser.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.11.2010, 19:51 Uhr
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4 Kommentare
ich glaube nicht dass man "herr der ringe" und "harry potter" so eins zu eins vergleichen kann, es ist aber interessant zu lesen wie Peter Jackson vor 10 jahren "bilder und figuren schuf die man nicht vergisst".. ich kann mich gut an die damaligen verrisse der herren kritiker und an die häme mit der peter jackson überschüttet wurde erinnern, warte gern auf den kritikersenf in 10 jahren... Antworten
Ich weiss nicht, ob man sich als den "grossen Harry Potter Fan" hinstellen sollte, wenn man derartiges schreibt. Jeder HP-Fan weiss, dass im 1. Teil des 7. Bandes oberflächlich nicht viel passiert, aber die Details eine sehr wichtige Rolle spielen. Ausserdem haben die HORKRUXE und auch HERMINE einen deutschen Namen! "The Lord of the Rings", ein SCHLECHTES Buch? Auch eine sehr mutige Aussage... Antworten
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