«Heimat ist ein Ort, an den wir nicht gelangen»

Mit «Die andere Heimat» kehrt der deutsche Regisseur Edgar Reitz in die Region Hunsrück zurück, wo seine TV-Serie «Heimat» entstand. Er erzählt vom Leben im 19. Jahrhundert, als die Bewohner vom Auswandern träumten.

In der Ferne muss es etwas Besseres geben als das ärmliche Leben im Dorf Schabbach, wo die Familie Simon und ihre Nachbarn gegen Natur und Tod ankämpfen. Fotos: PD

In der Ferne muss es etwas Besseres geben als das ärmliche Leben im Dorf Schabbach, wo die Familie Simon und ihre Nachbarn gegen Natur und Tod ankämpfen. Fotos: PD

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Mit Ihrer «Heimat»-Serie haben Sie lange vor «Sopranos» eine mehrteilige Geschichte im Fernsehen erzählt. Ihr neuer Film, «Die andere Heimat», ist ein vierstündiger Kinofilm. Sind Sie ein ewiger Vorreiter?
Lange Filme existieren ja seit Beginn der Filmgeschichte, denken Sie an «Greed» von Erich von Stroheim, in der Originalfassung fast acht Stunden! Die Frage ist: Welche Stoffmengen eignen sich fürs Kino? In der Literatur haben wir eine Fülle von Formen, die Lyrik arbeitet mit kleinsten Formen, die Novelle erzählt in den Dimensionen eines normalen Spielfilms. Und dann gibt es den grossen ­Roman wie «Buddenbrooks», den man nicht in kurzer Zeit vermitteln kann, weil es eine andere Dimension ist.

Versuchen das nicht gerade die neuen TV-Serien?
Die amerikanischen Serien wollen diese Dimension einfangen, aber sie sind eine industrielle Antwort, keine künstlerische. Dafür erlauben uns DVDs und Internet-Streams neue Formen des Sehens, weil wir nun selbst wählen können, wie lange wir schauen. Dadurch kommt das Filmschauen in die Nähe des Bücherlesens. Wir dürfen nie vergessen: Wer heute Filme macht, ist ein Pionier. Die Filmkunst ist jung, sie hat ihre Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft.

Heute kann man sich Ihre «Heimat»-Trilogie auf DVD anschauen. «Die andere Heimat» aber, das sind vier Stunden Kino am Stück.
Klar, aber ich glaube schon, dass der Film einen Sog erzeugt. Viele sagen: «Vier Stunden? Das tue ich mir nicht an.» Dann kommen sie heraus und sagen: «Das sollen vier Stunden gewesen sein?» Mich hat es immer interessiert, grosse Stoffe zu bearbeiten, die die Dimension eines Romans haben. Das kann ein hundertminütiger Spielfilm nicht leisten. Der erste Teil von «Heimat» dauerte sechzehn Stunden, «Die zweite Heimat» dreiundzwanzig. Gemessen daran ist «Die andere Heimat» ein Kurzfilm.

Mit dem Film kehren Sie zurück in den Hunsrück in Rheinland-Pfalz und erzählen, wie die Bewohner 1843 davon geträumt haben, nach Brasilien auszuwandern. Wie beschwört man eine Zeit herauf, in der man selbst nicht gelebt hat?
Man kann kontrollieren, ob es stimmt. Erstens im Verhältnis der Menschen zur Natur, die wir heute aus unserer touristischen Idyllik nur noch als schön empfinden. Im 19. Jahrhundert war die Natur hart, sie hatte ihren eigenen Takt und nahm keinerlei Rücksicht auf menschliche Gefühle. Da trafen zwei verschiedene Zeitmasse aufeinander. Zweitens im Umgang mit Tieren. Wer ein Pferd beschlägt, dem nützt es nichts, wenn er es eilig hat. Auch das Tier hat seine eigene Zeit, daraus haben wir viel gelernt. Wir haben ein ganzes Dorf aufgebaut und Schweine, Enten und Hühner in den Kulissen leben lassen. Die Tiere gaben den Rhythmus vor. Manchmal mussten wir warten, bis sich zwei aufgescheuchte Hühner beruhigt hatten, und sind mit der Zeit selbst ruhig geworden.

So haben Sie sich in diese andere Zeitwahrnehmung hineingefühlt?
Ja, wie in einem Selbstversuch. Allerdings standen im Hintergrund immer Leute, die nachgerechnet haben, was das alles kostet. Diese Leute können schlecht damit umgehen, wenn 50 Personen, die sehr viel Geld verdienen, warten müssen, bis sich zwei Hühner beruhigt haben. Aber allmählich haben auch sie gelernt, wie es geht, und wir haben die Lebensweise des 19. Jahrhunderts an uns selbst erfahren.

Dank der fliessenden Steadicam wirkt es, als schwebe man durch einen anderen Lebensraum, als könne man ihn sinnlich erfahren.
Das ist eine rhythmische Idee, ich wollte vom anderen Lebenstempo erzählen. Die Kamera bewegt das Auge des Zuschauers, sie bringt ihn in die gleiche Rhythmik. Als die Figur des Onkels stirbt, bewegt sich die Kamera eigenartig suchend durch dessen Haus. Da habe ich dem Operator gesagt: «Du spielst die Rolle des Todes.» Mit der Kamera kommt sozusagen der Tod ins Haus und sucht sich sein Opfer, die Kamera war wie eine beteiligte Person.

Zugleich tauchen wir in die Innenwelt von Jakob ab, dem Filmhelden und Träumer.
Richtig, Jakob ist ein Mensch, der nicht am Boden haftet. Deswegen wollten wir einen schwebenden Kamerastil. Wir haben auf Stative verzichtet, aber wir wollten auch nicht diese Wackelkamera im Dogma-Stil.

Jakob wird auch als Magier bezeichnet, und am Himmel erscheinen Zeichen. Hat er Zauberkräfte?
Die Frage ist: Was kommt zuerst, Fantasie oder Wirklichkeit? Draussen sehen Sie nur Dinge, die gemacht worden sind, selbst die Natur ist aufgeteilt in Felder und Wälder. All das war mal Fantasie, weil Menschen die Idee hatten, einen Baum zu pflanzen. Ich glaube nicht, dass zuerst die Fantasie kommt oder zuerst die Wirklichkeit, vielmehr verschwindet beides ineinander. Im Film liest Jakob in einem Buch über den Wind, und schon fegt ein Windstoss durchs Dorf. Wenn Sie sich selbst beobachten, merken Sie, dass um uns immer wieder Dinge geschehen, an die wir auch gerade denken. Als ob das, was wir denken, das ausgelöst hätte, was in Wirklichkeit geschieht. Das ist das magische Denken. Man vertauscht Ursache und Wirkung und kommt sich vor, als habe man magische Kräfte.

Will man den Welterfolg ihrer «Heimat»-Trilogie erklären, könnte man vom «Universalismus des Eigenen» sprechen. Wenn Jakob vom fernen Brasilien träumt, gibt es dann auch einen Universalismus der Sehnsucht?
Das würde ich unterschreiben. Denn wenn ich die Herzen der Menschen erreichen will, muss ich den Blick nach innen wenden. Sehnsucht ist ein subjektives Empfinden, man kann es nur in sich selbst ergründen. Dann wirkt es, als entferne man sich von den Menschen. Aber wenn man den Blick konsequent weiterverfolgt, kommt man in sich selbst irgendwann an die Stelle, an der man wieder verstanden wird. Man entdeckt Gründe, die nicht mehr subjektiv sind, sondern geboren aus gesellschaftlichen Konstellationen. Dieses Gefühl wollte ich mit «Die andere Heimat» aufspüren.

Mit der anderen Heimat ist im Film natürlich Brasilien gemeint. Aber ist es auch Ihre «andere Heimat», eine Art, sich gegen Missverständnisse zu wehren?
Ja, weil mir die konkrete Antwort auf die Heimatsuche nie gefallen hat. Nach meinen «Heimat»-Filmen haben Tourismusverbände im Hunsrück den Slogan «Hunsrück ist Heimat» gefunden. Damit wollten sie sagen: Wenn ihr Heimat sucht, kommt zu uns. Das ist doch alles nicht wahr, genauso wenig wie der Heimatbegriff von Leuten, die sich nur abgrenzen in ihrer glücklichen Geborgenheit. Diese Leute sind meine Gegner, mit meinem Film wollte ich ihnen zeigen, dass Heimat immer die andere Heimat ist, ein Ort, an den wir nicht gelangen. Eine Konstruktion, eine Sehnsucht.

Kam Ihnen das, was Sie sich mit Ihren «Heimat»-Filmen zu eigen gemacht haben, oft fremd vor?
Ganz fremd, ich bekomme seit Jahren dicke Briefe, in denen mir Zuschauer ihre Lebensgeschichte schildern, manchmal sind das 100, 200 Seiten. Diese Leute sagen sich: Wenn das, was ich gesehen habe, es wert ist, in einem Film erzählt zu werden, dann ist auch meine Geschichte es wert, erzählt zu werden. Meist denken sie, ich würde das sofort verfilmen, aber diese Texte bleiben mir alle fremd, weil sie aus anderen Fantasielagen heraus erzählt sind. Aber natürlich kann kein Autor kontrollieren, was in den Köpfen der Zuschauer vorgeht. Man ist schon glücklich, wenn überhaupt etwas passiert. Wenn Zuschauer durch meine Filme eine Aufwertung ihrer Innenwelt erfahren, freue ich mich. Dann merken sie, wie wertvoll ihre eigenen Sehnsüchte sind. Dagegen ist unsere auf Konkurrenz ausgerichtete Existenz letztlich eine Verarmung.

Wie meinen Sie das?
Heute steht an erster Stelle der Konsum, uns wird permanent eingeredet, wir seien unglaublich frei und individuell. Mit jeder Jacke, die wir kaufen, treffen wir eine individuelle Entscheidung. Nicht einmal ein Kranker hat noch die Chance, individuell krank zu sein. Alle Krankheiten bekommen einen Namen und werden von Spezialisten behandelt. Dass man den Freiheitsbegriff gleichgesetzt hat mit der Konsumgesellschaft, ist eine völlige Absurdität.

Haben die Hunsrücker eigentlich irgendwann genug davon, im Innern eines Films zu leben?
(lacht) Das haben sie nie getan. Das Dorf Schabbach ist fiktiv, die Darsteller sind nur selten Hunsrücker. Die Schauspieler haben den dortigen Dialekt, den Hunsrücker Platt, mit einem Coach gelernt. Ich habe den Hunsrück mit 18 Jahren verlassen, die Region ist auch in meinem Innern zu einer fiktionalisierten Landschaft geworden. Aber wenn Sie heute Leute aus Rheinland-Pfalz fragen, woher sie kommen, antworten diese: «Kennen Sie ‹Heimat›?» Da komme ich her.» Als ob sie im Film geboren wären!

Und die Bauern in der Region sagen nie: «Jetzt kommt wieder der Reitz, jetzt müssen wir wieder die Traktoren ausschalten»?
Das denken sie schon, aber wenn wir im Hunsrück drehen, sind alle Gaststätten voll und alle Hotels belegt. Von den fünf Millionen, die so ein Film kostet, bleiben vier Millionen in der Region. Ich glaube, das wissen die Leute auch.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.08.2014, 08:28 Uhr)

Stichworte

Farbreste der Sehnsucht

«Die andere Heimat»

Edgar Reitz, 1932 im Hunsrück geboren, drehte zwischen 1984 und 2006 fürs Fernsehen den gewaltigen «Heimat»-Zyklus. Er erzählte von der Familie Simon aus Schabbach, deren Geschichte von 1919 bis zur Jahrtausendwende reichte. «Die andere Heimat» gibt ihr nun eine Vorgeschichte. Sie führt ins elend harte 19. Jahrhundert, ihr Held ist Jakob Simon, der Träumer, den sie den Indianer nennen. Seine wahre Heimat trägt er im Kopf und im Herzen, sie heisst Brasilien, denn dort lebt die tropische Freiheit. Für Jakob, den Sohn des Schmieds, aber muss Heimat auch dort sein, wo Vater und Mutter sind und die Pflicht, ihnen beizustehen und das dumpfe Schabbach auszuhalten, während andere auswandern, die viel lieber blieben. Das ist die Tragik in diesem wunderbar differenzierten Historienfilm, wo die Wirklichkeit grau erscheint und nur manchmal die Farbreste von Sehnsüchten aufblitzen. (csr)

Szenen aus «Die andere Heimat».

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