Hier Not, da Abendbrot

Mit «Fuocoammare» gewann an der Berlinale ein formal fataler Dokumentarfilm den Goldenen Bären.

Goldener Bär für den italienischen Film «Fuocoammare».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Toten im Schiffsbauch, die Geretteten, die aus der Hölle geflüchtet sind. Währenddessen der 12-jährige Samuele, wie er Steinschleudern bastelt und Hausaufgaben erledigt. Alltag auf Lampedusa: Hier Not, da Abendbrot. Ein Jahr lang machte sich der italienische Regisseur Gianfranco Rosi ein Bild vom Flüchtlingselend auf der Insel, begleitete Rettungsschiffe, filmte Überlebende, die entkräftet unter Plachen kauern. Angesichts der namenlosen Masse von Ankommenden brauchte er einen Protagonisten: Samuele, der lustige Fischerbub. Einmal geht dieser zum Augenarzt, weil er ein schwaches Auge hat – wie wir, suggeriert der Film: halb blind gegenüber der Tragödie.

Mit «Sacro GRA», dem Porträt von Anwohnern der Römer Umfahrungsstrasse, hat sich Rosi als Empathiker des dokumentarischen Kinos empfohlen. In «Fuocoammare» verschneidet er nun auf problematische Weise Elendes und Banales. Dass sich Samuele vor der Kamera in Szene setzen kann, wirkt angesichts der Situation mehr als unangebracht. Fataler noch sind die Aufnahmen von Geretteten und Toten. Sie verdoppeln die Bildsprache der TV-Nachrichten – so wie die unkommentierten Beobachtungen von Samueles Alltag in erprobter Art des Direct Cinema zur Identifikation einladen: mit dem europäischen Leben zwischen Spaghettischlürfen und Lokalradio.

«L’avenir» hätte mehr verdient

Beides kennen wir bereits, beides bewirkt wenig. Es führt wenn nicht gleich zur Flucht vor dem Horror, dann zu ungefährlicher Betroffenheit. Ärgerlich ist «Fuocoammare» nicht wegen eines voyeuristischen Blicks, sondern weil Rosi unsere eigene Position gegenüber der Problematik unreflektiert lässt. Die Metapher vom schwachen Auge hilft wenig, man fühlt sich nicht mitgemeint: Erschütternd, wie wenig «Fuocoammare» zum Erschüttern brachte. Für die Berlinale-Jury unter der Leitung von Meryl Streep war der Film denn auch ein Sieger aus «Notwendigkeit» – als gälten Hauptpreise politischen Konsensthemen.

Dazu passte der Silberne Bär für Danis Tanovis «Death in Sarajevo», eine unausgegorene, aber unterhaltsame Parabel auf das Pulverfass Europa. Tiefer schürfte «A Lullaby to the Sorrowful Mystery», Lav Diaz’ achtstündige Begehung des philippinischen Geschichtsraums. Für diese Fantasie über das Verlaufen der Zeit gab es den Alfred-Bauer-Preis. Und gerade weil er nicht als relevanter Themenfilm ausgeflaggt war, hätte «L’avenir» von Mia Hansen-Løve mehr verdient als den Regiepreis. Das kluge Drama ums Verlassenwerden einer von Isabelle Huppert gespielten Philosophielehrerin handelte von den immer auch politisch zu verstehenden Umbrüchen im Leben einer nicht mehr ganz jungen Frau.

In «L’avenir» erreicht die Regisseurin eine Eleganz des auslassenden Erzählens. Wie wenig andere dirigiert und variiert sie den Flow der kleinen und grossen Nebensächlichkeiten, die sich zu einem Leben reihen. Dass Schweizer Verleiher damit offenbar wenig anfangen konnten, ist ein zusätzlicher Jammer.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.02.2016, 18:01 Uhr)

Der italienische Regisseur Gianfranco Rosi erhielt für seinen Film «Fuocoammare» den Goldenen Bären. Foto: AFP

Video

«Fuocoammare», Trailer. Quelle: Youtube

Artikel zum Thema

Europa als Vorbild für die USA

Die Berlinale zeigt «Where to Invade Next»: Michael Moore ruft darin zur ironischen Besetzung des Alten Kontinents auf. Mit diesem beschäftigen sich auch Wettbewerbsfilme – wesentlich kritischer. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Trainieren oder verlieren

Mit Gedächtnistrainings die Lernfähigkeit verbessern.

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Bunter Augenblick: Im indischen Mumbai findet der Feiertag Janmashtami zu Ehren Krishnas Geburt statt. Viele Hindus malen sich hierfür die Gesichter an. (23. August 2016)
(Bild: Indranil Mukherjee) Mehr...